28. April 2009 21:31 Uhr

Ausgrabung

Archäologen finden steinzeitliche Totenstadt

In neun Monaten haben französische Archäologen beim Straßburger Flughafen eine steinzeitliche Totenstadt ausgegraben – ein echter Knochenjob, wie BZ-Korrespondentin Constance Frey festgestellt hat.

STRASSBURG. Die Gräber werden der Großgartach-Kultur zugeordnet, die von 4700 bis 4500 vor Christus im heutigen Süddeutschland und im Elsass lebte. Bis Ende Mai müssen die Forscher des departementübergreifenden Pols für Archäologie (Pair) die Funde abtransportiert haben. Dann beginnt am Fundort der Bau eines Gewerbekomplexes.

Anthropologin Aminte Thomann inspiziert eines der Skelette, die bei Entzheim gefunden wurden. | Foto: Constance Frey
Tiefgraue Regenwolken hängen über der braunroten Erde, die in kleinen Hügeln aufgeschicht ist. Auf der Umgehungsstraße rauschen Lastwagen vorbei, ein Schild weist zum Flughafen Enztheim. Keine hundert Meter entfernt kniet ein Dutzend Frauen und Männer über Mulden und wischt Erdbrösel von Knochen und Keramikschalen. Diese stammen aus einer Zeit, in der Menschen in dieser Region zum ersten Mal sesshaft wurden.

Eigentlich sollten die Archäologen auf dem vier Hektar großen Areal nach gallo-romanischen Funden forschen. "Dann kam die Überraschung", sagt Grabungsleiter Michaël Landolt. In den unteren Erdschichten kamen Schädel hervor. Heute zählen die Wissenschaftler sechs Grabstätten aus der frühen Jungsteinzeit um 5400 vor Christus und 38 Gräber aus der mittleren Jungsteinzeit. Es ist eine der größten Nekropolen aus dieser Zeit, die im Elsass gefunden wurden. "Hier haben Menschen 7000 Jahre lang gesiedelt", erklärt Archäologin Céline Leprovost. Die meisten Gräber rechnet sie der Großgartach-Kultur zu. Der Name erinnert an einen Ort bei Heilbronn, wo 1901 erstmals eine solche Siedlung gefunden wurde.

Schmuck und Tongefäße als Grabbeigaben

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Ihre Lehmhäuser stellten die Menschen damals auf Holzpfähle. Sie bauten Getreide an und mahlten es zwischen Steinplatten. Sie jagten und arbeiten mit Pfeilen und Sicheln aus Feuerstein, die sie mit Harz an Holzstücken befestigten. Und sie begruben ihre Toten auf dem Rücken liegend und legten ihnen Tongegenstände und Schmuck mit ins Grab.

Wie bei dem Skelett, das Anthropologin Aminte Thomann gerade Knochen für Knochen in beschriftete Plastiktüten verpackt. "Ich schätze, es ist ein Mann um die 50. Aber das muss ich noch im Labor klären." Bei seinem Kopf befindet sich ein kleiner Tonbecher mit kleinen Noppen. "Diese Becher wurden in einem Korbgeflecht aufgehängt, die Noppen dienen als Halterung", erklärt Michaël Landolt. Daneben liegt ein zerbrochenes Gefäß aus schwarz gebrannter Keramik. Das Besondere daran: "Wir glauben, dass die Schale schon zerbrochen war, als sie ins Grab gelegt wurde", sagt Céline Leprovost. "Die großen Hohlräume um dieses Skelett lassen darauf schließen, dass noch andere Dinge im Grab gelegen haben, die zersetzt wurden", ergänzt Thomann.

Waren es Blumen, geflochtene Körbe, war es Obst oder Gemüse? Zumindest bei den Tongefäßen haben die Forscher noch Chancen, das herauszufinden. "Wir lassen die Erde in der Keramik, damit sie auf Nahrungsmittelreste untersucht wird", sagt Leprovost. Vor dem Abend wird das Skelett abtransportiert sein. Dann ist es vor Witterungseinflüssen und Grabräubern sicher. Und vor den Regenwürmern, so Leprovost. "Die sind oft dafür verantwortlich, dass an Skeletten Knochen verschoben oder verschwunden sind."

Ende Mai ist die Ausgrabung beendet. Dann beginnt die Auswertung, die hoffentlich einige Rätsel löst. Warum einige Gräber nach Nordwesten und andere nach Südosten ausgerichtet wurden, zum Beispiel. Warum es auch Urnen gibt, in denen Überreste von Menschen gesammelt wurden. Und warum relativ viele Kinder unter den Toten sind.  

Autor: Constance Frey



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