Schätze im Schwarzwald (10)

Die Geschichte einer Krankheit: Epilepsiemuseum in Kehl-Kork

Anita Rüffer

Von Anita Rüffer

Mi, 22. Februar 2017 um 15:03 Uhr

Südwest

Ein Museum, das sich einer Krankheit widmet: Das gibt es nicht so häufig. In Kork, einem Ortsteil von Kehl, befasst sich ein Museum mit der mythenumrankten Anfallskrankheit Epilepsie.

In Kork ist – neben Bethel – eines der führenden Epilepsiezentren Deutschlands beheimatet.

Der Mediziner Hansjörg Schneble hat das Zentrum von 1985 bis 2005 geleitet und von Anfang an alles zu der mythenumrankten Anfallskrankheit gesammelt, was ihm unter die Augen kam. Seine Sammelleidenschaft und die Begeisterung für sein Fach ließen die Zahl der Exponate ins Unermessliche wachsen.

Seit 1998 breiten sie sich in den beiden oberen Stockwerken einer denkmalgeschützten ehemaligen Essigfabrik im Ortskern von Kork aus. Die Stadt hat dem Sammler die Räume zur Verfügung gestellt. Begeisterte Internetkommentare aus aller Welt lassen darauf schließen, dass es sich bei dem Epilepsiemuseum um etwas Einzigartiges handelt.

Rund um die Krankheit gibt es viele Mythen und Aberglaube

Schließlich ist die Krankheit, der sich das Museum widmet, keine banale Erkältung. Wer sich von Hansjörg Schneble (75) durch seinen "Familienbetrieb" (auch Ehefrau und Sohn sind eingebunden) führen lässt, taucht tief ein in einen Kosmos aus Medizin, Sozial- und Kulturgeschichte und trifft dabei auf unglaubliche Mythen, Anekdoten, Aber- und Wunderglauben.

"Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung."
Hansjörg Schneble
Das beginnt bei den Gesetzestafeln des babylonischen Königs Hammurabi 1700 vor Christus, mit denen eine großformatige Zeittafel zur Geschichte der Krankheit einsetzt: Wer einen Sklaven erwirbt, der unter Epilepsie leidet und als Arbeitskraft angeblich wertlos ist, hat ein garantiertes Rückgaberecht. Einfache Diagnoseverfahren sollten Klarheit schaffen. Eine Darstellung zeigt eine mit Wasser begossene sich drehende Töpferscheibe, mit der ein Flackerlicht erzeugt wurde, das epileptische Anfälle auslösen konnte – für Hansjörg Schneble das EEG der Antike.

Der Arzt hat in seiner Sprechstunde immer wieder Jugendliche angetroffen, die nach einem Discobesuch, ausgelöst durch das Flackerlicht der Discokugeln, rätselhafte Anfälle erlebten, steif oder bewusstlos wurden, Schaum vor dem Mund hatten, in seltsame Zuckungen verfielen. "Ein sogenannter großer Anfall kann furchtbar aussehen", sagt der Neurologe. Er kann durch alles Mögliche ausgelöst werden: Fieberkrämpfe bei kleinen Kindern, ein versehentlicher Stromschlag, Durchblutungsstörungen, Schlafmangel, Alkohol.

Epilepsiekranke wurden teils zwangssterilisiert

Von Epilepsie spricht der Neurologe erst, wenn solche Anfälle immer wieder auftreten. Schneble wäre kein leidenschaftlicher Mediziner, wenn er sein Museum nicht nutzen würde, um aufzuräumen mit den in der Öffentlichkeit verbreiteten Vorurteilen, die über die Jahrhunderte zur fürchterlichen Ausgrenzung von Epilepsiekranken führte (auch sie ist ausführlich dokumentiert). Nein, Epilepsie ist keine Erbkrankheit. Nein, sie ist nicht unheilbar. Nein, sie hat nichts mit einer Geisteskrankheit zu tun. "Epilepsie ist eine neurologische, keine psychiatrische Erkrankung." Mit derlei Feinheiten haben sich die Nazis nicht aufgehalten: Auch Epilepsiekranke wurden zwangssterilisiert. 113 Patienten aus Kork wurden in Grafeneck ermordet. Infotafeln bringen die Fakten kurz und knapp auf den Punkt. Eigenhändig hat Schneble gezeichnet, was im Gehirn vorgeht bei verschiedenen epileptischen Anfallsformen, die das ganze Gehirn oder nur einen umgrenzten Herd erfassen können. Auch Laien können mühelos erkennen, was es auf sich hat mit den Ladungen in den Zellen und wie sie sich umkehren können. Aufnahmen mit dem Elektronenmikroskop ergänzen die Einblicke in die wundersame Wirkungsweise der Hirnzellen.

Mehr als 300 alte Bücher vom 17. bis 19. Jahrhundert über die "Krankheit der 1000 Namen" – so der Titel eines eigenen Werkes – hat Schneble gesammelt. In einer Vitrine findet sich etwa das Original einer Doktorarbeit von 1687 über "die Krankheit, vor der man ausspuckt". So hoffte man, sich vor Ansteckung zu schützen (die es nicht gibt) und die Dämonen fernzuhalten, die dafür verantwortlich gemacht wurden.

Die Räume widmen sich unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten. Ein Wegweiser am Eingang verschafft Orientierung. Angesichts der Fülle der Exponate empfiehlt es sich, persönliche Schwerpunkte zu wählen. Es sei denn, man hat viele Stunden Zeit mitgebracht und Hansjörg Schneble als Museumsführer an seiner Seite: Es gibt ja so viel zu erzählen.

Seltsame Behandlungsmethoden von früher

Zum Beispiel zum Thema Diagnostik. EEG-Apparate, mit denen über Elektroden die millionstel Volt schwachen Hirnströme gemessen werden, zeigen den enormen medizinischen Fortschritt seit der Wende zum 20. Jahrhundert. Ein Hilfsmittel, das nach Schnebles Auffassung den eigentlichen Schlüssel zur Diagnose der Epilepsie nicht überflüssig machen darf: "Zuhören und beobachten – das konnten die Alten besser." Zum Beispiel der Frankfurter Kinderarzt und Psychiater Heinrich Hoffmann, der 1845 seinen "Struwwelpeter" veröffentlichte. In Kork finden wir eine Abbildung des Hans-guck-in-die-Luft, wie er, den Blick gen Himmel gehoben, geradewegs auf ein Gewässer zuläuft. Die epileptische Erscheinungsform einer sogenannten Absence? Der Name der Figur wurde sogar für ein Krankheitsbild übernommen.

Die seltsamsten Behandlungsmethoden haben die Altvorderen sich ausgedacht. Wir sehen Abbildungen, auf denen den Betroffenen während eines Anfalls brutal auf den Kopf geschlagen wird, um die bösen Geister daraus zu vertreiben. In einer Vitrine findet sich ein Pulver aus zermahlenen menschlichen Schädelknochen oder die Duftdrüse eines kanadischen Bibers, deren Sekret als Antiepileptikum in jeder Apotheke vertrieben wurde.

Der heilige Valentin: der wichtigste unter 40 Epilepsieheiligen

Die schönen alten Apothekengefäße sind Futter für die Augen, ebenso die großen Abbildungen diverser Pflanzen wie Johanniskraut oder Pfingstrosen: Ihre Blüten fallen durch ihre Signalfarben auf, die die Geister abschrecken sollten. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die ersten chemischen Präparate entdeckt, zunächst eher zufällig. Seit den 90er-Jahren werden sie in großer Zahl gezielt entwickelt. Eine ganze Glasvitrine ist damit gefüllt. Sie dürften, ebenso wie die großen Fortschritte in der Hirnchirurgie, dem heiligen Valentin eine Menge Arbeit abnehmen: unter den 40 Epilepsieheiligen ist er der wichtigste. Mit unzähligen Votivtafeln ist er im Museum vertreten.

Über eine schmale Treppe gelangen wir ins Dachgeschoss und werden empfangen von einer Wand voller Porträts von Berühmtheiten, von Caesar bis Edward Snowdon. Auch APO-Mann Rudi Dutschke litt nach dem Attentat, das auf ihn verübt wurde, unter epileptischen Anfällen. Einer kostete ihn in der Badewanne das Leben.

Unter der Dachschräge finden sich unzählige Spuren, die die Krankheit in der Kunst hinterlassen hat: Skulpturen und Gemälde, auch von Betroffenen selbst, und Bücher über Bücher: Hansjörg Schneble hat sie alle gesammelt, in Vitrinen ausgestellt mitsamt den vergrößerten Textstellen zur Epilepsie. Dostojewski hat die eigene Krankheit, mit der er sogar Glücksgefühle verband, in zahlreichen Werken verarbeitet. Ihm ist eine eigene Vitrine gewidmet.
Epilepsiemuseum

Adresse
Oberdorfstraße 8,
77694 Kehl-Kork
http://www.epilepsiemuseum.de

Öffnungszeiten
Sonntags 14 bis 17 Uhr, Eintritt frei

Programm
Führungen auch außerhalb der Öffnungszeiten für an Medizin-, Sozial- und Kulturgeschichte interessierte Laien, Betroffene, Studierenden- oder Selbsthilfegruppen Kontakt: Dr. Hansjörg Schneble, Tel. 0781/77244 hschneble@epilepsiezentrum.de

Sonst noch interessant
Ehrenamtlich betriebenes Handwerksmuseum, gleiches Haus, gleiche Öffnungszeiten (Modelle von Fachwerkhaustypen des Hanauer Landes, von Rentnern gebaut, Werkzeuge, eine Uhrensammlung, u. a. mit einem alten Glockengeläut aus dem Straßburger Münster).

Geheimtipp
Alte Landschreiberei, renoviertes Fachwerkhaus von 1714, betrieben von der Diakonie auf dem Gelände des Epilepsiezentrums, auch Menschen mit Behinderung arbeiten mit (Empfehlung Hansjörg Schneble).

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