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11. November 2017

"Talent ist nicht alles"

BZ-INTERVIEW mit Christoph Wetzel, der für den SC Freiburg Jugendspieler sucht.

  1. Christoph Wetzel Foto: Patrick Seeger

  2. Foto: bz

  3. Foto: -

Kann eigentlich jeder ein Profifußballer werden? Und was braucht man dafür - außer Talent? Darüber hat sich Claudia Füßler mit Christoph Wetzel unterhalten, dem Jugendchefscout der Fußballschule des SC Freiburg.


BZ: Herr Wetzel, woher wissen Sie, ob ein Kind das Talent hat, ein guter Fußballspieler zu werden?
Wetzel: Talent ist ein Begriff, den jeder ein bisschen anders auslegt. Wir beschreiben es als Talent, wenn ein Kind Bewegungen gut ausführen kann. Fußball ist ja nicht so einfach. Mit der Hand kann man recht einfach viele verschiedene und auch feine Bewegungen machen, mit dem Fuß ist das schon deutlich schwieriger. Da braucht es mehr Koordination. Ich werde aber auch schon aufmerksam, wenn ein Kind gut Fangen spielen kann. Da sieht man, wer ein gutes Gefühl für Bewegung hat.
BZ: Und wer Talent hat, kann Profi werden?
Wetzel: Oh nein, da gehört noch mehr dazu. Talent ist nur eines von vielen Dingen. Auch das Umfeld des Jungen ist ganz wichtig: Unterstützt ihn seine Familie? Kann er sich auf Schule und Sport gleichzeitig konzentrieren? Die Zahl der Verletzungen spielt auch eine Rolle. Zu viele Verletzungen können eine Karriere beeinflussen.

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BZ: Wie wichtig ist Fleiß?
Wetzel: Sehr. Es passiert wahnsinnig oft, dass ein Junge, der viel Talent hat, von einem mit weniger Talent überholt wird. Weil der mit viel Talent sich darauf ausruht und der mit weniger fleißiger ist. So haben wir häufig Jungs, die mit 15, 16 Jahren richtig toll spielen, und ein paar Jahre später nicht mehr vorne dabei sind im Team – unter anderem, weil sie nicht genug trainiert haben.
BZ: Wie wird ein Kind mit Talent dann am ehesten ein Fußballprofi?
Wetzel: Durch Übung. Kinder, die zwar Bewegungstalent haben, aber nur vorm Computer hocken, werden keine Profis. Das sind eher die, die aus der Schule heimkommen, die Tasche in die Ecke stellen und zum Kicken rausgehen. Wenn jemand 18 Jahre alt ist, sollte er 10 000 Stunden Fußball gespielt haben – das ist eine ganze Menge. Man sagt ja den Südländern nach, sie seien viel bewegungsfreudiger als
zum Beispiel wir Deutschen. Das liegt auch daran, dass die Tage dort länger sind. Es ist abends länger hell, die Kinder können einfach länger draußen spielen.
BZ: Wo suchen Sie nach Fußballtalenten?
Wetzel: Wir sind ein Team von Scouts, das sich sehr viele Fußballspiele anschaut. Wir fahren auch in die Dörfer und gucken uns die E-Jugend an. Ich bin zudem viel im Ausland unterwegs.
BZ: Sehen Sie sofort, ob ein Spieler was für die Freiburger Fußballschule wäre?
Wetzel: Nein. Natürlich gibt es den seltenen Fall, dass man schon nach zehn Minuten weiß, derjenige ist ein echtes Talent. Aber wir schauen uns die Jungs schon sehr intensiv an.
BZ: Wie muss jemand sein, der passt?
Wetzel: Das hängt ja davon ob, für wen man sucht. Wir achten zum Beispiel nicht nur auf das Bewegungstalent, sondern auch auf die Persönlichkeit des Spielers. Wirkt er arrogant? Arbeitet er für die Mannschaft? Ist er bereit, etwas für die Defensive zu tun? Ist er kreativ? Verfügt er über eine gewisse Grunddisziplin? Die Scouts, die für den RB Leipzig unterwegs sind, legen Wert auf Schnelligkeit, da die Mannschaft eher Umschaltfußball spielt. Wir scouten aber nicht für den kurzfristigen Mannschaftserfolg, uns ist die Ausbildung wichtig, wir suchen Jungs, die wir entwickeln können. Und die dann, wenn sie bei uns fertig sind, in die zweite Mannschaft oder sogar zu den Profis kommen.

Autor: cfr