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25. April 2016

Eingefangene Augenblicke

Charles Davis, Sven Götz und Steffen Hollenweger beeindruckten als Ensemble "Captured Moments" im Elztalmuseum.

  1. Drei Reiseleiter in eine bunte Welt: Steffen Hollenweger, Sven Götz, Charles Davis (von links). Foto: Joachim Wöhrle

WALDKIRCH. Charles Davis, einer der bedeutendsten Jazzflötisten Europas, war zu Gast im Gewölbekeller des Elztalmuseums. An seiner Seite hatte er den Gitarristen Sven Götz und den Kontrabassisten Steffen Hollenweger. Das Ensemble trägt den Namen "Captured Moments", und dieser Name ist Programm: "Eingefangene Augenblicke" – umgesetzt in eine herrlich farbenfrohe musikalische Sprache.

Fast bis auf den letzten Platz besetzt, fand sich im Konzertraum des Elztalmuseums eine durch alle Altersgruppen vertretene, "Reisegesellschaft" zusammen, die sich von den drei Musikern mit auf große musikalische Fahrt entführen ließ.

Erste Station war Südfrankreich. "Canal du midi" hieß das Stück, das die Zuhörer mit melodiösen Grüßen aus den 1960er Jahren von einer Sonntagsfahrt im Peugeot Cabrio hin zum Mittelmeer träumen ließ. Danach setzt das Ensemble in Richtung Vorderasien über und begibt sich mit "Matar" in den Libanon. In diesem Stück bewegen sich die drei Musiker mit ihrer Darbietung durch die Steppe im Süden des "Gastlandes". Der Kontrabass, zeitweise als Rahmentrommel gespielt, die Bassflöte als Melodieführung und zugleich den heißen Wind nachahmend, dazu eine Gitarre, die arabische Akkorde einbringt: Die Reisenden machen sich frohen Mutes auf, geraten unterwegs in einen Sturm und finden sich dann doch an einem sicheren Ort wieder.

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Auch durch die Zeit bewegen sich die jazzigen Kammermusiker: Das Stück "Devienne" zitiert Sonatenelemente des gleichnamigen französischen Komponisten aus dem 18. Jahrhundert und nimmt das Thema mit in die heutige Zeit. Mit "Gitanes" streifen die drei Musiker auch den Gipsi-Swing und erinnern an den großen Django Reinhardt.

Nach der Pause lernen die Zuhörer unter anderem einen bosnischen Dachdecker kennen, den Charles Davis bei der Arbeit singen hörte. Daraus entstand "Men on the roof". Ein 7/4-Takt, arabisch klingender Walking Bass, percussive Gitarre und Davis’ Flöte, die schwalbenähnlich ihre Tonkreise darüber zieht, begeistern das Auditorium.

Virtuos von der Gitarre eingeleitet, wird dann auch in Spanien Halt gemacht. Jazzharmonien im Bass, maurische Klänge der Gitarre und buntes Treiben der Flöte versetzen die Reisenden nach Andalusien und lassen sie geistig durch die Alhambra in Granada wandeln. "El Sheik" ist eine Komposition von Sven Götz. Wer schon immer einmal nach Japan, China und Indien reisen wollte und bisher nicht die Zeit fand, kam mit "Asia in five days" ganz auf seine Kosten. In den jeweils landestypischen Tonleitern unternahmen Davis, Götz und Höllenweger einen musikalischen Husarenritt durch die drei Länder.

Gegen Ende des Konzertes fand man sich wieder in Frankreich ein. Mit "La Begude" setzten die drei Reiseführer wunderbar weich und charmant zur Landung in der Provence an.

"Captured Moments" sind im Jazzbereich instrumentalistisch eher ungewöhnlich besetzt, da sie sich trauen, ohne Schlagzeuger oder sonstigen Percussionisten auszukommen. Sie beweisen allerdings ein ums andere Mal, dass ihnen dadurch ganz und gar nichts fehlt. Nie werden sie untransparent, immer wieder kommunizieren die Instrumente in schönster Leichtigkeit und auch höchst komplexe Arrangements lassen den einzelnen Musikern genügend Raum, ihre jeweilige Extraklasse unter Beweis zu stellen, ohne dass sich ein Ungleichgewicht zu Gunsten eines Akteurs einstellen würde. Schön ist auch, dass die drei Protagonisten dabei völlig unprätentiös bleiben und den Eindruck vermitteln, dass sie nicht für ein anonymes Publikum, sondern quasi "vor Freunden" spielen.

Die für die Reihe "Jazz im Gewölbe" (JazziG) verantwortliche Kuratorin Evelyn Flögel und ihr Team sind zu beglückwünschen für ihre Auswahl zum ersten Konzert im Jahr 2016. Die Zuhörer sind um ein schönes Musikerlebnis reicher und – nicht zu vernachlässigen – auch die Musiker hatten sichtlich ihren Spaß an der gemeinsamen musikalischen Weltreise.

Autor: Joachim Wöhrle