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16. September 2016

Ein kirchliches Kleinod in der Stadt

Die Stadtkapelle Unserer Lieben Frau wurde im 14. Jahrhundert als erste Kirche innerhalb der Stadtmauern gebaut.

  1. Der Kirchenhistoriker Peter Zürcher (rechts) moderierte den Tag des offenen Denkmals in der Stadtkapelle, die Theologin Dorothea Scherle (daneben) stellte den Kreuzweg von Georg Scholz vor. Foto: Helmut Rothermel

WALDKIRCH. "Gemeinsam Denkmale erhalten" lautete das Motto des diesjährigen Tags des offenen Denkmals. Die katholische Seelsorgeeinheit Waldkirch öffnete aus diesem Anlass die Pforten der Stadtkapelle in der Lange Straße, die seit einer grundlegenden Renovierung von 2008 bis 2010 in neuem Glanz erstrahlt. Verschiedene Personen und Institutionen wie der Bauförderverein haben gemeinsam dazu beigetragen, dieses Kleinod im Stadtkern zu erhalten und mit neuer Strahlkraft zu versehen.

Die Ursprünge der Kapelle reichen bis ins frühe 14. Jahrhundert zurück. Innerhalb der Stadtmauer war sie der einzige Sakralbau, während außerhalb davon das viel ältere Kloster und das spätere Kollegiatsstift St. Margarethen mit der Pfarrkirche St. Walburga lag. Im Winter war es unbequem und in Kriegszeiten sogar gefährlich, die Stadt wegen des Gottesdienstbesuchs verlassen zu müssen, weshalb 1336 im Schutz der Mauern die Kapelle errichtet wurde. Seit über 670 Jahren ist das Gotteshaus aber auch ein Ort bürgerschaftlichen Engagements, zuletzt bei der Renovierung vor acht Jahren, der anschließenden Restaurierung von Orgel und Glocke, der Schaffung eines barrierefreien Zugangs und eines neuen Lesepults. In mehreren Beiträgen wurde am Tag des offenen Denkmals ein Einblick in den Bau, die Geschichte und die Nutzung der Kapelle gegeben.

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Den Anfang machte die Videoanimation "Mittelalterliche Stadt Waldkirch um 1400 – eine Rekonstruktion" von Hans-Jürgen van Akkeren in Zusammenarbeit mit dem Archäologen Andreas Haasis-Berner. Zu sehen sind darin unter anderem die damalige Kastelburg, das westlich gelegene Niedertor, die Stadtkapelle, das Gasthaus "Kleiner Bär" (heute "Zum Storchen"), der Gewerbekanal mit der Herrenmühle und die Stadtbefestigung. Angesehen werde kann die Animation im Internet auf Youtube.

Nach diesem visuellen Auftakt ging es mit akustischen Eindrücken weiter: Orgelbauer Wolfram Stützle spielte auf der Anton-Kiene-Orgel, die von seinem Urgroßvater 1894 erbaut worden war und die er selbst 1985 wieder spielbar gemacht und 2010 restauriert und auf den Originalzustand rückgeführt hat. 1917, während des Ersten Weltkriegs, waren die Pfeifen aus Metall für Kriegszwecke ausgebaut und beschlagnahmt worden. Die Orgel, berichtete Stützle, hat ein Manual und Pedal, sechs klingende Register und mechanisch angespielte Kegelladen. Sie hat 295 Pfeifen, davon 103 aus Holz, die restlichen aus einer Legierung von Zinn und Blei.

Dorothea Scherle stellte den von Georg Scholz geschaffenen Kreuzweg vor. Der 1890 geborene Künstler, dessen Werke von den Nationalsozialisten als "entartet" diffamiert wurden, musste 1933 seine Professur an der Badischen Landeskunstschule in Karlsruhe aufgeben. 1935 zog der zum katholischen Glauben Konvertierte nach Waldkirch, wo er 1938 im Auftrag des Pfarrers Richard Anton Hundt den Kreuzweg für die Stadtkapelle schuf. Nach dem Krieg war Scholz bis zu seinem frühen Tod im November 1945 kurzzeitig Bürgermeister der Kandelstadt. Die Tafeln seines Kreuzweges konzentrieren sich ganz auf die Hauptpersonen oder auf Jesus alleine und ihre innerlichen Gemütsbewegungen. Der Hintergrund ist meist dunkel oder neutral gehalten, architektonische Details sind auf das wesentliche vereinfacht dargestellt.

Hans-Otto Mühleisen gab Erläuterungen zum Altarblatt "Mariä Verkündigung" des Augsburger Barockmalers Johann Georg Bergmüller und in der geöffneten Sakristei konnten Kunstwerke zum liturgischen Gebrauch besichtigt werden. Klaus Haberstroh präsentierte einen Film über die Renovierungsarbeiten, Walter Uhl und Alfred Joos stellten den Bauförderverein vor und berichteten als Zeitzeugen aus der Geschichte der Kapelle. So sei nach dem Krieg, erzählten sie, am Sonntagmorgen um halb sechs eine Wanderermesse abgehalten worden, die öfters den Charakter einer "Spätheimkehrermesse" angenommen habe. Damals musste der Blasebalg der Orgel noch von den Ministranten per Hand für ein geringes Entgelt betrieben werden.

Autor: Helmut Rothermel