Historischer Badetempel

Stephan Elsemann

Von Stephan Elsemann

So, 14. Januar 2018

Straßburg

Der Sonntag Winterbadespaß in der Region (2): Die Bains Municipaux in Straßburg.

Vorerst letzte Gelegenheit, in Straßburg einen außergewöhnlichen historischen Badetempel zu besuchen: Die Bains Municipaux, die städtischen Badeanstalten, sind ein Denkmal, das man benutzen kann, doch sie werden demnächst renoviert und ab Ende Juni für eine längere Zeit schließen.

Zurzeit lässt sich dort noch eine alles andere als museale Badekultur erleben, in einem wunderschönen Ambiente und mit einem Komfort, der außergewöhnlich ist. Der immense Jugendstil-Badepalast aus dem Jahre 1908 ist der große architektonische Wurf von Fritz Beblo, einem Breslauer Architekten, der 1903 nach Straßburg kam, um im annektierten Elsass die urbanen Visionen des kaiserlichen Deutschlands umzusetzen. Viele der Straßburger Gebäude der Kaiserzeit hat er entworfen, darunter auch einige Schulen und die Magdalenenkirche.

Eigenwilliger Stilmix mit mächtigem Gewölbe

Beblo entwarf das "Grand Établissement Municipal de Bains" in einem eigenwilligen Stilmix von Jugendstil und historisierenden gotischen Elementen. Beeindruckend sind die mächtigen Gewölbedecken der Schwimmhallen mit ihren bunten Glasfenstern. Wie viele Bäder wurde das Bad der Zeit entsprechend mit zwei Schwimmbecken ausgestattet, mit einem größeren für Männer und einem kleineren für Frauen.

Zum kleinen Luxus des Straßburger Badevergnügens gehören damals wie heute komfortable Umkleidekabinen mit direktem Zugang zum Becken. Nach dem Umziehen lässt man seine Sachen einfach darin und und steht dann unmittelbar in der Schwimmhalle. Wenn man genau hinschaut: Die Kabinen der kleineren Halle im ehemaligen Frauenbad sind größer als bei den Männern, denn man ging davon aus, dass Frauen mit kleinen Kindern kommen und mehr Platz brauchen.

Badeanstalten dienten seinerzeit in erster Linie der Hygiene. Deshalb waren immer auch Bereiche für Wannenbäder integriert, auch in Straßburg. Und so bekommt man auch heute noch gegen einen sehr bescheidenen Obolus von 1,50 Euro ein Badezimmer zur Verfügung gestellt, mit einer Badewanne darin. An alles wurde in Straßburg gedacht. Sogar ein Hundebad war seinerzeit mit dabei, mit separatem Eingang von außen. Das ist heute nicht mehr in Betrieb, wie vieles andere auch. Manche Abteilung, wie das Solarium, musste aus Sicherheitsgründen stillgelegt werden. Nur noch etwa die Hälfte der gesamten Anlage ist heute noch geöffnet – und das sind immer noch gigantische 5000 Quadratmeter. Prunkstück des Bades ist das "Bain Romain" – ein ganz in Marmor gehaltenes irisch-römisches Dampfbad in der typischen Anordnung mit Dampfbad, Warmbadebecken, Kaltbadebecken und zwei Heißlufträumen. Verschwenderisch große, persönliche Umkleidekabinen stehen auch hier den Badegästen zu Verfügung.

Doch ab Juni ist fürs Erste Schluss mit dem Vergnügen, denn die Zeit hat mächtig genagt am Jugendstilkleinod. Auch wenn das Messinggestänge unter der Kuppel des Entrees stets auf Hochglanz gewienert wird – viele der schönen und heute wieder so beliebten Regenduschen sind verkalkt und somit außer Betrieb, Farbe blättert von den Kabinen und die Haustechnik ist marode.

Die dringend nötige Renovierung wird aber auch mit Sorge betrachtet, denn es bleibt zu hoffen, dass es beim Anstrich bleibt und der Charme des Bades nicht wegsaniert wird. Denn die alte Badekultur fällt nicht unter den Denkmalschutz – etwa der Komfort der Umkleiden. Oder Kuriositäten wie eine alte Rückendusche, die nach mehr als 100 Jahren Betrieb etwas steif im Gelenk ist. Auch viele Stammgäste sehen die Renovierung mit Sorge, vor allem, was die Entwicklung der Eintrittspreise betrifft.

Seit mehr als zehn Jahren trifft sich Pascal Roller jeden Dienstag mit seinem besten Freund im "Bain romain". Nun hat er gehört, dass das Bad nach der Sanierung privatisiert werden soll und dann wesentlich teurer wird als zurzeit noch. Eine "Valorisation", eine Aufwertung, kündigt bereits eine Schautafel im Eingangsbereich an. Wegen der Gerüchte hat sich eine Bürgerinitiative gebildet, "La Victoire pour Tous", die sich dafür einsetzt, die Bains Municipaux als Bad für alle zu erhalten.

Straßburg ist kein Einzelfall. Seit vielen Jahren boomen Spas und Wellnessbäder, und so werden auch die alten Tempel der Badekultur wiederentdeckt, poliert oder sogar aus dem Dornröschenschlaf geweckt, wie in Berlin das Bad in der Oderberger Straße, das als schickes Eventbad wiedereröffnet wurde, oder in Nürnberg, wo zurzeit Geld gesammelt wird, um einen 100 Jahre alten und seit 1992 geschlossenen Badepalast mit sogar drei Schwimmbecken wieder zum Leben zu erwecken.

stephan elsemann