Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

03. September 2011

Auf der Suche nach Anna

Aus einer verwickelten Familiengeschichte, die tief in die Abgründe des 20. Jahrhunderts hineinreicht.

  1. D. Scherle Foto: Privat

  2. Hochzeit von Robert und Emma Dittus am 5. September 1903 in Pforzheim, oben: Anna und Klara Foto: Privat

  3. Foto: Privat

Meine Großmutter Else hat immer gern von ihrer großen Familie erzählt. Ihr Vater Jakob Dittus hatte fünf, ihre Mutter Emma Volz drei Kinder in die zweite Ehe mitgebracht, und aus der gemeinsamen Ehe stammten noch einmal zwei Kinder. Meine 1897 geborene Großmutter war die jüngste. Aus ihren Erzählungen erstand in mir das Bild einer Großfamilie im Pforzheim der Jahrhundertwende, die trotz der verwickelten Familienverhältnisse zusammenhielt. 25 Jahre nach dem Tod meiner Großmutter stoße ich auf Zusammenhänge, die ratlos machen. Die Familiengeschichte reicht tief in die Abgründe des 20. Jahrhunderts hinein.

Als ich bald nach dem Tod meiner Großmutter die Fotos aus ihrer Familie sortierte und einklebte, fiel mir auf, dass ich keine Geschichten über ihre Halbschwester Anna Dittus kenne. Von ihr gab es ein einziges von meiner Großmutter beschriftetes Kinderbild: "Meine Schwestern Anna und Klara." 25 Jahre später habe ich mich auf die Suche gemacht. Die Archive in Pforzheim und Neuhausen fanden zwei Brüder und eine Schwester, deren Namen ich nie gehört hatte. Nur keine Anna.

Werbung


Aber ich hatte doch das Kinderbild. Je öfter ich die Familienfotos betrachtete, desto mehr fiel mir auf, dass eine Frau auf den Gruppenfotos Klara sehr ähnelt und dieselbe ist, die auf dem Bild eines Kölner Fotografen ein Kind namens Erna auf dem Arm trägt. Nun war ich fast sicher: Anna war verheiratet, hatte eine Tochter und lebte mit ihrer Familie in Köln. Ein Verwandter meinte sich dunkel zu erinnern, dass eine Schwester einen Juden geheiratet hatte und in Mannheim wohnte. Ich wandte mich noch einmal ans Pforzheimer Stadtarchiv und bat zu recherchieren, ob zwischen 1895 und 1905 eine Anna Dittus in Pforzheim geheiratet hatte. Wenige Tage später hatte ich im Briefkasten einen Umschlag mit Annas Geburts- und Heiratsurkunde. Anna Dittus, Jahrgang 1876, heiratete im November 1900 im Pforzheimer Standesamt den 1873 geborenen jüdischen Kaufmann Isaac Kahn, genannt Julius, aus Sulzburg, der zu diesem Zeitpunkt aber in Mannheim lebte. Seine Eltern sind der Weinhändler Leopold Kahn und Julie Kahn geborene Levy. Auf der Heiratsurkunde ist vermerkt, dass das Amtsgericht Brühl Isaac Kahn im Februar 1949 für tot erklärt hatte. Das Todesdatum wurde fiktiv auf den 4. Oktober 1944, 24 Uhr, festgelegt. Anna Kahn starb im Januar 1962 in Köln-Nippes, kurz vor ihrem 86. Geburtstag. Ich war erschüttert und zugleich froh, dass sie gefunden waren. "Ich habe die Anna", schrie ich meinem 83-jährigen Onkel ins Telefon. Er war so aufgeregt wie ich: Auf einmal hatte er Onkel, Tante und Cousine gewonnen, von denen er nichts wusste. Und dann Sulzburg, so nah. Ich musste nur in mein Bücherregal greifen und den Band über die badischen Synagogen aufschlagen, um die Synagoge zu sehen, in der mein Großonkel seine Bar Mizwa gefeiert hat.

Nur: Wieso hat mir meine Großmutter nie von ihrer Schwester Anna erzählt, die ein Jahr vor meiner Geburt gestorben ist? Ein Mitglied meiner Familie wurde deportiert und wahrscheinlich im KZ ermordet, und niemand weiß davon. Das stellt Fragen, die keiner mehr beantworten kann. Meine Großmutter gehörte nicht zu denjenigen, die das Dritte Reich verschwiegen, und sie war nicht judenfeindlich. Bis zum Wegzug aus Berlin 1942 – mein Großvater war 1935 im Zuge der Länderzentralisation ans Reichsjustizministerium versetzt worden – ließ sie meinen Onkel und meinen Vater von einer jüdischen Kinderärztin behandeln, deren Honorar sie sich nicht von der Beamtenkasse meines Großvaters erstatten lassen konnte. Einen SA-Mann, der sie am Einkaufen in einem jüdischen Kurzwarenladen hindern wollte, schob sie beiseite und sagte "Ich kaufe ein, wo ich will", während mein Onkel an ihrer Hand Ängste ausstand. Hat die Familie Anna, Isaac und Erna im Dritten Reich im Stich gelassen? Hat Anna den Kontakt abgebrochen, als der Sohn ihres ältesten Bruders Robert entgegen der sozialdemokratischen Prägung ihrer Familie ein überzeugter Nationalsozialist wurde, Mitglied der Reiter- SS? Meine Großeltern haben ein Geheimnis mit ins Grab genommen.

Ich versuche, so viel herauszufinden, wie irgend geht. Internetrecherchen führten mich zum Buch "Die Familie Kahn von Sulzburg in Baden" von Ludwig David Kahn. Gleich auf der ersten Seite, noch vor dem Vorwort, fand ich meinen Großonkel unter der Überschrift "Sie starben für ihren Glauben – Ihr Andenken sei gesegnet": An dritter Stelle ist "Kahn Isaak, genannt Julius" genannt. Er wurde am 11. September 1944 "zur Verfügung der Gestapo in Brühl-Köln in Marsch gesetzt". In welchem Konzentrationslager er ermordet wurde, ist nicht zu ermitteln; im Gedenkbuch des Bundesarchivs war Isaac / Julius Kahn bislang nicht aufgeführt (was sich mit der nächsten Aktualisierung der Online-Version ändern wird). In dem Buch über die Familie sind selbst meine Großtante Anna und Tochter Erna aufgelistet: Erna heißt mit zweitem Namen Helena, ist Jahrgang 1903 und heiratete 1924 in Köln. Haben sie und ihr Mann Josef Röttgen das Dritte Reich überstanden? Laut Taufauszug aus Köln war Erna evangelisch getauft, galt aber im Dritten Reich als "Halbjüdin" und mithin zu den verfolgten Personen.

Isaacs Urahnen sind wohl im 16. Jahrhundert aus Polen oder Böhmen ins Elsass eingewandert. Der älteste nachweisbare Vorfahr ist Rabbiner Isaak Kahn, der um 1600 lebte. Dessen Enkel David Kahn wurde aus dem Elsass als "erster Rabbiner der oberländischen Judenschaft", und das heißt für das Gebiet Sulzburg, Müllheim, Emmendingen und Ihringen, nach Sulzburg berufen. Auf vier Generationen Rabbinen folgten im 18. Jahrhundert die ersten Weinhändler. Isaacs Vater Leopold Kahn wechselte aber im Lauf seines Lebens vom Wein- zum Schuhhandel. Da malte ich mir schon aus, dass mein Großonkel auch mit Schuhen handelte und meine Großtante in der Schuhmacherwerkstatt ihres Vaters kennen gelernt hatte, der nicht nur Schuhe reparierte, sondern auch herstellte.

Isaacs Mutter Julie stammte aus Thann im Elsass. Sie starb 1905, sein Vater Leopold 1917. Sie sind auf dem jüdischen Friedhof in Sulzburg begraben. Julie Kahns Grabstein habe ich gefunden: Ihr jüdischer Name ist Breinele, der ihres Mannes Jehuda. Isaac ist als "Isak Julius Kahn" auf dem im Eingangsbereich des Friedhofs aufgestellten Gedenkstein für die Opfer des Nationalsozialismus genannt.

Weitere Recherchen führten zu Barbara Becker-Jáklis Buch über "Juden in Brühl". Kahns waren 1912 von Köln nach Brühl gezogen und führten dort (tatsächlich) eine Leder- und Schuhhandlung. 1936 mussten sie ihr Geschäft aufgeben. Einer nichtjüdischen Zeugin zufolge suchte Isaac/Julius Kahn vor Kriegsausbruch regelmäßig ihre Eltern auf, um verbotene Radiosender zu hören. Eine andere nichtjüdische Zeitzeugin beschreibt die so genannte Reichskristallnacht bei Kahns: "Ich vergesse nie: Nebenan wohnte die Familie Kahn (…). Da war plötzlich ein furchtbares Rumpeln und Poltern im Nachbarhaus. Da zogen SA-Leute rein und zerdepperten und zerkloppten alles, das ganze Mobiliar. Es war fürchterlich. Am Abend des Tages ging ich in den Hof zum Mülleimer. Kahns wohnten auf dem ersten Stock und hatten einen Balkon. Da war Mehl, Zucker, Öl alles zusammengekippt worden – eine große Schweinerei; Kahns waren beim Aufräumen. Da hör ich, wie die Frau Kahn – eine feine Frau – beim Saubermachen sagte: ’Die werden noch mal froh sein, wenn sie was zum Fressen haben.’" Die so genannte privilegierte Mischehe beschützte Kahns vor der frühen Deportation. Im September 1944 wurden beide mit den letzten zehn Brühler Juden verschleppt. Anna überlebte das Arbeitslager in Kassel. Was aus Erna und ihrem katholischen Mann geworden ist, habe ich noch nicht herausgefunden.

Mein Dank gilt dem Stadtarchiv Pforzheim, dem Stadtarchiv Neuhausen, dem Standesamt, Stadtarchiv und der Friedhofsverwaltung Köln, der evangelischen Kirche Köln, dem Amtsgericht Brühl, dem Staatsarchiv Ludwigsburg, Jost Grosspietsch, dem Kulturreferenten der Stadt Sulzburg, Reinhold Hakenjos vom Freundeskreis der ehemaligen Synagoge Sulzburg sowie René Loeb von der Zeitschrift Maajan.

ZUR PERSON: DOROTHEA SCHERLE

Nach dem mit dem Magister Artium abgeschlossenen Studium der Germanistik und Romanistik volontierte Dorothea Scherle von 1993 bis 1995 bei der Badischen Zeitung und arbeitete zehn Jahre als Feste Freie Journalistin für die BZ-Lokalredaktion in Waldkirch, wo sie auch lebt. Ihr Zweitstudium schloss sie 2006 als katholische Diplomtheologin mit dem Schwerpunkt Altes Testament ab. Ihr Interesse an der Familiengeschichte wurde durch die Bildersammlung und die Erzählungen ihrer Großmutter Else väterlicherseits geweckt, das Interesse an jüdischer Geschichte durch eine jüdische Freundin seit Jugendtagen, aber auch durch die Großmutter mütterlicherseits, die in erster Ehe mit einem Juden verheiratet war und mit ihm ein Damenwäschegeschäft in Freiburg führte.  

Autor: bz

Autor: Dorothea Scherle