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08. August 2016 17:47 Uhr

Vortrag über die Bürsten-Tradition

Plädoyer für Todtnauer Museum

In einem Vortrag über die Geschichte der Schwarzwälder Bürstenindustrie warb Brigitte Heck vom Badischen Landesmuseum eindringlich für ein Museum in Todtnau, um das geschichtliche Erbe der Bürstentradition zu bewahren.

  1. Karl Mayer von Muggenbrunn, geboren 1850, genannt Bürsten-Karle. Foto: Benno Dörflinger

Der Vortrag fand auf Einladung des Vereins Kulturhaus Todtnau statt, der sich ein solches Museum zum Ziel gesetzt hat.

Der damalige Amtmann von Schönau, Franz Ackermann (1778-1837), hielt von der Idee der Bürstenbinderei im Sinne von Leodegar Thoma (Pionier der arbeitsteiligen Bürstenproduktion) einst wenig und stellte ihr eine schlechte Prognose aus, berichtete Brigitte Heck. Ein zeitgenössisches Zitat von 1844 beschreibt den Bürstenhandel so: "Überall konnte man den Todtnauer mit seinen Bürsten- und Zunder-Bündeln über die Achsel geworfen handelnd einherziehen sehen, mit den allernötigsten Bedürfnissen des Lebens". Noch im Jahre 1850 konnte man von einer Krisenzeit sprechen.

Die Todtnauer hatten jedoch die Notwendigkeit einer verbesserten Erreichbarkeit erkannt und um Unterstützung bei der Großherzoglichen Regierung gebeten. So konnte erreicht werden, dass die Wiesentalstraße von Zell bis Todtnau ab 1852 befestigt und verbreitert wurde, 1855 der Ausbau der "Notschrei"-Straße erfolgte, die Streckenführung durchs Münstertal von Staufen bis Utzenfeld und schließlich 1885 die Feldbergstraße erschlossen wurde.

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Es kam zu einem Aufschwung, wozu auch die Bahnverbindung nach Zell beitrug. Die Bürstenfabrik Franz Joseph Faller, die als Zunderfabrik errichtet worden war und ab 1852 als Bürstenfabrik geführt wurde, hatte die Zeichen der Zeit erkannt und bereits auf Ausstellungen 1858 in Karlsruhe und 1873 in Wien große Erfolge erzielen können. Technische Innovationen – der Einsatz von Dampfmaschinen – halfen, die Betriebsabläufe zu vereinfachen.

Anno 1900 waren im Bereich des Bezirkamtes Schönau 1800 Personen in der Bürstenindustrie beschäftigt. Hinzu kamen weitere technische Unterstützungen: Der Werkzeug- und Maschinenbau. Ab 1876 produzierten Josef, Donat und Johann Laile verschiedene Werkzeuge: Scheren und Bürstenmacherwerkzeuge für das serielle Einziehen der Borstenbüschel. Ab 1902 gehörte die Büschelmaschine zur Ausstattung der Heimarbeiter/innen. Im selben Jahr erfand Anton Zahoransky die Handstopfmaschine und startete seine Erfolgsgeschichte auf dem Bürstenmaschinenbau-Sektor. Heute sind in Todtnau noch die Firmen Sättele, Keller, Knotz und Huber ansässig. Die beiden ersteren seit über 100 Jahren und repräsentieren die ehemals weit über die Grenzen bekannte Todtnauer Bürstenindustrie. Heute erreichen Todtnauer Bürstenhölzer Berühmtheit auf der Biennale Venedig 2015 und als Rauminstallation "Black Forest" von Marcello Martinez-Vega auf der Interbrush Freiburg 2016.

Dass in Todtnau viele "Memorabilien" der Bürstenfabrikation existieren, nicht jedoch ein Museum, "wie dies in den beiden anderen Bürstenregionen, im Pfälzer Wald und im Vogtland der Fall ist", bedauerte Brigitte Heck. In ihrem Plädoyer für ein Museum merkte sie Folgendes an:

"In Todtnau existieren Familiennamen und Straßennamen in Hülle und Fülle, die an die große Bürstenbindertradition der Stadt erinnern, es gibt Infotafeln im öffentlichen Raum wie auch ein ehrenamtlich getragenes Kulturzentrum und mit dessen Betrieb ein nachgewiesenes hohes bürgerschaftliches Engagement. Nicht jedoch ist das Interesse der Stadt sichtbar, den Erhalt und die Mehrung dieses besonderen kulturellen Kapitals auch als ihren Auftrag zu sehen."

Es sollten hierbei alle an einem Strang ziehen, meinte die Referentin. Todtnau müsste ein Sammlungsmagazin oder ein Museum für adäquate Bildungsarbeit nicht allein stemmen. "Warum nicht die Ortschaften der Region hinzuziehen, in denen die Bürstenbinderei als regionale Hausindustrie ebenfalls betrieben wurde oder in denen Arbeiter für Todtnauer Fabriken gearbeitet haben?".

250-jährige kontinuierliche Bürstenherstellung sei für Todtnau ein Alleinstellungsmerkmal wie der Bollenhut für Gutach oder die Kuckucksuhr für die Hochschwarzwald-Region um Furtwangen und Neustadt.

"Dank des globalen Erfolgs der Firma Zahoransky könnte man sogar vermuten, dass es neben der Kuckucksuhr und dem Bollenhut die Bürste ist, die das dritte regionale Symbol mit hohem Wiedererkennungswert bildet. Entgegen dem Niedergang der Textilindustrie im vorderen Wiesental ist die im oberen Wiesental produzierte Bürste ein Produkt, dessen Herstellung sich seit Jahrzehnten dem negativen Effekten der Globalisierung widersetzt. Sie werden gegen den Trend weiterhin erfolgreich produziert und verkauft. Maschinen und Automaten zu ihrer Herstellung wurden zu Todtnauer Verkaufsschlagern in aller Welt."

Eigentlich geniere ein solcher Wirtschaftswert und kultureller Mehrwert auch positive touristische Effekte: "Es lässt sich mit einem solchen historischen wie gegenwärtigen Alleinstellungsmerkmal hervorragend werben. Bürstenbindern könnte man über die Schultern schauen, und alleine dieses Erlebnis ließe sich vermarkten."

"Defizit im historischen Verständnis der Stadt"

Dass bei Auflösung der Wissler’schen Bürstenfabrik im Jahr 2000, der ältesten in Deutschland, deren Materiallager und damit Bürsten aus 160 Jahren Firmengeschichte auf der Straße landeten, sei "unverständlich, völlig überflüssig und nicht akzeptabel in unserer materiell so reichen Gesellschaft". Es zeuge von einem gravierenden Defizit im historischen Verständnis der Stadt. So könne man mit kulturellem Erbe nicht verfahren.

"Zumindest ein Magazin für diese Dinge als materielle Quellen sollte die Stadt als Schutzraum anlegen, wie sie ja mit ihrem Archiv auch ein Magazin ihres schriftlichen Erbes unterhält", meint Brigitte Heck. "Das kann nicht zu viel verlangt sein, in jedem Fall ist dies nicht nur der Auftrag eines Kulturvereins. Ich hoffe, die Stadt und ihre Bürger werden eine gemeinsame Lösung finden, die ihr herausragendes Kulturerbe sichert".

Autor: bz