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27. November 2012

Als wär’s ein Stück von mir

Texte der "Grenzgänger" lassen Persönliches durchschimmern.

  1. Kein Weg war ihnen zu weit. Einige Autoren reisten von der Schweizer Grenze, aus Schwaben und dem Spessart zur Lesung nach Waldkirch. Foto: Christine Speckner

WALDKIRCH. Student, Geologe und Krankenschwester – was haben die drei gemeinsam? Auf den ersten Blick nichts. Und doch schreiben sie alle Lyrik oder Prosa. Eine Gruppenlesung in Waldkirch gab Einblick in ihre private Poesie.

Ein bisschen aufgeregt ist sie. Obwohl man ihr das gar nicht ansieht. Kathrin Metz ist eine von neun Autoren, die unter dem Motto "Lebenszeiten" lesen. Schon als Kind hat sie geschrieben, erzählt die Krankenschwester aus Leonberg. Meist waren es Geschichten aus dem Alltag, später kamen Gedichte hinzu. Starke Worte fallen ihr manchmal auch während der Autofahrt ein. Schnell eingeprägt, werden die Wortfetzen später in Form eines Gedichts ins Internet gestellt. Auf diese Weise lernten sich die neun Autoren des Abends kennen. Im Internet, einem Forum für Dichter und Autoren, dem "Keinverlag". "Grenzgänger" nennt sich die Gruppe, weil einige nahe der Schweizer Grenze leben.

Schon nach dem ersten Satz ist Kathrins Nervosität verschwunden. Mucksmäuschenstill wird es in der Art-Praxis. Die Zuhörer lauschen dem rhythmischen Klang ihrer Sprache. Wie sie den Herbst des Lebens beschreibt: das Alter. Beeindruckend sind ihre Bilder, die sie in Worte fasst. Dem Fallen der Blätter folgt der Herbstwind, der ums Haus weht. Am Ende des Gedichts droht Lebensgefahr. Der Sturm ist ins Haus eingedrungen. Er steht wie der Tod vor dem eigenen Bett.

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Der Lyrik hat sich auch Inak Jürgens verschrieben. Der in Freiburg lebende 27-Jährige Student der Sinologie und Geschichte ist im Hochschwarzwald aufgewachsen. Natürlich hofft er, wie andere "Grenzgänger-Poeten", seine Gedichte zu veröffentlichen. Seine Chancen stehen nicht schlecht. Eines seiner Gedichte erschien bereits in einem Gedichtband eines Verlages, sagt er im BZ-Gespräch.

Nicht in Versen, sondern in Form einer Geschichte liest die Künstlerin Kirsten Lehner-Germann aus dem Thurgau. Ihre Erzählung von der "Bündelfrau" nimmt die Zuhörer in Bann. Urs Jenny, ehemaliger Dorfladenbesitzer in der Schweiz, gehört ebenfalls zu den "Grenzgänger-Autoren." Die Figuren seiner Geschichten hat er nicht erfunden. Vorlage für die humorvollen Kurzgeschichten gab’s genug, schmunzelt der Schweizer. Seine Kunden hätten ihn inspiriert. Die 101 Dorfladengeschichten von Jenny wurden bereits in einem Buch veröffentlicht.

Prosatexte mit sehr persönlicher Note las Markus Gerbl aus Freiburg. Mit seinen handgeschriebenen Fresszettel-Liebesgeschichten aus der Schulzeit erntet er viel Beifall. Nachtgedanken und Kurzgeschichten präsentierten während der zweieinhalbstündigen Veranstaltung auch Tom Eichler und Alina Becker, eine 20-jährige Studentin aus dem Sauerland. Den Schluss machte der in Waldkirch lebende Werner Weimar-Mazur, Preisträger des Hildesheimer Lyrik-Wettbewerbs 2012. Der Geologe und Schriftsteller las auch aus einem unveröffentlichen Roman. In "Erdwärme" schildert er eindrücklich die Zeit vor der Wende und den Mauerfall.

Ein kurzweiliger Abend mit Autoren verschiedener Schreibstile. Schade, dass viele Stühle leer blieben. Solchen Talenten hätte man mehr Publikum gewünscht.

Info: http://www.keinverlag.de ist ein Internetforum für Dichter und Autoren.

Autor: Christine Speckner