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27. Oktober 2014

Lebenszeiten in den Zeilen

WALDKIRCHER KULTURWOCHEN: "Grenzgänger" stellten facettenreiche Lyrik im "Mohren" vor.

  1. Die sechs „Grenzgänger“ (Autoren und Dichter) mit Saxofonist Rainer Wahl aus Gutach, der zwischen ihren Lesungen Jazzeinlagen bot, bei der Veranstaltung „Lebenszeiten“ im Gasthaus „Alter Mohren“. Foto: Karin Heiss

WALDKIRCH. Von kurzweilig über romantisch oder tiefgründig reflektierend bis hin zu regelrechter sprachlicher Bildkunst oder bildhafter Sprachkunst, die ergreifend war, hingegen keine leichte Kost, reichte die Palette der literarischen Ausdrucksformen bei den Lesungen im Gasthaus "Alter Mohren".

Die "Grenzgänger" – eine Gruppe von Autoren und Dichtern, die sich über das Internetforum "kein.Verlag" kennengelernt haben – boten unter dem Motto "Lebenszeiten" Auszüge aus ihren eigenen Schriftwerken. Die Veranstaltung wurde von Rainer Wahl (Saxofon) aus Gutach mit Jazzimprovisationen musikalisch umrahmt. Der in Waldkirch lebende Schriftsteller Werner Weimar-Mazur stellte die Gruppe vor, die schon mehrfach gemeinschaftliche Lesungen organisiert hat, so auch in Waldkirch in der "Art Praxis" vor rund zwei Jahren, und in der er sich mit derzeit neun weiteren Mitgliedern aus Deutschland, der Schweiz und Italien austauscht. Sechs "Grenzgänger" nutzten an diesem Abend das Präsentationsforum und stießen alle bei Rezipienten auf Resonanz, allerdings, wie sich zeigte, je nach deren Vorlieben bei unterschiedlichen.

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Gemäß des Themas der Veranstaltung sowie der Waldkircher Kulturwochen, hatten die Schriftsteller, Dichter und Autoren Auszüge aus ihren Werken gewählt, die mit "Zeit" zu tun haben.

Thomas Eichler aus Selzen (Rheinhessen) machte den Einstieg mit Passagen aus seinen "Nachtgedichten". Bildhafte Wortspiele mit "schwebender Kohlensäure im Weinglas", "dem Mondschein im wuscheligen Haar", einer geschickt verdrehten Ansicht des oft zitierten "Glashauses", das man hinsichtlich mangelnder Selbstkritik gern anführt, lassen Eichlers Poesie lebensnah, ohne Pomp und Kitsch, unabgehoben erscheinen. Blitzt der Ernst der Lage des Momentes klar hervor, ist aber Tiefsinn angesagt.

Marcus Gerbl aus Freiburg bot zunächst das Gedicht vom "Hammerhai". Geschickt und lustig gereimt gab es dafür schon viele Lacher. Die erste Auseinandersetzung mit seiner Freundin, von der Gerbl erzählte, war ebenfalls amüsant und erntete an vielen Stellen zustimmendes Nicken: Ja, ja, die geschlechtsspezifischen Umgangsformen haben es schon in sich, insbesondere wenn man sie noch nicht gut erkennt. Doch Erkenntnisse, die man über sich selbst gewinnt, sind oftmals erst recht nicht leicht zu nehmen. Darum ging es unter anderem in seiner Kurzgeschichte vom "Verstaubten Held".

I.J. Melodia aus Freiburg, ein gebürtiger Italiener, berührte mit einer ungewöhnlich starken, sinnlich spürbaren Bildsprache, deren Dichte zwar mehr als nur einmaliges Hören bedurfte, um sie umfassend zu begreifen. Doch sein erstmaliges Lesen der Gedichte (er wiederholte alle) schon reichte, um zu erkennen, wie viel Gehalt, naturgewaltige und gefühlsstarke Poesie bei der Beschreibung besonderer Momente, "wenn unter der Borke das Herz schlägt", in diesen steckt.

Für Kathrin Metz aus Leonberg "ist das Leben die größte Inspirationsquelle". Erkenntnisse, Erinnerungen, Alltägliches und den Umgang mit speziellen Lebensfragen verarbeitet Metz zu teils romantisch, teils weise und nüchtern anmutender, aber immer nachdenklich auseinandersetzender Dichtkunst. Die Art ihrer Lyrik lässt die des Dichters Rainer Maria Rilke durchschimmern, den sie schätzt.

Poesie bot auch Werner Weimar-Mazur unter anderem aus seinem Werk "Hautsterben". Passagen über die Kraft der Natur angelehnt an die griechische Mythologie, über das Ende der "Trauerzeit" und die Schönheit des Bühlertals waren dazu angetan, Herz und Gemüt zu erleichtern und den Moment wertzuschätzen. Die Geschichte von der "Kittelschürze der Bäuerin" zeigt, wie gut Erinnerung ist, wenn es um den Sinn des Seins und Werdens geht.

Abschließend wurde es mit Urs Jenni aus Zürich richtig lustig. In seinen "101 Dorfladengeschichten" hat er lustige Begebenheiten mit Menschen und deren Verhaltensweisen, Anekdoten, alltägliche und seltenere Situationskomik festgehalten, dass sich Zuhörer lautes Losprusten manchmal echt nicht verkneifen können. Hinzu kommt sein Dialekt, und das völlig trockene Darbieten dieser echt witzigen Texte, der dem Amüsement, das jeder wohl beim Vortrag empfand, echt die Krone aufsetzte.

Autor: Karin Heiß