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22. August 2017

Virtuoser Tänzer auf den Tasten

Das fantastische Rhythmusgefühl des Pianisten Thomas Scheytt nimmt das Publikum mit auf eine weite Reise durch die Welt des Boogie Woogie und Piano-Blues.

  1. Klangzauberer Thomas Scheytt riss seine Zuhörer in Todtnau mit Blues und Boogie Woogie zu Beifallsstürmen hin. Foto: Roswitha Frey

TODTNAU. Mit geschlossenen Augen sitzt Thomas Scheytt am E-Piano und lässt in rasanter Schnelligkeit seine Finger über die Tasten fliegen. Der Mann mit den tanzenden Fingern und dem fantastischen Rhythmusgefühl riss die vielen Zuhörer im Gewölbekeller im Rathaus in Todtnau mit Boogie Woogie und Blues zu Beifallsstürmen hin. Der Pianist aus Freiburg zauberte bei diesem Konzert des Vereins Kulturhaus eine wunderbare Jazzkeller-Atmosphäre in das nur von wenigen Lichtquellen beleuchtete Gewölbe.

Das besondere Ambiente passte hervorragend zu den Stücken, die Scheytt an diesem Samstagabend spielte: eine Mischung aus Eigenkompositionen und nostalgischen Nummern aus den Anfangszeiten des Boogie Woogie und Piano-Blues aus den späten 1920er, 30er und 40er Jahren.

Zum Warmspielen und Einhören begann er mit einer entspannten, leichthändigen Improvisation als klingendem Willkommensgruß "Hallo liebe Freunde". Scheytt hatte sein eigenes E-Piano mitgebracht und meinte humorvoll, die Zuhörer müssten ihre Fantasie spielen lassen bei diesem "geschrumpften Flügel".

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Was dieser phänomenale Tastenkünstler mit spieltechnischer Klasse, traumwandlerisch sicherer Fingertechnik und untrüglichem Blues- und Boogie-Feeling aus dem Instrument holte, machte den fehlenden Konzertflügel allemal wett. Es war faszinierend zu verfolgen, mit welcher virtuosen Leichtigkeit Scheytt in den Boogie-Nummern den Walking Bass spielte und die umspielenden Läufe, Figuren und Melodien herausarbeitete. Der zweifache Gewinner des German Blues-Award geht ganz und gar in dieser Musik auf. Bei besonders gelungenen Passagen blitzt ein unwiderstehliches Lächeln in seinem Gesicht auf.

Zwischendurch schweift Scheytt zurück in die Zeit, als der Boogie Woogie entstand und der Blues das Klavier eroberte. Den "Mecca Flat Blues" von Albert Ammons und den "Suitcase Blues" von Hersal Thomas interpretiert er hinreißend und einfühlsam. Scheytt zeigt unglaubliches Feeling für diese Perlen des frühen Piano-Blues.

In den ruhigeren Blues-Stücken horcht er intensiv alles an Emotion, Ausdruck und Gefühlsstimmung aus: Melancholisches und ein leiser Hauch von Einsamkeit und Traurigkeit schwingt in seinem Spiel ebenso mit wie pure Lebensfreude. Eine wunderschöne Nummer ist zum Beispiel der Ragtime "Merry Go Round" von Hans-Jürgen Bock, in dem Scheytt rhythmisch raffiniert die Drehungen einer Karussellfahrt imaginiert.

Den Großteil des Soloprogramms machten eigene Stücke von Scheytt aus, darunter der schnelle Boogie "Flying Fingers", in dem er wirklich mit fliegenden Fingern über die Tasten jagt, als wollte er Geschwindigkeitsrekorde brechen. Auch in seinem "Ticino Boogie" lässt es Scheytt extrem fingerfertig swingen. Dass während des Spiels seine Beine unablässig mittanzen, gibt dem Boogie Woogie noch mehr Drive und rhythmisch funkelnde Verve. "Yeah! Das musste jetzt sein!", meinte der sympathische Musiker schmunzelnd nach diesem furiosen Solo, in dem es richtig abging vor berauschender Spiellaune.

Originell ist auch sein locker auf die Tasten gelegtes Stück "Flowerstreet Express", eine Hommage an seine Wohnadresse, die Blumenstraße. Thomas Scheytt zaubert aber auch ganz andere Stimmungen in den Gewölbekeller, etwa in dem melancholischen, empfindsam nach innen horchenden Stück "Inner Voices" mit ungewöhnlichen Klangeffekten und gläsern hellen Klängen.

Als Pfarrerssohn auf der Schwäbischen Alb aufgewachsen, hat Scheytt schon früh Orgel gelernt und oft im Gottesdienst gespielt. Von der Orgel inspiriert ist sein Stück "Out of the Dark", die musikalische Beschreibung eines Sonnenaufgangs, in der er orgelähnliche Klangwirkungen erzeugt. Ähnlich faszinierend klang "Morning Dance", ein tänzerisch-schwungvolles Stück über den Anbruch des Morgens. In seinem erfolgreichsten Titel "Invitation To The Blues" brachte Scheytt mit ansteckend vitaler Spiellaune und zündender rhythmischer Dynamik die Leute zum Jubeln.

Zum Schluss gab es nochmals eine Verbeugung vor den amerikanischen Altmeistern des Boogie Woogie und Piano-Blues: Beim "Boogie Woogie Stomp" von Albert Ammons klatschten die Zuhörer an den voll belegten Tischchen ebenso mit wie bei der Zugabe, dem Gospel "Put Your Hand in the Hand".

Da hielt es niemanden mehr auf den Stühlen, die begeisterten Zuhörer feierten den fulminanten Boogie- und Blues-Zauberer Thomas Scheytt mit stehenden Ovationen.

Autor: Roswitha Frey