Kunstgenuss im Vorbeifahren

teli

Von teli

Sa, 15. September 2018

Straßburg

BLICK INS ELSASS: 680 000 Besucher beim sommerlichen Lichtspektakel in Straßburg / BI-Protest gegen nächtliche Landungen.

STRASSBURG (teli). Es ist nur ein Katzensprung von der Ortenau ins Elsass und in die quirlige Europastadt Straßburg. Was sich jenseits des Rheins tut, beleuchtet immer samstags unser "Blick ins Elsass".

Fassaden-Kunst

Seit sechs Jahren gibt der Straßburger Kaffeehersteller Sati jungen Künstlern aus Frankreich, Deutschland und der Schweiz die Möglichkeit, eines ihrer Werke an seiner Fassade zu realisieren. Ausgewählt wird das entsprechende Kunstwerk von einer fünfköpfigen Jury, zu der auch der Firmenchef gehört. "Curiosité industrielle" (etwa: industrielle Neugier) heißt die Kreation von Joanna Hateley und Thomas Roger, die nun ein Jahr lang den Firmensitz schmückt. 30 000 Fahrzeuge passieren täglich die ehemalige Nationalstraße von der Europabrücke in Richtung Straßburger Innenstadt und haben dabei freien Blick auf das Kunstwerk. Auch von der Tram aus ist Curiosité industrielle zu sehen. Dass auf diese Weise auch Menschen, die nicht in Museen gehen, mit moderner Kunst in Kontakt kommen, ist der durchaus gewollte Nebeneffekt der Aktion des Kaffeeproduzenten.

Erfolgsbilanz

Die Bilanz über das Straßburger Sommerprogramm fällt aus Sicht der Stadtregierung sehr positiv aus: Bestnoten verteilt der zuständige Beigeordnete, Mathieu Cahn, dem Straßentheaterfestival, bei dem an drei Tagen rund 100 000 Besucher gezählt wurden. Der Termin für den nächsten Sommer steht bereits fest: Künstler und Gaukler werden die Stadt vom 9. bis zum 11. August verzaubern. Quasi ausgebucht waren im heißen Sommer 2018 auch die Sommer-Docks mit ebenfalls rund 100 000 Besuchern – tagsüber nutzten vor allem Familien den Strand mit seinen Liegestühlen und Spielangeboten für Kinder, am Abend waren es die Jugendlichen. Etwas gemischter fällt die Beurteilung der Illumination aus: Das Universitäts-Palais wird im nächsten Jahr auf jeden Fall nicht mehr ins Sommerspektakel mit einbezogen, das steht schon fest; ob der Barrage Vauban im Altstadtviertel La Petite France wieder Projektionsfläche für eine Licht- und Ton-Schau sein wird, ist noch offen. Das Konzept des nächtlichen Spaziergangs von einem Aufführungsort zum anderen wurde jedenfalls nicht als ideal empfunden: Der Weg vom Barrage Vauban bis in die Neustadt war für viele Besucher offenbar zu weit. Dennoch haben 680 000 Menschen die Vorführungen gesehen, das sind im Schnitt 12 830 pro Abend und damit deutlich mehr als 2017, als sich 10 714 Zuschauer allabendlich die Münsterbeleuchtung angeschaut haben. Das Münster soll weiterhin zentraler Ankerpunkt des Sommerprogramms bleiben, bei der Stadt wird überlegt, die Videoprojektion durch Theaterelemente zu ergänzen und dadurch lebendiger zu gestalten.

Nachtflüge

Eigentlich besteht für den Straßburger Flughafen auf dem Gebiet der Gemeinde Entzheim ein Nachtflugverbot: Zwischen 23.30 Uhr und 6 Uhr dürfen keine Flugzeuge starten; zwischen Mitternacht und 6 Uhr dürfen keine landen – mit einer Toleranz von jeweils einer halben Stunde. Ausnahmen gelten für Notfälle. Diese Regelung, beklagen Anwohner, existiere jedoch nur auf dem Papier. Während die Bürgerinitiative Ufnase 2013 noch neun Nachtflüge gezählt hat, seien es 2016 bereits 22, 2017 gar 50 und bis Ende August dieses Jahres schon fast 80 gewesen, wie sie der Straßburger Tageszeitung Dernières Nouvelles d’Alsace (DNA) berichtet. Verstoßen würden gegen das Nachtflugverbot zum einen Billigflieger-Airlines zum anderen aber auch Charterfluggesellschaften, behauptet die Bürgerinitiative.

In diesem Sommer seien immer wieder Flugzeuge um 2 oder 3 Uhr in der Nacht gelandet. Die Anwohner seien nicht gegen die Entwicklung des Flughafens in Entzheim, betont der Präsident der Bürgerinitiative Francis Rohmer gegenüber den DNA, doch würde bei viel größeren Flughäfen mit Millionen von Fluggästen das Nachtflugverbot eingehalten. Die BI Ufnase fordert deshalb, dass die Vereinbarung für das nächtliche Flugverbot beim Flughafen Entzheim durch einen ministeriellen Erlass ersetzt wird, wie er beispielweise für den Pariser Flughafen Orly oder beim Flughafen von Toulouse existiere. Einen entsprechenden Vorschlag hat die Bürgerinitiative bei der Präfektur bereits eingereicht. Der Direktor des Straßburger Flughafens, Thomas Dubus, widerspricht – ebenfalls in der DNA – den Behauptungen der Anwohner, von denen rund 300 am Montag vor dem Flugplatzgelände demonstriert haben. Die Zahl der Nachflüge nehme nicht zu; nur ihre Art habe sich verändert, argumentiert er: Die lauten Postflugzeuge gebe es seit 2014 nicht mehr, dafür würden jedoch mehr Spenderorgane mit Nachtmaschinen gebracht, es sich somit im Notfälle handeln. Fünf- oder sechsmal pro Jahr sei darüber hinaus der Fußball Verursacher von nächtlichen Flügen – die habe es nicht gegeben, als der Fußballclub Racing Straßburg nicht mehr in der ersten Liga spielte. Nachtflüge anzunehmen sei darüber hinaus für den Flughafen kein lukratives Geschäft: Schließlich müsse dann auch Personal außerhalb normaler Tarifzeiten vorgehalten werden, betont Thomas Dubus.

Lesepause

"Ruhe – wir lesen" lautet das Motto einer Aktion, die im vergangenen Schuljahr in einigen Straßburger Schulen zum ersten Mal getestet wurde: 20 Minuten lang ruht der Schulbetrieb dann jeden Tag, Schüler, Lehrer, aber auch Hausmeister und Verwaltungsangestellte holen ein Buch ihrer Wahl aus der Tasche und lesen in aller Ruhe, so die Idee dahinter. Was gelesen wird, entscheidet jeder selber, es kann in Frankreich, einem Land mit hoher Kultur in diesem Genre auch ein Comic sein. Einzige Bedingung: Es muss sich um ein richtiges Buch handeln und nicht digital gelesen werden. Zu Beginn des neuen Schuljahres hat der Straßburger Oberbürgermeister Roland Ries, der einst selber Literaturunterricht in der Oberstufe erteilte, die Schulen aufgefordert, sich an der frankreichweiten Aktion zu beteiligen, die ein Verein ins Leben gerufen hat. Bislang haben 15 der 114 Straßburger Schulen Roland Ries signalisiert, dass sie sich an der Lesepause beteiligen wollen.