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20. November 2016 11:50 Uhr

Waldkirch

Luchse im Schwarzwald: Es gibt vermehrt Redebedarf

Wildtierexperten werden verstärkt mit Anfragen zur Menge von Luchsen im Schwarzwald und den von ihnen angeblich verursachten Schäden konfrontiert. Sie wollen dabei vor allem eins: Vertrauen und Offenheit.

  1. Unser Symbolfoto zeigt einen Luchs auf seinem Streifzug. Es gibt neue Diskussionen über die Anzahl der Luchse in der Region. Foto: dpa

  2. Micha Herdtfelder (Forstliche Versuchsanstalt) und Peter Willmann (Luchsinitiative Baden-Württemberg) Foto: Bernd Fackler

Wo ist eigentlich der Luchs geblieben? Männchen Friedel, das im April 2015 am Rohrhardsberg eingefangen und, mit einem Halsbandsender versehen, wieder freigelassen wurde, ist schon lange ins Donautal abgewandert. Doch er scheint Nachfolger zu haben. Aber es gibt auch Gerüchte um die Luchspopulation. Denen treten der Vorsitzende der Luchsinitiative Baden-Württemberg, Peter Willmann aus Elzach, und Micha Herdtfelder, Luchs- und Wolfexperte von der Forstlichen Versuchsanstalt, entgegen.

"Es wird dreierlei kolportiert", so Peter Willmann: "Dass erstens die Luchse, die noch hier im Schwarzwald sind – in ganz Baden-Württemberg geht man derzeit von fünf Männchen aus – ausgewildert worden seien. Dass zweitens eine Luchsin mit ihren Jungen fotografiert worden wäre. Und drittens kommt bei jedem gerissenen Nutztier der Luchs in Spiel – samt Vorwurf: Da wird was vertuscht." "Es sind auch nur ein paar einzelne Gerüchte, ich will’s nicht anklagend sehen", sagt Herdtfelder, "es wäre aber schön, wenn man sich an die Fakten hält".
"Gegenseitiges Vertrauen muss da sein, dass man nicht dem anderen etwas unterstellt" Peter Willmann, Vorsitzender der Luchsinitiative Baden-Württemberg

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Zum Thema "Auswilderung" sagt Willmann: "Wir würden uns ins eigene Fleisch schneiden, wenn wir in der Richtung etwas machen würden. Dann wäre unsere Glaubwürdigkeit in Frage gestellt. Ohne natur- und jagdrechtliche Landesgenehmigung gibt es keine Auswilderung. Gegenseitiges Vertrauen muss da sein, dass man nicht dem anderen etwas unterstellt."

Micha Herdtfelder: "Die Jägerschaft ist die Gruppe, die die Akzeptanz für eine Luchspopulation haben muss. Wenn die das nicht wollen, wäre es töricht, Luchse auszusetzen. Der jetzige Weg ist richtig: Mit Jägern und Landwirten zusammenarbeiten und Gerüchten entgegen treten."

Willmann weiter: "Im Pfälzer Wald gibt es ein Luchs-Auswilderungsprojekt, da wird man sicher Erfahrungen sammeln. Dort sind auch die Jäger und Schafzüchter mit im Boot."

Bei Luchsen soll immer die Herkunft geklärt werden

Wobei Herdtfelder relativiert: "Dort gibt es große Staatswaldflächen und wenig Nutztiere – also andere Bedingungen als hier, wo viele Landwirte auch Wald haben. Es ist aber auch ein Konflikt zwischen Stadt- und Landbevölkerung, letztere fühlt sich im Stich gelassen mit den Problemen. Wir wollen den Landwirten auf keinen Fall das Gefühl geben, wir berücksichtigen ihre Bedürfnisse nicht."

Zu Punkt zwei, dem angeblichen Foto von einer Luchsin mit Jungen, weiß Micha Herdtfelder: "Es ging um eine Luchssendung im Fernsehen, die nichts mit dem Schwarzwald zu tun hatte. Häufig wird sowas nicht hinterfragt. Das lief aber in dem Fall optimal, denn wir wurden angerufen: ,Stimmt das?’ und prüften nach: Es stimmt nicht. So sollte es auch bei Rissen (von Raubtieren getötete Nutz- oder Wildtiere) laufen."

"Bei Luchsen, die hier auftauchen, setzen wir alles daran, die Herkunft abzuklären." Das sei bei dem Luchs, der seit Februar 2015, zunächst "parallel" zu Friedel, im Schwarzwald umherstreift, klar: Er kommt aus dem Schweizer Jura, wurde deshalb "Tello" getauft – und verhält sich durchaus wie ein recht hungriges Raubtier. Micha Herdtfelder: "Tello hat sich gut bedient: 1,7 Rehe pro Woche" und damit wohl manche Verschwörungstheorie unterstützt. Aber, so Herdtfelder: "Die Jäger wissen: Die genaue Herkunft von dem Tier ist geklärt, das wird manchmal vergessen."
"Wichtig ist Offenheit. Und wenn etwas passiert: schnelle Information." Peter Willmann
Auch die Themen Luchs und Wolf vermischen sich zunehmend. "Die Nutztierhalter haben wirklich Sorgen, wenn der Wolf zurückkommt; es wird eine Abwehrhaltung aufgebaut." Es sei "letztlich auch oft zu wenig persönlicher Kontakt da. Wir haben viel darauf gesetzt, mit Jägern und Landwirten zusammenzuarbeiten und da auch gute Erfahrungen gemacht." Zum fairen Umgang gehöre, dass, "wenn uns was gemeldet wird und wir mit viel Geld und Energie das aufklären, dann auch ein Stück weit erwarten, dass uns geglaubt und nicht vorgehalten wird, dass was vertuscht wird."

Experte Willmann möchte schnell informiert werden, wenn etwas passiert

Peter Willmann nennt ein Beispiel: "Ein Kalb in Yach wurde tot und halb aufgefressen aufgefunden. Wir haben es angeschaut: Es hatte keinerlei Verletzungen am Hals, also vermutlich eine Totgeburt und dann von Füchsen aufgefressen."

Micha Herdtfelder: "Landwirte und Züchter sind die Experten für Tierhaltung und wir machen mit viel Erfahrung Riss-Untersuchungen. Wir haben keinerlei Anlass, etwas zu verbergen." Wobei der Wildtierfachmann auch konstatiert: "Bei vielen ist eine Offenheit da, wenn es Erfahrungen und persönlichen Kontakt gibt und die Leute realisieren: ,Da geht’s mit rechten Dingen zu’." "Wichtig ist Offenheit", betont Peter Willmann. "Und wenn etwas passiert: schnelle Information. Dann wird gleich nachgeschaut. Wenn ein Kadaver erst eine Zeit lang rumliegt, ist es schwierig, die Todesursache noch zu finden."

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Autor: Bernd Fackler