Von der Erde bis zum Mond

Julia Salome Richter

Von Julia Salome Richter

So, 16. Dezember 2018

Basel

Der Sonntag Schönschreiben ist eine Kunst, die der Basler Kalligraph Andreas Schenk beherrscht.

Der Basler Kalligraph Andreas Schenk beschäftigt sich seit 40 Jahren professionell mit der Kunst des schönen Schreibens. Er zeigt, dass die Nachfrage nach Handgeschriebenem trotz Digitalisierung ungebrochen ist.

Das Betreten des Scriptoriums am Rheinsprung erscheint wie eine Reise in die Vergangenheit: Im kleinen, mit Holz beheizten Raum erinnern lediglich ein Telefon und elektrische Lampen an die heutige Zeit. Alles andere – Federkiele, Tintenfässer, der Holzschreibtisch – könnte genauso gut einem anderen Jahrhundert entstammen. Dieses aus der Zeit gefallene Lokal, das sich im Erdgeschoss eines im 15. Jahrhundert erbauten Fachwerkhauses bei der Basler Schifflände befindet, ist seit 1983 die Wirkstätte des Kalligraphen Andreas Schenk.

Seit mehr als vierzig Jahren widmet sich der gebürtige Basler hauptberuflich der Schönschreiberei. Und wie das kleine Scriptorium scheint auch diese Kunstform wie ein Import aus der Vergangenheit. "Was ich mache, ist tatsächlich etwas anachronistisch", sagt Schenk und lacht. Dennoch sei heute die Nachfrage nach schön geschriebenen Briefen, Hochzeitseinladungen oder Weinetiketten ungebrochen. "Die Digitalisierung bestärkt das Bedürfnis nach Handgeschriebenem."

Während die Kunst des Schönschreibens in der westeuropäischen Tradition über lange Zeit hinweg vor allem von Geistlichen verwendet wurde, um religiöse Texte zu kopieren, ist sie heute für breitere Bevölkerungsschichten zum Hobby geworden. Dennoch gehört Schenk zu den Wenigen, die von der Kalligraphie leben können. "Der Beruf des Kalligraphen ist heute eigentlich inexistent", sagt er. Der 64-Jährige praktiziert ihn dennoch erfolgreich und mit Leidenschaft. Nach dem Besuch der Kunstgewerbeschule in Basel und einer Lehre als Hochbauzeichner, erlernte Schenk die Kunst des Schönschreibens autodidaktisch und bildete sich im Laufe der Jahre bei international renommierten Kalligraphen weiter.

Kalligraphie braucht Geduld und Übung

Was braucht es, um ein guter Kalligraph zu sein? "Geduld und Selbstgenügsamkeit", sagt Schenk. Wichtig sei aber auch die Übung. "Der Buchstabe muss ohne zu überlegen kommen. Um die Kalligraphie zu beherrschen, muss man von der Erde bis zum Mond schreiben." Auch nach 40 Jahren als Kalligraph übt Andreas Schenk deshalb, wo immer sich die Gelegenheit bietet – beispielsweise beim Verfassen von Einkaufszetteln.

Schenks Berufstätigkeit als Kalligraph beruht auf verschiedenen Standbeinen. Da es sich kaum lohnt, das kleine Lokal am Rheinsprung dauerhaft geöffnet zu haben, führt er einen Onlineshop, in dem vom Tintenfass über Pergament bis hin zu verschiedenen Schreibfedern alles erhältlich ist. Zudem gibt er Kalligraphie-Kurse und bearbeitet Aufträge von Privat- und Geschäftskunden sowie von der Basler Regierung. Auch für prominente Gäste der Stadt Basel hat Schenk schon schön geschriebene Dokumente erstellt. Etwa für den Dalai Lama oder anlässlich einer Buchpreisverleihung für Michail Gorbatschow. Er erinnert sich aber auch gerne an die unprominenten Kunden: "Einmal kam an einem Muttertag ein kleiner Junge zu mir, legte fünf Franken auf den Tisch und bat mich, einen Gruß für seine Mutter zu schreiben."

Der Kalligraphen-Alltag ist von der Vielseitigkeit der Aufträge geprägt. Manchmal beschriftet Schenk 600 Briefumschläge, manchmal schreibt er Weihnachtskarten oder Zunftbücher. Dabei sind die Vormittage für jene Aufträge reserviert, die viel Konzentration erfordern. Nachmittags arbeitet Schenk an Schriftstücken, die mehr Spielraum und Kreativität erlauben. "Wie schnell ich mit einem Auftrag vorankomme, hat viel mit meiner jeweiligen Stimmung zu tun", sagt er. Deshalb lasse sich seine Arbeit auch schwer mit einem Stundenlohn messen. Und trotz jahrzehntelanger Übung passieren auch Kleckse und Verschreiber, die Zeit kosten. "Das ist mühsam, aber normal."

Und schließlich ist Andreas Schenk auch als Künstler tätig und beispielsweise mit experimenteller Kalligraphie in Ausstellungen präsent. Denn die Kalligraphie bedeutet ihm viel mehr als der Broterwerb durch Auftragsarbeiten. Für ihn ist die Kunst des Schönschreibens eine Suche nach Authentizität und nach der Möglichkeit, sich das Nonverbale zwischen den Zeilen zu erschließen.
Scriptorium am Rheinsprung, Rheinsprung 2, Basel. Öffnungszeiten nach Vereinbarung. Weitere Informationen unter http://www.kalligraphie.com