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04. September 2010

"Wichtig, dass man sein Leben lebt"

BZ-INTERVIEW: Die Steinenerin Dorothee Fleck ist nach ihrer Reise mit dem Fahrrad um die Welt wieder Zuhause angekommen.

  1. Dorothee Fleck freut sich, wieder zu Hause zu sein. Foto: Silke Kohlmann

  2. Foto: privat

  3. Foto: Dorothee Fleck

  4. Foto: privat

  5. Impressionen einer Reise um die Welt: Dorothee Flecks Fahrrad vor einem Nomadenzelt in der Mongolei, Abendstimmung in Indonesien und eine Szene aus China (von links). Foto: privat/Silke Kohlmann

STEINEN. Russland und die Mongolei, China, Australien und Südamerika. Dorothee Fleck hat in zweieinhalb Jahren mehr gesehen, als andere im ganzen Leben. Jetzt ist die Steinenerin wieder zurück. BZ-Redakteurin Silke Kohlmann hat mit der 47-Jährigen über die Höhepunkte der Radreise um die Welt gesprochen.

BZ: Wie fühlt man sich, wenn man zweieinhalb Jahre auf dem Rad unterwegs war und dann wieder sesshaft werden soll?

Dorothee Fleck: Eigentlich bin ich immer noch auf Tour. Ich bin immer nur ein paar Tage wieder im Wiesental und ansonsten sehr viel unterwegs. Und da ich kein Auto habe, mache ich viele Strecken mit dem Fahrrad. Aber ganz ehrlich: Ich fühle mich noch wie auf Besuch.

BZ: Gehen wir noch einmal ganz zum Anfang Ihrer Reise. Wie viele Menschen gab es damals, die Ihnen von der Radtour um die Welt abgeraten haben?

Fleck: Niemand. Keine einziger hat versucht, mir das auszureden. Ich hatte die Idee, als ich aus Madagaskar zurückkam und habe zunächst mal mit meiner Familie darüber gesprochen. Die haben gesagt: ha ja, warum nicht, du hast schon so viel von der Welt gesehen, dann kannst Du jetzt auch mit dem Fahrrad um die Welt fahren. Und für mich war es selbstverständlich, dass ich das alleine mache – und ich habe die Entscheidung nie bereut. Natürlich: Ich habe einen sichereren Job gekündigt und jetzt wieder reinzukommen ist nicht einfach. Aber ich war ja nicht im Urlaub, sondern habe unterwegs so viel gelernt – durch die Leute, die man trifft und die Erfahrungen, die man macht.

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BZ: Welche Erfahrungen oder Erkenntnisse sind es denn, die Sie von der Reise mitbringen?

Fleck: Ich bin viel ruhiger geworden, mache mir nicht mehr so viele Sorgen. Auch wenn es tagsüber mal nicht so aussah – ich hab doch jeden Abend einen Platz zum Schlafen gefunden. Und ich habe so viele Frauen getroffen, die mir gesagt haben: Wenn Du um die Welt reisen kannst, dann kann ich auch meinen Traum verwirklichen. Die wichtigste Erfahrung ist, dass viel mehr möglich ist, als man eigentlich denkt. Der erste Schritt ist bestimmt nicht einfach, aber es ist wichtig, dass man sein Leben lebt und nicht nur das tut, was von einem erwartet wird. Und diese Erfahrung will ich jetzt auch an andere weitergeben.

BZ: Aber es gab bestimmt auch brenzlige Situationen, oder?

Fleck: (überlegt lange) Sehr selten. Entweder habe ich das verdrängt oder die Situationen waren nicht so akut. Einmal in der Mongolei hat ein betrunkener Reiter versucht, mich mit dem Lasso einzufangen. Aber er war zu betrunken und ich war mit dem Fahrrad auf der Straße einfach schneller als er mit dem Pferd. Wenig angenehm waren auch die Wüstendurchquerungen. Aber ansonsten habe ich mich kaum gefährdet gefühlt. Wenn man mit dem Fahrrad kommt, kommt man ungeschützt und signalisiert: Ich tu dir nix. In vielen Ländern fahren nur die Armen mit dem Rad. In der Vorstellung der Menschen dort musste ich ganz arm sein, wenn ich so etwas machen musste. Und so jemandem tut man nichts.

BZ: Haben Sie während Ihrer Fahrt nicht manchmal ans Umkehren gedacht?

Fleck: Nein, aufgeben wollte ich nie. Wohin hätte ich auch zurückgehen sollen? Ich hatte ja meine Wohnung und meinen Job gekündigt. Natürlich hatte ich immer mal wieder einen Durchhänger, aber dann kommt wieder eine Situation, die alles wieder gut macht. Wie im wahren Leben, muss man auch bei einer Fahrradfahrt immer wieder durch ein Tief durch.

BZ: Und Ihr Fahrrad hat das alles auch ohne Probleme mitgemacht? Wie viele Platten hatten Sie unterwegs?

Fleck: Naja, ich habe schon sehr viele Teile an meinem Fahrrad immer wieder ausgewechselt: Speichen, den Sattel, die Kette, Pedale. Die meisten Reifen sind mir im Norden von Australien geplatzt, aber das lag an deren Qualität. Nachdem ich dort wieder gute Reifen aufgezogen hatte, hatte ich in ganz Südamerika nur einen einzigen Platten.

BZ: Sie haben die ganze Welt umrundet. Jetzt können Sie uns ja auch sagen, wo auf der Erde es am schönsten ist!

Fleck: Für mich immer noch in der Mongolei. Die Landschaft ist gigantisch, die Leute sind unheimlich nett und ich fand das Leben der Nomaden auch wahnsinnig spannend. Die Menschen halten trotz der Einflüsse aus dem Westen an ihren Traditionen fest. Sie haben zwar Satellitenschüsseln und Handys, führen aber trotzdem noch ihr traditionelles Leben in ihren Zelten. Bei ihnen wurde ich richtig ins Familienleben eingebunden und habe zum Beispiel mitgeholfen, Blutwürste zu machen. Das war toll, mitgegessen habe ich dann aber nicht (lacht).

BZ: Und welche exotischen Speisen wurden Ihnen sonst serviert?

Fleck: Ganz im Süden von China wurde ich einmal eingeladen. Die Gastgeber wollten mir das Beste auftischen, was sie hatten: Schildkrötensuppe. Aber ich hab sie nicht gegessen. Wenn mir etwas unangenehm ist, sag ich lieber nein.

BZ: Tiere auf dem Teller sind das eine. Aber Sie sind wahrscheinlich auch manch gefährlichem Lebewesen in der Natur begegnet.

Fleck: Die einzigen Tiere, die mir hätten gefährlich werden können, waren Zecken im russischen Wald. Dort gibt es wesentlich mehr als hier und sie übertragen Krankheiten wie die Frühsommermeningitis. Ansonsten bin ich einmal einem Wolf begegnet, in Australien habe ich natürlich viele, viele Kängurus gesehen und Krokodile, aber Gott sei dank nur Süßwasserkrokodile, das sind Vegetarier.

BZ: Und die beeindruckendste Begegnung mit einem Menschen?

Fleck: Das war die mit dem Vorsteher eines buddhistischen Klosters in Kambodscha, wo ich eine Woche gearbeitet habe und den Mönchen Unterrichtsorganisation beigebracht habe. Das war eine ganz besonderer Mensch. Er war bis zum Alter von zwölf Jahren nicht in die Schule gegangen und kam dann ins Kloster. Heute ist er verantwortlich für viele Hilfsprojekte in Kambodscha. Er hat etwa arbeitslosen Fischern beigebracht, Pilze zu züchten und ihnen so wieder eine Lebensgrundlage gegeben. Er gibt Englischunterricht für Kinder und betreut viele Projekte für Aidskranke. Aids ist in Kambodscha ein großes Problem. All das macht er mit ganz geringen Mitteln.

BZ: Jetzt haben Sie so viel von der Welt gesehen. Wo könnten Sie es sich denn vorstellen, zu leben?

Fleck: Vielleicht in Australien. Dort habe ich auch viele Freunde. Aber eigentlich reicht es mir, wenn ich dort jemanden habe, den ich besuchen kann. Ich bin nicht unglücklich, dass ich jetzt wieder hier bin.

BZ: Sie haben die ganze Welt bereist – und finden es doch im Wiesental am schönsten?

Fleck: Ja, das Dreiländereck gefällt mir. Es hat kulturell etwas zu bieten und ist landschaftlich sehr schön. Aber wenn ich nicht genau wüsste, was ich hier tun will, würde ich wohl nicht lange bleiben.

BZ: Sie wollen Ihre Erfahrungen hier weitergeben?

Fleck: Ich mache zunächst eine Ausbildung in Zürich. Ich will Vorträge halten und Menschen dabei helfen, ihre Träume zu verwirklichen. Es muss ja nicht jeder gleich seinen Job kündigen und eine Fahrradtour um die Welt machen, sondern eben seinen ganz eigenen Traum verwirklichen. Aber zur Selbstreflexion gibt es andererseits keine bessere Methode, als tagelang allein durch die Wüste zu fahren.

Autor: skn