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12. Juni 2010
Vom schonungslosen, demütigenden Überleben auf der Straße
Die katalonische Autorin Maria Barbal las auf Einladung der Buchhandlung Sillmann aus ihrem neuen Buch "Emma" im Bürgersaal des Alten Rathauses in Emmendingen.
EMMENDINGEN (go). Maria Barbal ist in den Pyrenäen geboren und feierte als katalanische Autorin von "Wie ein Stein im Geröll" und "Inneres Land" große Erfolge. Diese Bücher handeln vom Spanischen Bürgerkrieg. Als Vertreterin der Nachkriegsgeneration befasste sie sich erstmals mit dem nicht verarbeiteten Trauma des Krieges und den langen Jahren der Diktatur. Ihr zweites Buch war aus der Sicht der Enkelin geschrieben. Mit "Emma" ist Barbal nun in der Gegenwart angekommen und beleuchtet eine Mutter-Tochter-Beziehung.
Abiturienten übergossen 2005 in Barcelona eine Obdachlose in einem Bankvorraum für Geldautomaten mit Benzin und zündeten sie an. Die Frau war gebildet und entstammte der gehobenen Mittelschicht. Wie kam sie ins soziale Abseits? Diese Frage weckte das literarische Interesse von Barbals und sie schrieb um diese Eckdaten ihren Roman. Es ist die brachiale Suche einer Frau nach dem eigenen Lebensglück. Emma ist mit einem Anwalt verheiratet, der eine politische Karriere anstrebt. Er hat kaum Zeit und vernachlässigt sie. Sie klammerte sich lange Zeit an eine Beziehung, "bei der nur die äußere Hülle übrig geblieben ist". Ihre zwölfjährige Tochter ist ihr einziger Halt. Ausgehungert nach Liebe, lässt sie sich auf ein leidenschaftliches Abenteuer mit einem Franzosen ein und verlässt ihre Familie. Doch nach drei Nächten ist sie wieder allein. Im Haus sind ihre Koffer gepackt, die Schlösser ausgewechselt und sie selbst unerwünscht. Sie ist der Tintenklecks auf dem sauberen Lebenslauf ihres Mannes, an dessen politischem Ehrgeiz die Versöhnung scheitert. Über einen kurzen Umweg in einer Pension landet sie auf der Parkbank und im Vorraum mit Geldautomat. Sie will ihre Tochter wieder sehen, was jedoch verhindert wird. Schließlich findet sie auf ihrer Bank einen Block mit Kugelschreiber und sie beginnt in einer Art Tagebuch an ihre Tochter zu schreiben. "Du musst schnell lernen, ’nein’ zu sagen" rät sie ihr, denn sie hatte während ihrer Ehe immer nur "Ja’ gesagt.
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Das Überleben auf der Straße ist demütigend, schonungslos, brutal und will dem Menschen die letzte Würde rauben. Alle Schmerzen sieht sie als persönlichen Schuldenabbau gegenüber ihrer Tochter, die sie im Stich gelassen hatte. Diese exakten Milieubeschreibungen machen betroffen. Behandeln wir tatsächlich Hunde besser als Menschen, die einmal einen Fehler gemacht haben? Fast schon erleichtert will man deshalb den Neuanfang im verfallenen Sommerhaus der Eltern gelingen lassen. Der Vater wollte früher dort Gardenien zum Blühen bringen, doch eigentlich war es der falsche Standort. "Die Gardenien sind eingegangen, jetzt ist es an der Zeit, es mit Margariten zu versuchen". Gerade als sie zu Kompromissen bereit ist, wird das Sommerhaus angezündet. "Die realen Erlebnisse erlaubten kein Happy End", sagt die Autorin bei der von der Buchhandlung Sillmann veranstalteten Lesung im Alten Rathaus. Und Emma selbst kommt zum bitteren Fazit:"Wer einmal die gesellschaftlichen Regeln verletzt hat, dem wird von der Gesellschaft nicht verziehen."
Autor: go
