Von Weltenschmerz und Todessehnsucht

Bianca Flier

Von Bianca Flier

Mi, 01. Februar 2017

Sulzburg

Als eine Zusatzveranstaltung in der Reihe "Weltklassik" fand im Gutshof Güntert eine Aufführung von Schuberts "Winterreise" statt.

SULZBURG-LAUFEN. Als Zusatzveranstaltung im Rahmen der Konzertreihe "Weltklassik" fand im Weingut Güntert in Laufen eine Aufführung von Franz Schuberts Liederzyklus "Winterreise" statt. Interpreten waren der Bariton Tobias Berndt und der Pianist Johannes Tolle. Die beiden Künstler gehören zum renommierten Ensemble "Resonance", das in verschiedenen Konstellationen auftritt.

Da Tobias Berndt kurzfristig aus München anreisen musste, verspätete sich der Aufführungsbeginn um eine Viertelstunde. Als Danke für die Geduld der zahlreich erschienen Zuhörer gab es ein Glas Sekt auf Kosten des Hauses. Den gesamten Zyklus der vierundzwanzig Lieder ohne Pause aufzuführen bedeutete einen Parforceritt für das Duo, vor allem für den Vokalsolisten Tobias Berndt. Nicht zufällig gilt die "Winterreise" als Höhepunkt im Genre des romantischen Kunstliedes. Eine enorme Herausforderung, die durch die anspruchsvollen, von Todessehnsucht durchzogenen Texte von Wilhelm Müller noch gesteigert wird. Die Komposition entstand 1827, dem Todesjahr des Dichters und ein Jahr vor Schuberts Selbstmord.

Bei der Interpretation hielten sich Berndt und Tolle so eng wie möglich an die Anweisungen, die Schubert zur Rezeption der Lieder gegeben hat: Langsam, nicht zu geschwind, mäßig – so lauten die meisten Angaben. Viel wichtiger ist es, die emotionale Seite der Gestaltung in der Balance zu halten. Hier leisteten die beiden Interpreten einen wahrhaft herausragenden Job. Tobias Berndt erwies sich als Meister darin, Kraft und Gefühl richtig zu nuancieren, Lyrik und Dramatik essentiell auszuleuchten, wobei er sich auch nicht scheute, bis zum Pathos zu gehen. Ein ganzes Universum an emotionalen Facetten von Todessehnsucht, Trauer, Trübsal und Düsternis wurde da ausgebreitet, selten unterbrochen von kühnen, optimistischen Varianten, und unterlegt von einem genialen pianistischen Teppich mit schwarzem Flor, der je nach Stimmungsbild leise oder stürmisch wogte. Die dunkle Magie, welche der "Winterreise" innewohnt, legte sich wie ein Bann über die Zuhörer. Es spricht für die Interpreten, dass trotz der gefühlten langen Dauer des melancholischen Vortrages kaum je ein Räuspern zu vernehmen war.

Es mag uns heute schwerfallen, den Weltschmerz und die Lebensverdrossenheit zu verstehen, die in der so genannten Schwarzen Romantik tief verankert sind. Bilder, wie sie von Liedern wie "Der Wegweiser", "Im Dorfe" oder "Der Leiermann" heraufbeschworen werden, sind vielleicht nur begreifbar durch großartige Interpretationen, wie man sie an diesem Konzertabend hören durfte. "Das Wirtshaus", das sich als Totenacker entpuppt, der "Frühlingstraum", der durch eisige Winterstürme zerstört wird oder "Die Post", die nicht den ersehnten Brief überbringt – hinter scheinbar idyllischen Titeln verbirgt sich eine profunde Melancholie. Im konzertanten Miteinander von Stimme und Klavier wurde der Bann des Düsteren wunderbar verklärt. Tobias Berndt gelang das Kunststück, die trügerische Idylle freizulegen ohne dem Hörer die tröstliche Komponente zu verweigern. Das galt besonders für das bekannteste Lied der "Winterreise", das als besinnliches Volkslied bekannt gewordene "Am Brunnen vor dem Tore". Es ist kaum bekannt, dass die Verlockung des Lindenbaumes für Schubert darin bestanden hat, an seinen Zweigen sein Leben auszuhauchen. Doch vor diesem Hintergrund jagte einem die Interpretation von Berndt und Tolle einen wirklich eisigen Schauer über den Rücken. Ein virtuose Aufführung, die dann auch den verdienten, lange anhaltenden Beifall bekam.