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13. September 2012

Todtmooser Hotelier ist frei

Nach Geständnis bekommt Markus W. vier Jahre Haft, hat aber schon mehr als Hälfte abgesessen.

TODTMOOS/BIELEFELD. Nach mehr als einem Jahr Verhandlungsdauer hat das Landgericht Bielefeld den Prozess gegen den früheren Todtmooser Hotelier und Kaufmann Markus W. beendet: Der 49-jährige Mann wurde zu vier Jahren und drei Monaten Haft wegen bandenmäßigen Betruges verurteilt. Er kam jedoch sofort nach der Urteilsverkündung frei: W. hatte bereits 26 Monate in Untersuchungshaft gesessen.

Vor der 9. Strafkammer des Landgerichts in Ostwestfalen endete damit einer der größten Betrugsprozesse. Am Mittwoch legte W. ebenso wie seine beiden Mitangeklagten überraschend ein Geständnis ab. Auf mehr als 4000 Seiten hatte ein Ermittler-Team der Bielefelder Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftskriminalität die Vorwürfe zusammengefasst: Bundesweit waren mehr als 139 000 Personen in den Jahren 2009 und 2010 in den Sog der Gewinnspieltricks der Angeklagten geraten; in Sammelverfahren waren mehr als 327 000 Lastschriften abkassiert worden.

Dabei war den Teilnehmern an den Gewinnspielen zunächst ein Verlust in gesamter Höhe von 18,8 Millionen Euro entstanden. 40 Prozent dieser Lastschriften war später widersprochen worden, diese Beträge wurden also zurückgebucht.

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Von einem eigens für diese Taten gegründeten Callcenter in Paderborn (Ostwestfalen) nahm das bandenmäßige Vorgehen seinen Ausgang. Das Ehepaar Daniela (38) und Thorsten S. (41) aus Paderborn war mit dem gebürtigen Schweizer Markus W. (49) im Jahr 2008 übereingekommen, eine Vielzahl von Menschen zu Gewinnspielen zu überreden. Den Angerufenen wurde zunächst vorgegaukelt, sie hätten sich bisher kostenfrei an diesen Spielen beteiligt. Künftig sei die Teilnahme daran aber kostenpflichtig. Ihnen stehe eine "Geldzurück-Garantie" bei Nichtgewinn oder die Kündigung zu, dafür müssten aber ihre Kontoverbindungen zur Teilnahme am Lastschriftverfahren preisgegeben werden.

Das Geld wurde von den Konten der Spieler abgebucht und auf Konten der Firma des Trios in Paderborn und Werther (Ostwestfalen) überwiesen.
Das durch die Gewinnspiel-Tricks eingenommene Geld hatten die Angeklagten zur Deckung des eigenen, "hohen Kostenapparates" und besonders für den "aufwändigen Lebensstil" verwendet. Das Paderborner Ehepaar zelebrierte auf Mallorca sogar eine Luxushochzeit.

Auch andere Staatsanwaltschaften waren hinter Markus W. her

Die Verflechtungen dieses Gewinnspielbetruges sollen nach den Erkenntnissen der Staatsanwälte bis nach Österreich reichen, die Taten werden auch als "Wiener Karussell" benannt. Ähnliche Vorwürfe wie in Bielefeld werden dem Ex-Hotelier aus Todtmoos übrigens auch von anderen Staatsanwaltschaften in Deutschland gemacht.

Der frühere Hotelier aus Todtmoos saß seit Juli 2010 in Untersuchungshaft. Gestern legte er nach Rücksprache mit seinen Verteidigern ein Geständnis ab. Nur wenige Stunden später verkündeten die Richter gegen ihn und die Mitangeklagten das Urteil: Markus W. erhielt vier Jahre und drei Monate Haft. Den Haftbefehl gegen den 49-Jährigen hoben die Richter danach auf: Fluchtgefahr bestehe nicht mehr. Obendrein sei er schon "länger als die Halbstrafe" inhaftiert gewesen.

Autor: Uwe Koch