Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

17. April 2013

"Er ist für mich nicht der Heilsbringer"

BZ-INTERVIEW: Christian Voigt singt in Freiburg den Parsifal.

  1. Christian Voigt als Parsifal Foto: Korbel

Die Opernfreunde kennen ihn vor allem aus Richard Wagners "Ring" und dem "Lohengrin". Jetzt debütiert Christian Voigt in der Titelpartie von Wagners finalem "Parsifal", der am Sonntag am Theater Freiburg Premiere hat. Übers Singen und das Werk sprach BZ-Redakteur Johannes Adam mit dem Tenor.

BZ: Herr Voigt, wie gestaltet ein Sänger seinen Tag, wenn er abends eine Partie wie den Parsifal zu singen hat?
Christian Voigt: Das ist individuell verschieden. Manchmal sind da auch ganz einfach die Zwänge des Alltags. Unsere zwei kleinen Kinder daheim – meine Tochter Beatrice wird Ende April zwei Jahre alt, mein Sohn Tristan ist knapp vier Monate – halten uns auf Trab, da ist an Ausruhen kaum zu denken. Man versucht, die Spannung zu halten.
BZ: Wie schaffen Sie es, nach solch einer Aufführung wieder runter zu kommen?
Voigt: Da braucht man immer etwas Zeit. Oft geht man nicht gleich nach Hause, sondern sitzt ein bisschen mit Kollegen zusammen, lässt den Abend gemütlich ausklingen. Dabei entspannt man sich ein wenig und ist ja auch rechtschaffen müde, so dass man anschließend schlafen kann.

Werbung

BZ: Hätten Sie vor dem Parsifal noch gern den Tannhäuser gesungen?
Voigt: Nein. Ich bin es ja ein bisschen anders angegangen. Die erste Partie war der Erik im "Holländer", den ich in vier Inszenierungen in Prag, Izmir, Triest und Innsbruck gesungen habe. Auch den Max in Webers "Freischütz" habe ich oft gesungen. Dann kam hier in Freiburg der Siegmund. Und als dann der Siegfried in der "Götterdämmerung" folgte, war das für mich genau der richtige Zeitpunkt. Tannhäuser und Tristan kommen danach sowieso irgendwann mal – der "Tannhäuser" steht wohl auch auf der Agenda des Freiburger Theaters. Beim Parsifal gibt es auch eine Kontinuität in der wunderbaren Zusammenarbeit mit Regisseur Frank Hilbrich.
BZ: Verlangt eine große Wagner-Partie etwas von einem Sänger, was andere Komponisten in dieser Form nicht verlangen?
Voigt: Wagner und Strauss stellen an den Sänger in der Synthese von Wort und Musik die besondere Anforderung, dass er wissen sollte, was er singt. Der Sänger sollte in der Lage sein, mit dem Text umzugehen, die Subtexte bewusst zu setzen. Er muss die Farben haben und in der Lage sein zu phrasieren. Gerade bei Wagner ist die geistige Durchdringung der Partien wesentlich.
BZ: Sie kommen von der Tenorlyrik, haben unter anderem Mozarts Tamino gesungen. Ist Ihre Herkunft aus dem Lyrischen auch für den Parsifal hilfreich?
Voigt: Das ist für Wagner und alle Partien Grundvoraussetzung. Wagner fordert die Farben, und er fordert etwa beim jungen Siegfried auch die Fähigkeit einer liedhaften Gestaltung. Das lyrische Tenorfach sah ich für mich immer als Durchgangsfach an, habe mich stets definiert als lyrisch plus x – man kann nicht mit Ende 20 schon mit diesen mörderischen Partien anfangen. Ich hatte das Glück, dass für mich viele Partien auch zur rechten Zeit kamen. Auch die großen Operettenpartien haben mir sehr geholfen.
BZ: Sie würden nichts anders machen?
Voigt: Nein. Ich hatte das Glück, nicht verheizt zu werden.
BZ: Warum geht es Ihrer Meinung nach im "Parsifal"?
Voigt: Um Humanität. Wenn man in der Lage ist, das Leid anderer zu begreifen, strebt man nicht mehr danach, anderen Leid zuzufügen.
BZ: Parsifal ist nicht nur "der reine Tor", der "durch Mitleid wissend" ist, sondern auch Verweigerer, Erlöser und Zukunftsmensch. Was ist er für Sie am meisten?
Voigt: Es steckt viel von den Abschnitten, die man als Mensch durchläuft, in dieser Figur. Er ist für mich nicht der große Heilsbringer, sieht es als seine Aufgabe an, den leidenden Amfortas zu erlösen.
BZ: Hat Parsifal auch Unsympathisches?
Voigt: Das leere Gefäß, das er im ersten Akt ist, ist schon schwierig darzustellen. Parsifal hat ja zunächst von nichts eine Ahnung, begreift nicht, was da vorgeht. Die Heldentenorpartien bei Wagner sind eigentlich immer Anti-Helden.
BZ: Was ist für Sie das Spezifikum der "Parsifal"-Partitur?
Voigt: Dieser unglaubliche Einsatz von teils neuer Harmonik. Es wäre interessant gewesen, was gekommen wäre, wenn Wagner noch länger gelebt hätte. Ein Abdriften in die Atonalität wäre es wohl nicht gewesen. Der ganz bewusste Einsatz der Mittel im "Parsifal" ist brillant.
BZ: Wagner hat seinen "Parsifal" ein "Bühnenweihfestspiel" genannt. Auf welchem Wortbestandteil dieses Kompositums liegt für Sie der Fokus?
Voigt: Wenn ich zwei herausgreifen dürfte, wäre es für mich ein Bühnenspiel, keine Oper im herkömmlichen Sinn. Wagner wollte das Stück auf der Bühne haben, sonst hätte er ein Oratorium geschrieben.
BZ: Ist der "Parsifal" mehr Mysterium oder doch mehr Oper?
Voigt: Er war da auf einem Weg, von dem ich nicht glaube, dass es der Abschluss war. Seine Werke, denken Sie nur an "Tannhäuser", unterlagen der Wandlung.
BZ: Ist der "Parsifal" Zukunftsmusik oder mehr Summe des Bisherigen?
Voigt: "Parsifal" ist kein Rückschritt, aber etwas ganz anderes als "Tristan".
BZ: Gibt es Parsifals auch heute noch?
Voigt: Ohne den Sendungsauftrag und den Erlösungsrucksack gibt es heutzutage immer noch reine Toren, die damit auch sehr gut durchs Leben kommen.

– "Parsifal": Freiburg, Theater, Großes Haus, Premiere: Sonntag, 21. April, 16 Uhr. Weitere Aufführungen: 27. April, 9., 19., 30. Mai sowie 9. und 22. Juni, jeweils 17 Uhr. Info: 0761/4968888.

ZUR PERSON: CHRISTIAN VOIGT

Gebürtiger Berliner des Jahrgangs 1969. Studium unter anderem bei Dietrich Fischer-Dieskau. Vor rund acht Jahren Fachwechsel vom lyrischen Tenor zum Heldentenor. Seit 2008 Mitglied des Opernensembles am Theater Freiburg, wo er den Siegmund und Siegfried im "Ring" sowie den Lohengrin sang.  

Autor: J. A.

Autor: jad