Über die Anden und dann bis ans Ende der Welt

Dorothee Fleck

Von Dorothee Fleck

Fr, 20. Juni 2014

Steinen

AUF WELTREISE MIT DEM RAD: Dorothee Flecks letzter Reisebericht aus Südamerika / Windiges Patagonien, Iguazu-Fälle und die Rückkehr nach Europa.

STEINEN. Vor einigen Tagen ist Dorothee Fleck von ihrer zweiten Weltreise mit dem Fahrrad zurückgekehrt. Vergangenen Samstag stand sie der Badischen Zeitung bereits in einem Interview Rede und Antwort über die 48000-Kilometer Tour. Ihren letzten Artikel über die Reise hatte sie uns da bereits per Mail übermittelt.

Im Oktober 2013 landete ich in Santiago de Chile. Gleich gab es die erste Herausforderung, die 29 Kurven auf den Paso de la Cumbre in den Anden, Richtung Argentinien. Oben auf ca. 3200 Meter lag Schnee, von Ferne grüßt der Aconcagua, der höchste Berg Amerikas. Anschließend musste ich nicht mehr viel in die Pedale treten, auf den zirka 200 km nach Mendoza ging es fast nur bergab.
Die argentinische Ostseite der Anden ist weit weniger besiedelt als die chilenische Westseite, es regnet kaum, deswegen ist es auch nicht so grün. Südlich von Mendoza hatte ich die erste Begegnung mit einem heftigen Sturm, ausgerechnet auf einem Sandweg. Es war ausgesprochen unangenehm, mit den kurzen Radlerhosen wie in einem Sandstrahler zu stehen.
Südlich von Bariloche bin ich wieder nach Chile gewechselt, um die Carretera Austral entlang zu fahren. Diese 1350 Kilometer lange Strecke bis fast in den südlichsten Teil Chiles ist bei Radfahrern sehr beliebt, zunächst für mich vollkommen unverständlich. Die Strecke ist fast nur Schotterpiste, es regnet viel wenn es nicht schneit. Aber man wird für seine Strapazen belohnt, die Landschaft zwischen den Bergen und Fjorden ist sehr beeindruckend.
Noch vor der Carretera Austral traf ich zwei junge amerikanische Radfahrerinnen, mit denen ich die nächsten zwei Monate zusammen war. Weihnachten verbrachten wir in Punta Arenas, der südlichsten chilenischen Stadt und Ende 2013 kamen wir ans Ende der Welt, nach Ushuaia, Argentinien. Hier trafen sich alle, die Panamericana-Fahrer, die in Alaska gestartet sind und mit Wohnmobil, Motorrad oder Fahrrad den ganzen Kontinent entlang fuhren. Die meisten beenden hier ihre Reise, leider auch meine zwei Mitradlerinnen.

3000 Kilometer Einsamkeit bis Buenos Aires

Ich jedoch drehte um und fuhr durch Feuerland und an der Ostküste Argentiniens nach Norden. Hier lernte ich eine ganz andere Seite Patagoniens kennen – beinahe endloses Nichts, flach wie ein Pfannkuchen, kein Hügel, der den kalten Wind aus den Anden aufhält. Radfahrer traf ich auf dieser Strecke so gut wie keinen. Kaum jemand tut sich diese 3000 Kilometer bis Buenos Aires an. Die Einsamkeit und Leere macht mir nichts aus. Ohne Ablenkung von außen haben die Gedanken im Kopf mehr Spielraum. Nur der Wind! Er bläst hier mit einer Geschwindigkeit von 80-100 Stundenkilometern. Solche Strapazen brauche ich nicht mehr. Mein Ego lässt es jetzt zu, ein Stück von Autos mitgenommen zu werden.
Wenn man tagelang durch braune Wüste fährt, die einzige Abwechslung Guanakos, Nandus und Gürteltiere sind, weiß man Bäume und Grün zu schätzen. 800 Kilometer vor Buenos Aires, am Rio Colorado, beginnen die Landwirtschaft und somit auch der Verkehr. Buenos Aires habe ich dann weiträumig umfahren, fuhr vorbei an deutschen Kolonien, in die nordöstliche Provinz Misiones, Heimat des Mate-Strauches. Kein Argentinier geht ohne Thermosflasche und Mate aus dem Haus, das teeähnliche Aufputschgetränk ist Kult.

Iguazu-Fälle ein tolles Wasser- Spektakel

Mein Ziel waren die spektakulären Iguazu-Fälle im Dreiländereck Paraguay-Brasilien-Argentinien. In Foz du Iguazu, Brasilien, gibt es ein "Casa de Ciclistas", Die Herren des Fahrradklubs unterhalten ein Haus, in dem Radfahrer kostenlos wohnen können. Wirklich ein Luxus. Die Wasserfälle können von der argentinischen und brasilianischen Seite bewundert werden. Selten habe ich ein eindrucksvolleres Naturschauspiel erlebt. Die brasilianische Seite gibt einen guten Überblick über die Fälle, auf der argentinischen muss man mehr Zeit einplanen, es gibt lange Wege, auf denen man entlang und unter Wasserfällen durchgehen kann. Man hat das Gefühl, von den Wasserfällen gehen magische Kräfte aus. Von allen Seiten schießt Wasser herab, es entstehen wunderbare Regenbogen.
Dann meldete sich mein Reisefieber wieder und ich machte mich auf den Weg, zuerst nach Osten an die Küste, dann nach Süden. Wie so oft, kam das Beste zum Schluss: Uruguay! Sofort nach der Grenze war alles ruhig und entspannt, das Land ist ziemlich dünn besiedelt. Die drei Millionen Einwohner leben zur Hälfte in Montevideo. Die andere Hälfte lebt auf dem Land und viele Uruguayer wohnen im Ausland. Weil ich bis zu meinem Rückflug nach Europa noch genügend Zeit hatte, beschloss ich, ab sofort Urlaub zu machen. Überall gab es Wasser, Essen und die Möglichkeit das Zelt aufzustellen. Es war einfach fantastisch.

Zurück in Europa: Spanien als Freilichtmuseum

Obwohl, neu motiviert und ausgeruht, war die Reise für mich in Südamerika zu Ende. Von Colonia del Sacramento, Uruguay ging es mit der Fähre über den Rio Plata, direkt nach Buenos Aires. Dort bin ich dann abgeflogen. Ein paar Tage später hatte mich Europa wieder. Ich bin in Madrid gelandet und von dort aus gen Norden geradelt. Wenn man so lange in der "Neuen Welt" unterwegs war, weiß man erst wieder richtig, was man in der "Alten Welt" für Schätze hat. Auf der ganzen Strecke durch Spanien hatte ich das Gefühl ich fahre durch ein riesiges Open Air Museum. Über die Kehler Rheinbrücke war ich schließlich zurück in Deutschland, gesund und munter, nach 48028 Kilometern zwei Jahren, drei Monaten und einer Woche.