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03. März 2009 18:33 Uhr
Furcht vor Schäden
Hubschrauber versprühen Gift gegen Maikäfer
Experten rechnen im Frühjahr mit einer Maikäferplage am Kaiserstuhl. Um allzu große Schäden zu verhindern, soll mit einem Hubschrauber ein Insektizid versprüht werden. Jetzt laufen Naturschützer gegen die "Giftdusche" Sturm.
VOGTSBURG/KAISERSTUHL. Am Dienstagnachmittag trafen sich zahlreiche Experten in Vogtsburg zu einem Gedankenaustausch. "Wir rechnen mit einem starken Hauptflugjahr", betonte Vorgtsburgs Bürgermeister Gabriel Schweizer. Zwar sei die Zahl der Maikäfer voraussichtlich geringer als 2006, aber immer noch bedrohlich, fügte Reinhard Albert vom landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg hinzu. "Bei Grabungen im Frühjahr 2008 haben wir in Obstanlagen im Schnitt 5,8 Engerlinge pro Quadratmeter gefunden, in den Reben waren es 2,8", berichtete er. Bereits ein Engerling pro Quadratmeter könne bei Erdbeeren einen Totalausfall – also keine Ernte – bedeuten, sagte Albert.
"Auch bei jungen Reben haben wir Probleme", berichtete Kilian Schneider aus Schelingen. "Die Engerlinge knabbern die Wurzeln an." Andere Pflanzen, die zusätzlich gesetzt werden, um den Maikäfer von den jungen Wurzeln der Reben wegzulocken, würden nur helfen, wenn wenige Engerlinge im Boden seien, sagte der stellvertretende Bezirksvorsitzende des Weinbauverbands am Kaiserstuhl.
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Nach den neuesten Untersuchungen hat sich das Gebiet, in dem die Maikäfer am Kaiserstuhl zu finden sind, ausgeweitet. Auch am nördlichen und westlichen Kaiserstuhl sowie in den Tälern seien vermehrt Engerlinge gefunden worden, erklärte Schweizer. Sobald es die Temperaturen zulassen, soll es weitere Grabungen geben, um genau zu ermitteln, wo sich wie viele Engerlinge in der Erde aufhalten, informierte Michael Breuer, Referatsleiter beim Staatlichen Weinbauinstitut in Freiburg.
"Dann gilt es die Hubschrauberflüge sowie den Einsatz der Bodentrupps zu planen, damit Ende April oder Anfang Mai mit der Bekämpfung der Maikäfer begonnen werden kann", betonte Joachim Hauck, Ministerialdirigent im baden-württembergischen Landwirtschaftsministerium. Da sich das Pflanzenschutzmittel Neemazel schnell abbaue, seien insgesamt 2 Flüge geplant. Wie hoch die Kosten sein werden, könne noch nicht gesagt werden, sagte Hauck. 2006 lagen sie bei annähernd 80 000 Euro. Wie vor 3 Jahren sollen die Kosten zu 60 Prozent vom Land und zu 40 Prozent von den Kommunen getragen werden.
"Wir brauchen die Unterstützung des Regierungspräsidiums und der Gemeinden, sonst ist das Maikäferproblem nicht zu schultern", betonte Biobauer Friedbert Schill aus Buchheim. Es sei notwendig, die befallenen Flächen mit Neemazal zu besprühen, um die Stituation in den Griff zu bekommen, fuhr der Kreisvorsitzende des Badischen landwirtschaftlichen Hauptverbandes (BLHV) fort. Unbedenklich findet auch Jörg-Uwe Meinecke vom Regierungspräsidium Freiburg den Einsatz des Insektenschutzmittels. "Es werden gezielt von Maikäfern befallene Areale besprüht. Das Mittel kommt natürlich nicht in Naturschutzgebieten und weiteren sensiblen Zonen zum Einsatz", betonte er. Im Auftrag des Regierungspräsidiums untersuchte das Büro für Artenschutz, Biotopflege und Landschaftsplanung Freiburg das Vorkommen der Spanischen Flagge, eines seltenen Schmetterlings, am Kaiserstuhl. "Neemazal hatte keinen Einfluss auf die Größe der Population", sagte Ingmar Harry.
Aber auch andere Methoden werden eingesetzt, um den Maikäfer zu bekämpfen. Kleine Flächen werden beispielsweise mit Netzen bespannt, um zu vermeiden, dass Maikäferweibchen ihre Eier in den Boden legen. Dies sei jedoch extrem aufwändig, sagte Schweizer. Die Erfolge mit Pilzen seien ebenfalls gering. Erstmals sollen deshalb auch Bodentrupps gezielt eingesetzt werden. Energisch gegen die geplante Bekämpfung der Maikäfer protestiert der Naturschutzbund Nabu. "Wer den Schutz heimischer Arten ernst nimmt, darf nicht großflächig Insektenvernichtungsmittel über den wertvollsten und attraktivsten Schutzgebieten Baden-Württembergs versprühen", kritisiert Andre Baumann, Vorsitzender des Nabu Baden-Württemberg, in einer Pressemitteilung.
Die geplante Bekämpfung des Maikäfers verstoße gegen EU-Recht und schade der Tourismusregion Kaiserstuhl massiv. Baumann fordert Landwirtschaftsminister Peter Hauk auf, "die Giftdusche am Kaiserstuhl sofort zu stoppen", zumal auch Vogelschutzgebiete betroffen seien.
Nach Ansicht des Nabu können neben dem Maikäfer auch viele andere Insektenarten sterben. Neemazal dürfe zwar im ökologischen Landbau verwendet werden, wirke jedoch als Fraßgift auch auf andere Käfer und Insekten wie Schmetterlinge. "Das ist fatal. Die Naturschutzgebiete des Kaiserstuhls sind wichtige Rückzugsgebiete für unzählige Käfer- und Falterarten, die in den Roten Listen ganz oben geführt werden", erklärt Baumann.
"Grundsätzlich fehlt in der ganzen Diskussion das Bewusstsein dafür, dass der Maikäfer ein natürlicher Teil des Kaiserstuhls ist. Er gehört hierher wie Ruländer und Spätburgunder", sagt Baumann.
Autor: Christine Aniol und Gerold Zink
