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21. April 2015

Grandios nachgespürt

Matinee mit William Cuthbertson / Preludes von Skrjabin und Chopin bildeten Spannungsbogen.

  1. William Cuthbertson erklärte in wenigen klaren Worten die Bedeutung der Preludien von Chopin. Foto: Ernst Hubert Weber-Bilke

WALDKIRCH (ewb). Im Rahmen einer Konzertreihe zum 100. Todestag von Alexander Skrjabin (1872-1915) spielte William Cuthbertson im Orgelbauersaal Skrjabins 24 Preludes opus 11 und davor im Vergleich dazu die 24 Preludes von Fréderic Chopin (1810-1849) opus 28. Zum Einsatz kam aus dem Privatbesitz von Wolfgang Brommer ein Flügel von Carl Mand, gebaut zu der Zeit, in der die gespielten Fantasien in Dur und Moll entstanden.

Wie Cuthbertson in seinen einleitenden Worten erklärte, war es Johann Sebastian Bach, der 24 Preludien, ausgehend von C-Dur, C-Moll, Cis und so weiter für alle Tonarten komponierte. Chopin organisierte die Tonarten in seinen Preludes nicht der Reihe nach, sondern in einem musikalischen Zusammenhang. Zwischen 1836 und 1839 entstand das epochale Opus 28. Alle Zuhörer der Matinée hatten sicher schon einmal eine Prelude von Chopin gehört, wie die Des-Dur-Prélude Nr. 15 mit dem düsteren Mittelteil. Ein Werk, das seit dem Bericht von George Sand über die Entstehung auf Mallorca "Regentropfen-Prelude" genannt wird. Aber eine knappe Stunde alle in rund drei Jahren komponierten Preludes zu erleben, ließ die enorme Stimmungsbreite Chopins erahnen, einen expressiven Tiefgang, von düster, über romantisch verspielt bis zu stürmischer Leidenschaft und Extase.

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"Wie geht es Ihnen, nachdem sie diese geballte Emotionalität konzentriert ohne Noten gespielt haben?" Cuthbertson beantwortete diese Frage im BZ-Gespräch: "Erleichtert", er habe eine Art Katharsis gefühlt. Der Begriff bezeichnet in der Musik- und Theaterwissenschaft die seelische Reinigung. Die emotionale Wucht beeindruckte viele Zuhörer. Präludien sind entgegen dem engeren Wortsinn keine Vorspiele für nachfolgendes Spiel, sondern Spiele an sich, Fantasien, im Jazz: Improvisationen. Chopins Preludien haben viele inspiriert, darunter den russischen Komponisten Alexander Skrjabin, der die Tonarten in seinen 24 Preludien wie Chopin arrangierte. Entstanden zwischen 1888 und 1896 während Konzertreisen, sind sie noch gewagter, auf ihre Weise moderner. Manche davon sind einfach zu spielen, aber andere seien, so Cuthbertson, "eine gnadenlose Herausforderung für den Pianisten", die man in den Fingern nachspürt. Er meinte damit Oktavsprünge linker Hand und schnellstes Spiel rechts, pianistische Höchstleistungen entlang der Grenze des Spielbaren. Als Zugabe gab es noch eine Etude von Skrjabin, einem Zeitgenossen von Rachmaninow. Harmonisch kühne, spieltechnisch anspruchsvollste Kompositionen, virtuos gespielt von Cuthbertson auf einem zeitlos hochwertigen Mand-Flügel, dessen weicher und doch kraftvoller Klang unter den richtigen Händen begeistert. Alles super!

1853 ernannte Kronprinzessin Augusta, die spätere Königin und Kaiserin, Carl Mand, der 1835 in Koblenz die Klaviermanufaktur gründete, zum "Königlich-Preußischen Hoflieferanten". Er und sein Sohn bauten bis 1906 Klaviere und Flügel. Die Firma gewann mehrmals hintereinander Goldmedaillen auf Weltausstellungen. Carl Mand jun. hatte keinen Nachfolger und so sind heute Flügel anderer Hersteller bekannter, als die zu ihrer Zeit fortschrittlichsten von Mand.

Autor: ewb