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05. Juni 2014

Vergängliches festhalten

Die Ausstellung "Neverland" im Georg-Scholz-Haus zeigt Werke von Stephan Hauswirth noch bis zum 6. Juli.

WALDKIRCH (ehb). Im Vorfeld des 11. Internationalen Waldkircher Orgelfests (27. bis 29. Juni), dessen Partnerland dieses Jahr die Schweiz ist, begrüßte Volker Lindemann im Georg-Scholz-Haus Oberbürgermeister Leibinger und den Künstler Stephan Hauswirth aus Basel, und kündigte letzten Sonntag zur Ausstellung "Neverland" ein Begleitprogramm mit Künstlern aus der Schweiz an (siehe Infobox).

Auf ihren Knopfakkordeons spielten zur Vernissage drei Schüler der Musikschule im Alter von 10 bis 16 Jahren, geleitet von Annette Ronkov-Rießner, Stücke aus Bayern und Bulgarien. Michael Babics, Kunsthistoriker aus Basel, führte in die Ausstellung ein. "Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich in Europa im Zuge des Wirtschaftswunders eine weit verbreitete Sehnsucht nach dem urbanen Wohnen in Wohnblöcken." "Selbst aufgewachsen in einem verkehrsreichen und dicht bevölkerten Quartier in Basel konnte er (Hauswirth) den Wandel der Wertevorstellung in der eigenen Wohnumgebung beobachten." Neben Stadtansichten sind Bergwelten ein weiteres Thema des Künstlers, auch hier fand Babics einen autobiographischen Zusammenhang, weil es Hauswirth "an vielen Wochenenden zu den Gipfeln zieht, wo er mit dem Mountainbike bergauf und bergab die Gegend erkundet." Eine Zeit lang lebte er in Davos.

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Im BZ-Gespräch ging Hauswirth auf die Umsetzung seiner Themen näher ein. Angeregt wird er dabei auch von seiner Frau Katharina Rüegg, die wie er grafisch und gestaltend arbeitet, und die Platzierung seiner Werke im Georg-Scholz-Haus in intimer Kenntnis von Schöpfer und Werk mitbestimmte. Das Neverland (oder Nimmerland), Wohnort Peter Pans, ist eine fiktive Insel in J. M. Barries Geschichte, auf der Kinder niemals erwachsen werden. Es ist ein Sehnsuchtsort, an dem Fantasie und Wirklichkeit verschmelzen. "Neverland" heißt die aktuelle Ausstellung von Hauswirth. Die schnell hochgezogenen Zweckbauten der Nachkriegszeit in autofreundlichen Städten, Hauswirth entnimmt sie alten Postkarten, denn oft sind Gebäude dieser Zeit saniert oder gar schon wieder abgebrochen worden. Er vergrößert die Ansichten und, wenn er meint, da und dort fehlt ein Gebäude, ergänzt er es bei der Bildbearbeitung am Computer.

Die entstehenden Werke sind in zweierlei Hinsicht Neverland, Nichtorte, da sie nur teilweise real einen Stadtteil abbilden, der überall und nirgends so zu finden sein könnte, und Orte vergangener Sehnsüchte. Zunehmend verblasst die Erinnerung an diese Ära mit ihren städtebaulichen Idealen, deren Ende die Ölkrise einläutete. Dementsprechend lasiert Hauswirth seine Ansichten weiß. Oder bemalt braunen Untergrund mit Wasserfarbe, überstreicht alles mit wasserunlöslicher weißer Dispersionsfarbe, die nachher beim Abwaschen der Fläche von den wasserlöslichen Flächen abblättert und den Untergrund freigibt. Es bleiben Schemen und Linien, Fragmente von Straßen und Gebäudeelementen.

Der Ruf der Berge, Heidi, das Matterhorn, sind sie als Sehnsuchtsorte, Orte an die es einen zieht. Nicht Neverland, dessen Wirklichkeit anders aussieht, Gletscherschmelze, Klimawandel, und was ist in Zeiten von Google Earth von ihrer Unbezwingbarkeit und Unerreichbarkeit geblieben? Mit Skulpturen bringt Hauswirth augenzwinkernd seine Skepsis zum Ausdruck. "Bergrutsch" nannte er eine Skulptur: Eine weiße Berglandschaft aus Pappmaché lastet schwer auf einem filigranen Tisch, der unter der Last einknickt. Eine andere Berglandschaft hat er so hoch aufgetischt, dass sie nur auf Zehenspitzen zu sehen ist.

Nicht zu Ende gedacht, Konsequenzen für Natur und Umwelt nicht bedacht, Nichts sagende Architektur – Hauswirths Blick auf vergangene Jahrzehnte ist im Blick auf die Brisanz der Themen gar nicht aggressiv, seine Werke sind überwiegend in Titanweiß, Sepiabraun und Grautönen gehalten. Neverland – sind Werke wie Peter Pan, ja ist Kunst überhaupt einfach nur Eskapismus, Flucht vor und aus der Wirklichkeit? Hauswirth lädt ein, genauer hinzusehen und nachzudenken, seine Werke führen subtil in Wirklichkeiten, Eskapismus ist anderswo.

Begleitprogramm

Kunst im Dialog: Freitag, 6. Juni, um 20 Uhr. Gespräch mit Stephan Hauswirth. Moderation: Roland Krieg. Kostenlos.

Anton, der Hellebarde: 14. Juni um 20 Uhr. Zu Gast ist Anton Brüschweiler aus Bern, Musiker, Kolumnist, Liedermacher. Eintritt 8 Euro, Mitglieder 7 Euro.

Filosofisches Forum: 20. Juni, 19.30 Uhr. Klaus Scherzinger widmet sich Fragen, "wie die Welt in unseren Kopf kommt", wie wahr Wahrnehmung ist.

Sommerfest: "Die drei Schweizer" spielen zum Sommerfest des Kunstforums am 6. Juli, zugleich Finissage der Ausstellung, Bossa-Nova, Blues, Jazz ab 11 Uhr. Eintritt 8 Euro, Mitg. 7 Euro.

Öffnungszeiten:
Donnerstag 17 bis 20 Uhr, Freitag und Samstag 15 bis 16 Uhr, sonn- und feiertags 10 bis 13 Uhr.  

Autor: bz

Autor: ehb