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06. September 2011 16:07 Uhr
Prozess gegen ehemaligen Todtmooser Hotelier
Die Angeklagten schweigen noch
Eine Stunde dauerte der Prozessauftakt gegen den früheren Todtmooser Hotelier Markus W. vor dem Bielefelder Landgericht, dann war Tag eins eines gigantischen Betrugsverfahrens beendet. Der 48-Jährige sagte nur einen Satz: "Ich möchte mich heute noch nicht äußern."
Bis zum zweiten Prozesstag am Freitag können er und seine zwei Mitangeklagten (ein 40- und 37-jähriges Ehepaar aus Paderborn) nun grundsätzlich über Einlassungen und im Besonderen über Geständnisse nachdenken. Die Richter stellten für diesen Fall und die dadurch verkürzte Hauptverhandlung einen Strafrabatt in Aussicht. Anderenfalls droht ein Mammutprozess. Termine sind bereits bis Januar 2012 vorgesehen.
Allein die Eckdaten dieses Strafverfahrens stellen vor der 9. Strafkammer des Bielefelder Landgerichts alles in den Schatten, was vor deutschen Gerichten bisher unter dem Vorwurf "bandenmäßiger Betrug" verhandelt worden ist: Auf mehr als 4000 Seiten hat ein Ermittler-Team um Oberstaatsanwältin Regina Wiedemann und Staatsanwalt Stephan Poerschke aus der Schwerpunktabteilung für Wirtschaftskriminalität der Staatsanwaltschaft Bielefeld die Vorwürfe zusammengefasst. Bundesweit sollen 139 711 Personen in den Jahren 2009 und 2010 in den Sog der Gewinnspieltricks der Angeklagten geraten sein. Durch mehr als 327 000 Lastschriften in Sammelverfahren sollen diese Menschen geschädigt worden sein. Dabei ist den Teilnehmern an den Gewinnspielen zunächst ein Verlust in gesamter Höhe von 18,8 Millionen Euro entstanden. Gleichwohl schränkten die Ankläger heute ein, dass 40 Prozent dieser Lastschriften später widersprochen, diese Beträge also zurückgebucht worden seien.
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Indessen wies Regina Wiedemann zum Prozessauftakt auf einen "juristischen Pfeil" hin, den sie wohlweislich noch im Köcher behalten hat: Bereits 2008 sollen die Gewinnspielaktionen des Trios aus Todtmoos und Paderborn begonnen haben, und bei diesen Taten sei ein Schaden in Höhe von "mehr als 40 Millionen Euro" entstanden. Die Ermittlungen wurden indes der Anklage und im Sinn eines zügigen Verfahren nur "vorläufig eingestellt".
"Von einem eigens für diese Taten gegründeten Callcenter in Paderborn nahm das bandenmäßige Vorgehen seinen Ausgang", erklärte Oberstaatsanwältin Regina Wiedemann. Das Ehepaar Daniela (37) und Thorsten S. (40) sollen mit dem Schweizer Kaufmannn und Hotelier Markus W. (48) im Jahr 2008 übereingekommen sein, eine Vielzahl von Menschen zu Gewinnspielen zu überreden. Den Angerufenen wurde zunächst vorgegaukelt, sie hätten sich bisher kostenfrei an diesen Spielen beteiligt. Künftig sei die Teilnahme daran aber kostenpflichtig. Ihnen stehe eine "Geld-zurück-Garantie" bei Nichtgewinn oder die Kündigung zu, dafür müssten aber ihre Kontoverbindungen zur Teilnahme am Lastschriftverfahren preisgegeben werden. Sofern die Teilnehmer zusagten, dann geschah das in Form so genannter "Voice-Files". Die angerufenen Personen hatten eine Frage mit "Ja" zu beantworten, das Gespräch wurde wie angekündigt aufgezeichnet.
Das Geld wurde von den Konten der Spieler abgebucht und auf Konten der Firma des Trios in Paderborn und Werther (Ostwestfalen) überwiesen. Die Lastschriften richteten sich nach Art und Umfang des angeblichen Gewinnspiel-"Produktes", die als "Spiel-Fox", "Bonustipp" oder "Tipp-Tresor" für 55 bis 89 Euro angeboten wurden.
Besonders Senioren seien auf die Tricks des Trios hereingefallen, sagte Oberstaatsanwalt Klaus Pollmann, der die Bielefelder Schwerpunkt-Behörde leitet. Das durch die Gewinnspiel-Tricks eingenommene Geld sollen Markus W. und seine Mittäter übrigens zur Deckung des eigenen, "hohen Kostenapparates" und besonders für den "aufwändigen Lebensstil" verwendet haben. Zeugen wollen die Beteiligten seinerzeit mit "Nobelkarossen mit Schweizer Kennzeichen" vor den Callcentern vorfahren gesehen haben. Das Paderborner Ehepaar zelebrierte auf Mallorca eine Luxushochzeit . . .
Die Verflechtungen dieses Gewinnspielbetruges sollen nach den Erkenntnissen der Staatsanwälte bis nach Österreich reichen, die Taten werden auch als "Wiener Karussell" benannt. Ein Dienstleister des Lastschriftverfahrens soll in der österreichischen Hauptstadt unter dem Namen "Luck 24 GmbH" firmieren.
Ähnliche Vorwürfe wie in Bielefeld werden dem Ex-Hotelier aus Todtmoos übrigens auch von anderen Staatsanwaltschaften in Deutschland gemacht. Die Bielefelder Ermittler erwirkten jedoch als erste vor 13 Monaten einen Haftbefehl. Seither sitzt der 48-jährige Kaufmann in der Bielefelder Justizvollzugsanstalt in Untersuchungshaft. Mehrfach haben Gerichte seither den Haftbefehl gegen ihn wegen Fluchtgefahr bestätigt.
Eine Verhandlung vor dem Arbeitsgericht Lörrach war Markus W. im Juli 2010 zum Verhängnis geworden. Ein ehemaliger Arbeitnehmer hatte damals 600 Euro Außenstände aus Vergütungen gegen die Betreibergesellschaft des Hotels des 48-Jährigen eingeklagt. Nur wenige Stunden später klickten die Handschellen.
- Hintergrund: Achtung Gauner! 10 gängige Betrugsmaschen
Autor: Uwe Koch
