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07. März 2009 01:04 Uhr

Pfusch am OP-Tisch

Hans Peter Friedl – Betroffene erinnern sich

Seit neun Jahren darf der Unfallchirurg Hans Peter Friedl in der Universitätsklinik Freiburg kein Skalpell mehr in die Hand nehmen.Was wurde aus denen, die unter ihm gelitten haben, von ihm verschnitten wurden oder versuchten, ihm das Handwerk zu legen?

  1. Hans Peter Friedl

DIE PATIENTEN
Nein, er sei nicht wütend, sagt Stefan Baltes. Eher hochgradig ratlos, wie so etwas überhaupt möglich sei. "Wir reden hier nicht von grob fahrlässiger Körperverletzung, sondern von Vorsatz." Der 56-Jährige spricht ruhig, nur wer genau hinhört, spürt noch einen Rest Fassungslosigkeit und Resignation in seiner Stimme. Die große Wut, die Angst und Verzweiflung, das ist zwölf Jahre her. Damals, im Sommer 1997, diagnostizierten die Ärzte, erzählt Baltes, einen Bruch im Bereich seiner Halswirbelsäule, ihm hätte eine Querschnittslähmung gedroht. Baltes kommt in die Klinik, auf Friedls Station. "Das war ein ungeheuer charismatischer Mensch, ein liebenswürdiger Kerl. Ich habe ihm wirklich blind vertraut", erinnert sich Baltes. Der liebenswürdige Kerl habe dann bei ihm eine Metallplatte im Hals nicht richtig verschraubt, erzählt er, später falsches Material bei einer Operation an der Lendenwirbelsäule verwendet.

Eine eingesetzte Schraube brach, Schraubenteile mäanderten noch heute in seinem Rücken, so der Friedl-Patient. "Keiner traut sich, sie rauszuholen; das Risiko einer Lähmung ist zu groß." Also erträgt Baltes die Schmerzen. Am Hals, am Rücken, am Bein. Die Schmerzen aber seien nicht das Schlimmste. "Mein Leben, so wie es einmal war, existiert nicht mehr." Seine Beziehung ist an dreieinhalb Jahren Krankschreibung und zwölf Operationen an der Wirbelsäule gescheitert. Seine Freunde, mit denen er Wandertouren in den Alpen unternahm oder mit dem Motorrad durch die Gegend fuhr, zogen sich nach und nach zurück. – "ich habe ja ständig alle Unternehmungen abgesagt". Einen herben Schlag fürs Selbstvertrauen bedeutete für Baltes das Ende seiner Karriere. Einer der Besten sei er gewesen in seinem Job als Versicherungsvertreter, einer, der sich keinen Wettbewerb entgehen ließ. Seit einigen Monaten kann er immerhin wieder zu 50 Prozent arbeiten. Er hat sich abgefunden. "Damals dachte ich noch, ich tue alles dafür, dass dieser Mensch nie wieder am OP-Tisch steht. Ich habe geklagt, aber irgendwann erkannt, dass das ein Kampf gegen Windmühlen ist." Baltes akzeptiert einen Vergleich und erhält 9000 Euro Schmerzensgeld. Im Strafverfahren wird Friedl allerdings in diesem Fall vom Vorwurf der Körperverletzung freigesprochen. Das Leben, sagt Baltes , werde schon nachholen, was die Justiz versäumt hat. Irgendwann. Irgendwie.

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   Darauf will Nicolae Matei nicht vertrauen. Und deshalb gibt er Interview um Interview, kontaktiert Anwälte und hofft, einen zu finden, der den ganzen Fall noch einmal von vorne aufrollt. Gerade hat sich die Bild-Zeitung angekündigt, die wollen seine Geschichte noch einmal groß bringen. "Vielleicht hilft das ja. Mir geht es nicht ums Geld, nicht im Mindesten. Das Einzige, was mich interessiert, ist Gerechtigkeit", sagt der 44-jährige Rumäne. Im Oktober 1999 kam er nach Deutschland, um sich an der Hüfte operieren zu lassen. Friedl durchtrennte ihm während der OP die große Beckenschlagader und durchlöcherte die Beckenvene mit einer Schraube. Das Bein ist trotz mehrerer Nachoperationen bis heute völlig taub, nutzlos für den ehemaligen Polizisten, der jetzt das Leben eines Einbeinigen führt. "Jeden Morgen sehe ich als Erstes meine Krücken, wie soll ich da vergessen?", sagt Matei. Er kann sich nicht alleine anziehen, Spaziergänge sind unmöglich, Treppensteigen auch. Durch die Operationen ist das linke Bein zehn Zentimeter kürzer als das rechte. Er muss extra orthopädische Schuhe anfertigen lassen, für ein Bein, dass er nicht mehr fühlt. Er hat Schmerzen beim Laufen, beim Schlafen, beim Wetterwechsel. Doch damit könnte man leben, sagt Matei, unerträglich seien vor allem die psychischen Folgen. Er kann nicht mehr als Polizist arbeiten. Und wenn seine Enkelin nicht versteht, dass Opa sie nicht auf den Arm nehmen kann, dann steigen dem Rumänen die Tränen in die Augen. "Friedl soll büßen für das, was er getan hat", sagt Matei. Er will kein Geld vom deutschen Staat, er will Schmerzengeld von Friedl. Nicht weil er es nötig hätte, "hier geht es ausschließlich ums Prinzip."

DER AUFKLÄRER
Dr. Ruprecht Zwirner wahrt Haltung. Wie er sie jahrzehntelang als stolzer Chirurg am OP-Tisch gewahrt hat. Und wie er sie nun heute im feinen grauen Zwirn, weißem Tuch in der Brusttasche und Rotarierrad am Revers auch dem Journalisten demonstriert. Und wie er sie in der Affäre Friedl bewiesen hat. Noch heute lässt den schwerkranken Mann die Geschichte um den der Körperverletzung überführten Kollegen nicht los. Man hat fast das Gefühl, der etwa 15 Zentimeter dicke Aktenordner auf dem Wohnzimmertisch in Kirchzarten stellt für den 79-Jährigen eine Art Vermächtnis dar. "Hier ist das ganze Material drin", sagt Zwirner. Und weil es so kostbar ist, soll es, auch dafür ist gesorgt, nach Zwirners Tod einmal den Archiven der Uniklinik übergeben werden. "Vielleicht schreibt ja mal jemand ein Buch darüber." Die ersten Seiten der Sammlung stammen aus dem Januar 1999: Damals standen drei junge Ärzte hilfesuchend vor dem stellvertretenden Präsidenten der regionalen Ärztekammer. "Herr Zwirner, wir stecken in einem Gewissenskonflikt." Irgendwann rückten sie mit der Sprache raus. Berichteten von stümperhaft ausgeführten Operationen, gefälschten Unterlagen und Mobbingversuchen, die sich unter der Leitung ihres Chefs Friedl auf der Unfallchirurgie der Uniklinik Freiburg häufen würden.

Zwirner leitete die Beschwerden weiter, berichtete pflichtbewusst dem Chef der universitären Allgemein-Chirurgie und Prodekan, Eduard Farthmann, "aber es passierte nichts". Die Klinikleitung schien nichts unternehmen zu wollen, obwohl in der Zwischenzeit weitere Menschen zu Schaden kamen. Zwirner fuhr nach Stuttgart und legte seine Beweise dem Spiegel vor. Der Skandal nahm Fahrt auf, kostete Friedl zumindest die Möglichkeit, seinen Beruf auszuüben – und ließ alle anderen Beteiligten unbehelligt. Ein Umstand, der den alten Mann noch heute in Rage versetzt. Seine Niere mag die Arbeit verweigern, die sich im Körper sammelnden Gifte bereits den Gang prägen, aber wenn das Gespräch auf das Verhalten der Uniklinik kommt, mobilisiert die Empörung noch einmal die letzten Kräfte: "Die wirkliche Geschichte ist die, wie eine Universität wider besseren Wissens jahrelang den Mann gedeckt hat", auf einmal wird der Mediziner richtig laut. "Schuldig sind auch die Herren, die Friedl so lange walten ließen." Ärzte wie er, die das verrieten, was für ihn ein ganzes Medizinerleben lang galt: "Aegroti salus suprema lex" – Das Wohl des Patienten ist oberstes Gesetz. "Ärztliches Ethos kannten nur die drei, die ihre Rübe rausgehalten haben." Dass es im Fall Friedl so wenig von diesen "wahren Ärzten", wie er sie nennt, gab, kann Zwirner bis heute nicht begreifen.

DIE AUFDECKER
Sie sind alle untergekommen, das ist die gute Nachricht. Der Fall Friedl mag die Assistenzärztin Bettina Götze und die beiden Oberärzte Christoph Haag und Mahmond Seif El Nasr, die drei aus Zwirners Wohnzimmer, die akademische Karriere gekostet haben, wie einige meinen, aber nicht die ärztliche. Trotz des Stigmas, das sie in der Chirurgengemeinde hatten, wie sich Seif El Nasrs Frau, Hedie von Essen, selbst einst Assistenzärztin unter dem Chef Friedl, erinnert. Haag ist Oberarzt in Lörrach, sie selbst Leiterin des Notfallzentrums in einem Bonner Krankenhaus, ihr Mann als Chefarzt der Unfallchirurgie in einer Klinik etwas weiter südlich. Und die Kollegin Götze arbeitet ebenfalls als Oberärztin in einer Klinik in Südbaden. "Sie hat damals ihre Habilitation hingeschmissen und ist gegangen", erzählt von Essen. Im Mai 2000 wurde Friedl suspendiert, schon Anfang des Jahres waren die Verschwörer, wie der Chefarzt die vier Ärzte später titulierte, weg. "Ich wollte in diesem Klima nicht mehr arbeiten", sagt Haag. Ein Klima, das Hedie von Essen so beschreibt: "Wir waren in Not, wir hatten Angst, was wir noch sagen durften. Es hat uns keiner unterstützt, weder Vorgesetzte noch Klinikleitung haben sich bemüht, uns aufzufangen." Im Gegenteil: Als sie sich hilfesuchend an den Ärztlichen Direktor Frommhold wandte, erstattete der schon telefonisch Bericht bei Friedl, bevor sie noch das Zimmer verlassen hatte. Inzwischen ist sie "sehr glücklich" mit der neuen Stelle, dasselbe gilt für ihren Mann und Haag, den beide wie auch Götze regelmäßig sehen. Der, sagt die Gattin, habe einen Schlussstrich gezogen, wolle gar nicht mehr über die Vergangenheit reden. Auch Haag hat "die Sache" für sich "abgeschlossen". Hedie von Essen kann das nicht. "Für mich ist dies eine bleibende Ungerechtigkeit gegenüber den Patienten und uns Angestellten – zumindest solange die Uniklinik ihre Verantwortung nicht eingeräumt hat."

DER KLINIKCHEF
"Herr Professor Frommhold steht zu keinem Gespräch zur Verfügung", lässt der pensionierte Klinikchef mitteilen. Der Mann, der noch im Mai 2000 verlauten ließ, "zum Misstrauen gegenüber Herrn Friedl besteht kein Anlass". Wie hat es der ehemalige leitende Oberarzt von Friedl, inzwischen Chef der Chirurgie an einer Freiburger Klinik, ausgedrückt: "Den ersten Stein hätte ich nicht werfen wollen, nicht aus meiner Position. Das wäre die Aufgabe von anderen gewesen. Leute in weit höheren Stellungen, die über den Sachverhalt genauso informiert waren."

DER VATER
"Ich bin sehr erleichtert, dass auch mich mal jemand fragt", sagt Klaus Broghammer. Das Bedürfnis zu reden, ist ihm am Telefon deutlich anzumerken: Und gleich dreimal erzählt der Augenarzt im Ruhestand die Schlüsselszene, die er "nicht aus dem Kopf kriegen kann". Seine Tochter fiebrig im Bett nach der missglückten Beinverlängerung, ihr Bein rot, dick geschwollen, glühend. Davor Chefarzt Friedl mit seinem Tross, der alle eindeutigen Zeichen, die auf eine Entzündung und Infektion hindeuten, ignoriert und steif und fest behauptet habe: Dieses Bein hat nichts! "Und dann hat er auf seinen Kopf gezeigt und gesagt, das kommt alles von hier oben", empört sich Broghammer. "Morgen käme deshalb ein Nervenarzt." Mühevoll gelang es dem Vater, Friedl zu überzeugen, der Tochter ein Antibiotikum zu geben. "Was ist das nur für ein chirurgischer Ordinarius, der sich von einem Augenarzt so etwas sagen lassen muss." Als Medizinstudent hat er noch ehrfurchtsvoll seinen Professoren gelauscht, heute hat er jedes Vertrauen in Lehrstuhlinhaber verloren. Seit dem Friedl-Urteil und der Zwei-Millionen-Abfindung ist noch ein tiefes Misstrauen gegenüber Staat und Justiz hinzugekommen. "Gerichte sind eine bürokratischer Saftladen", schimpft der 70-Jährige. Und die Tochter? Die hat nun 40 Operationen später wenigstens im Moment keine Schmerzen mehr. Auch wenn die Bakterien weiter in ihren Beinknochen ihr Unwesen treiben. Kann nicht mehr wandern oder längere Spaziergänge machen. "Im Frühjahr bekommt sie ein Baby, wer hätte das gedacht", und plötzlich klingt auch Klaus Broghammers Stimme froh.

Rechenspiel: Was bleibt Hans Peter Friedl von seinen zwei Millionen Abfindung?