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07. April 2011

Für 60 Pfennig Tageslohn

Wirtschaftshistoriker Dr. Herbner zur Geschichte des Bürstenhandwerks /Seminar für Gästeführer.

  1. In der ehemaligen Todtnauer Bürstenfabrik Wissler (Kulturhaus) zeigte Friedrich Busse den Gästeführern das Bürstenmachen. Foto: Ulrike Jäger

TODTNAU. Interessante Einzelheiten zur Geschichte des Bürstenhandwerks im Oberen Wiesental erhielten die Besucher eines Vortrags von Dr. Detlef Herbner in Todtnau. Der Bonner Wirtschafts- und Sozialhistoriker, der in Titisee-Neustadt geboren ist, bildet ehrenamtlich Gästeführer im Gebiet des Naturparks Südschwarzwald aus. Rund 30 davon nahmen am Freitag an einem Aufbauseminar teil.

Zahlreiche Todtnauer wollten sich die Ausführungen mit dem Untertitel "Das Wiesental – Natur, Kultur und Tüftler" ebenfalls nicht entgehen lassen, so dass es recht eng wurde in der ehemaligen (ältesten) Bürstenfabrik Wissler in Todtnau. Während Friedrich Busse in authentischen Räumlichkeiten vorführte, wie damals Bürsten gemacht wurden, sprach Detlef Herbner über das harte Erwerbsleben im 19. und 20. Jahrhundert.

Mit interessanten Zahlen belegte er, welche Bedeutung damals die Heimarbeit/Hausindustrie im Bürstenhandwerk im Oberen Wiesental einnahm. Seit 1400 schon wurden Bürsten als städtisches Zunfthandwerk in Nürnberg hergestellt. Im Jahr 1814 berichtete erstmals der Schönauer Bezirksamtmann Ackermann über dieses Gewerbe.

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Leodegar Thoma aus Todtnau war einer der Ersten, der die arbeitsteilige Produktion einführte. Im Schwarzwald stellte einer nur das Bürstenholz her, die nächsten legten die Borsten zurecht, die dritten banden sie und die vierten zogen sie durch. Die Schwarzwälder Bürstenbinder hatten eine Hausiererlaubnis und verkauften im Hausierhandel das fertige Endprodukt. Der Tageslohn eines "Hausindustriellen" lag bei 60 bis 65 Pfennig. In den Fabriken, die um 1850 entstanden, verdienten die Männer täglich 1,50 bis 2 Mark, die Arbeiterinnen 1,25 bis 1,50 Mark. Zum Vergleich: 10 Eier kosteten anno 1885 auf dem Donaueschinger Wochenmarkt 62 Pfennig.

"Heimarbeit in der Bürstenindustrie ist weiblich", sagte Detlef Herbner. 120 Arbeiterinnen und 239 Arbeiter wurden 1905 in den Todtnauer Fabriken gezählt. Bei den Heimarbeitern war es umgekehrt: In der Bürstenindustrie gab es 665 Heimarbeiterinnen und nur 206 Heimarbeiter. Auch Kinderarbeit gab es: Mit 212 Kindern unter 14 Jahren waren in der Bürstenhausindustrie mehr Kinder beschäftigt als in der Seidenband- und Uhrmacherei zusammen. Vor allem in den hochgelegenen Seitentälern und Orten wie Todtnauberg war der Anteil der Heimarbeiter hoch. Vater, Mutter und Kinder arbeiteten im gemeinsamen Wohn- und Schlafraum, dessen Luft verpestet war vom Rauch des Holzfeuers und des heißen Pechs, das für das "Pichen" (in Pech tauchen) der Borsten nötig war. Zur ungesunden Luft kam die erhöhte Gefahr, an Milzbrand zu erkranken, der durch verunreinigte Borstenware aus China und Russland hervorgerufen wurde.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Spezialmaschinenfabriken (wie Zahoransky) gegründet, und die Heimarbeiter zogen von den hoch gelegenen Seitentälern in die Industrieorte. Nach einem Spaziergang zur modernen Bürstenfabrik Keller in Todtnau hörten die Seminarteilnehmer auch Wissenswertes zum Thema Bergbau.

Autor: Ulrike Jäger