Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

20. Mai 2017

Klavier zwischen Oldtimern

Konzert mit Bogdan Vaida in der Oldtimer-Werkstatt Holm in der Waldmattenstraße / Das nächste Konzert ist in Schallstadt.

  1. Pianist Bogdan Vaida spielt Maurice Ravel. Der Camaro lauscht. Foto: Regina Lorenz

WALDKIRCH. Es riecht nach Öl und dreckiger Arbeit – so ist das nun mal in einer Autowerkstatt. Auf einer Hebebühne steht ein alter VW Bully, im Hintergrund dekorativ ein Camaro und ein Porsche. Aber das Zentrum der Oldtimer-Werkstatt von Ingo Holm bildet an diesem Abend in der Waldmattenstraße ein Konzertflügel: Schwarz und glänzend.

"Eine der coolsten Locations", so benennt diese Zusammenstellung aus Piano und Porsche Ireen Hammes, eine der Initiatoren von "Klassik Mittendrin". Mittendrin, so wie eben der Flügel in der Autowerkstatt. So stand er unter anderem auch schon in einer Tierarztpraxis, einer Mullbindenweberei und in einem Optikergeschäft. 16 Konzerte gab es bereits – in der Oldtimer-Werkstatt ist man schon zum zweiten Mal zu Gast. "Die Leute sollen einen einfachen Zugang zu klassischer Musik bekommen", erklärt Dirk Hammes das Konzept. Dazu gehört auch, dass der Eintritt frei ist, am Ausgang steht ein Geigenkasten für Spenden.

Hammes bildet mit Partnerin Ireen und Bogdan Vaida das Dreigestirn. Ireen Hammes ist Klavierbauerin. Wenn der Flügel von Dirk Hammes in sein aktuelles "Konzerthaus", diesmal die Autowerkstatt, gebracht wurde, muss er notwendig gestimmt werden. Und Bogdan Vaida spielt dann darauf. So ergänzen sich die drei wunderbar.

Werbung


Heute stehen Maurice Ravel, Franz Liszt und Modest Mussorgski auf dem Programm. Mit einfachen anschaulichen Worten bringt der gebürtige Rumäne Bogdan Vaida die Komponisten und die Musik dem Publikum näher: Ravel sei eine Mischung aus Porsche und Camaro. Vom Porsche das Filigrane und Klassische, vom Camaro die Wildheit, der Jazz. "La Valse" ist dafür ein gutes Beispiel. Der leichte Wiener Walzer durchmischt mit kriegerischer Aggression. Helle, elegante Töne gehen über ins Fluchtartige, Chaotische. Immer wieder ein neuer harmonischer Beginn, der lauter und wilder wird. Maurice Ravel lebte von 1875 bis 1937 und hat freiwillig im Ersten Weltkrieg gekämpft. Diese Erfahrung hat er in "La Valse" verarbeitet.

Ganz anders das zweite Stück: Die "Ungarische Rhapsodie" von Franz Liszt. Technisch sehr anspruchsvoll spielen hier weniger Bilder als vielmehr Stimmungen eine Rolle. Mal schnelle, helle Tonfolgen wie perlendes Wasser, mal dunkle, grollende Noten wie brausender Sturm. Tempo, Lautstärke und Tonhöhe wechseln ständig. Wenig bekannt: Franz Liszt hat es nach Hollywood geschafft. Eine bestimmte Tonfolge findet sich in der alten Comicserie "Tom & Jerry" wieder. Auch dies eine der Geschichten, die der mehrfach ausgezeichnete Pianist rund um die Musik erzählt.

In der Pause wird gefachsimpelt über Bremsleitungen oder man setzt sich probehalber mal in den Camaro. Vor dem Werktor zwitschern die Vögel.

Weiter geht es mit den "Bildern einer Ausstellung". Inspiriert dazu wurde Modest Mussorgski durch den Tod eines befreundeten Künstlers. Zehn von dessen Kunstwerken – Bilder, Skizzen – übersetzte Mussorgski in Musik. Wieder hilft Bogdan Vaida, indem er erklärt, was auf den Bilder zu sehen war. Aber häufig ist der Musiktitel schon sprichwörtlich. Die Promenade – Einleitung und wiederkehrendes Zwischenspiel – ist bekannt. Dann folgen die Bilder. "Der Zwerg": Aggressiv, aber auch mitleiderregend. "Wie Gollum", beschreibt der Pianist und sofort sehen die Zuhörer die Figur aus "Der Herr der Ringe" vor sich. "Das alte Schloss" – "Wie aus Game of Thrones", hilft auch hier Vaida. Man hört den langsamen Verfall eines einst machtvollen Gebäudes aus der Musik heraus.

"Tuileries" und "Bydlo" – größer können Gegensätze nicht sein: Während man im einen Stück die spielenden, streitenden Kinder vor sich sieht, hört man im anderen die großen Wagenräder drehen, die Ochsen schnaufen, wie sie den schweren Leiterwagen ziehen. Auch beim "Ballett der Küken in ihren Eierschalen" und "Samuel Goldberg und Schmuyle" spielt Bogdan Vaida die Unterschiede mühelos hervor. Das nächste Stück wirft die Zuhörer auf den Marktplatz von "Limoges". "Catacombae", "Baba-Jaga" und "Das Bogatyr-Tor" folgen ohne Trennung hintereinander und steigern sich von zombieartigem Horror über beschwörenden Irrsinn hin zum finalen hymnischen Choral. Am Ende bleibt das Gefühl – es ist alles vergänglich: Wie der Freund, der die Inspiration für den "Bilder"-Zyklus begründete.

Wer die Eindrücke selbst erleben will: Die Konzertreihe geht weiter. Dieselbe Musik, andere Orte. Darunter ein Sanitär- und Heizungsbetrieb in Schallstadt (24. Juni) und die Kläranlage Breisach (16. Juli). Und wer selbst eine Idee für eine tolle Location hat, kann sich an die Veranstalter wenden (info@klassik-mittendrin.de). Denn, wie Dirk Hammes sagt: "Der Flügel passt durch jeden Tür."

Autor: Regina Lorenz