Moderne Kunst bleibt in Waldkirch

Helmut Rothermel

Von Helmut Rothermel

Di, 09. Januar 2018

Waldkirch

GeorgScholzHaus-Kunstforum mit Neustart in der Schlettstadtallee / Umzug von der Merklinstraße in die alte Musikschule.

WALDKIRCH. Als im Oktober 1984 in der "Villa Gütermann" in der Merklinstraße eine städtische Galerie für zeitgenössische Kunst eingerichtet wurde, begann eine beeindruckende Erfolgsgeschichte. 2003 übernahm das "GeorgScholzHaus Kunstforum" als eigenständiger Verein die Trägerschaft. Vor einigen Monaten hat die Stadt als Eigentümerin die Immobilie an die Sick-Stiftung verkauft, die hier naturwissenschaftliche Angebote für Schulen schaffen will. In der alten Musikschule in der Schlettstadtallee wurde vorläufig eine neue Heimat für die Kunst gefunden.

Rückblick
Die lichtdurchfluteten und teils großen Räumlichkeiten in der Merklinstraße 19 hätten sich hervorragend für die Präsentation von Kunstwerken geeignet und immer wieder sei die besondere Atmosphäre von den ausstellenden Künstlern hervorgehoben worden, sagt der frühere Vorstandssprecher Volker Lindemann. Gebaut wurde das Haus 1895 von dem Textilindustriellen Wilhelm Stuck und 1926 ging es in den Besitz der Familie Erich Gütermann über. 1960 kaufte die Stadt das Gebäude und richtete dort 1966 ein Heimatmuseum, den Vorläufer des heutigen Elztalmuseums, ein. Nach dessen Umzug in das Propsteigebäude wurde in der Merklinstraße auf Initiative des damaligen Bürgermeisters Richard Leibinger die städtische Galerie eingerichtet und nach dem Maler Georg Scholz benannt. Diese Benennung verwies auf das Programm und die Zielrichtung der neuen Einrichtung: Die Kunst des 1945 in Waldkirch verstorbenen und von den Nationalsozialisten als "entartet" eingestuften Scholz interpretierte sozial- und gesellschaftskritisch die Verhältnisse in der Weimarer Republik. 1990 trug die weithin beachtete Waldkircher Scholz-Ausstellung dazu bei, den heute allgemein als bedeutenden Vertreter der "Neuen Sachlichkeit" anerkannten Künstler wieder stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken.

An seine kritischen Impulse knüpfte die neue Waldkircher Galerie mit der Absicht an, aussagekräftiger zeitgenössischer Kunst aus der Regio ein Forum zu bieten. Zunächst kuratierte die Kunsthistorikerin Evelyn Flögel die Ausstellungen. Das Haus entwickelte sich bis heute zu einem Ort für moderne Kunst von regionaler Bedeutung und erhielt auch überregional viel Anerkennung. Bei der Gründung und danach sei er stark von Anneliese Licht, der Bürgermeisterstellvertreterin und CDU-Fraktionsvorsitzenden im Gemeinderat, unterstützt worden, sagt SPD-Politiker Leibinger heute. Dieses parteiübergreifende Engagement sei aber nur von kurzer Dauer gewesen. Nach dem Ausscheiden Lichts aus dem Gemeinderat 1989 habe es über die Jahre aus dem Gremium immer wieder Stimmen gegeben, die aus Kostengründen für einen Verkauf der Villa plädierten.

Vereinsgründung
Um einen Beitrag zur Existenzsicherung des Hauses zu leisten, wurde deshalb durch ein Gruppe kunstbegeisterter Waldkircher um das spätere Ehrenmitglied Rainer Höll 1997 die Gründung eines Fördervereins angestoßen. Aus diesem ging das "GeorgScholzHaus Kunstforum" mit seinen inzwischen rund 100 Mitgliedern hervor, das ab 2003 als Mieter des städtischen Gebäudes die Leitung der Galerie übernahm. Finanziell großzügig unterstützt wurde das ehrenamtliche Engagement durch die 2013 verstorbene Künstlerin Waltraut Sick, die schon dem ersten Vorstand des Fördervereins angehört hatte. Dazu kamen weitere Spender. 2015 begann die erfolgreiche Kooperation mit der städtischen Musikschule, der Räume zur Verfügung gestellt wurden, in welchen die jungen Musiker in unmittelbarer Nähe der benachbarten Schulen während Unterrichtspausen üben und ohne Schwellenangst moderne Kunst kennenlernen konnten.

Verkauf
Eine neue Situation ergab sich mit der Eröffnung des Gisela-Sick-Bildungshauses im September 2017, in das bekanntlich auch die bis dahin in der Schlettstadtallee untergebrachte Musikschule einzog. Nachdem wegen Protesten gegen die Planung die ursprünglich vorgesehenen vier Stockwerke auf drei reduziert worden waren, verkaufte die Stadt als Ausgleich für das fehlende Stockwerk das angrenzende Georg-Scholz-Haus an die Sick-Stiftung. Das Kunstforum musste sich neue Räume suchen.

Natürlich vermisse man die besondere Atmosphäre der Villa, freue sich aber auch, in nunmehr zentraler Lage in der Schlettstadtallee weitermachen zu können, sagt der jetzige Vorstandssprecher Ehrhard Sachs. Auch in der früheren Musikschule ist der Verein nuin also Mieter einer städtischen Immobilie, der allerdings wegen starker Sanierungsbedürftigkeit mittelfristig zumindest teilweise der Abriss droht.

Neustart
Nach nur kurzer Renovierungszeit – unterstützt durch mannigfache Hilfe zahlreicher Mitglieder – und dem dann folgenden Umzug kann es nun losgehen: Am Freitag, 12. Januar, eröffnet das Kunstforum seine Räume im neuen Domizil im ersten Obergeschoss im Bürgerhaus. In einer Mitgliederausstellung unter dem Titel "GSH Fokus – Neustart" werden Arbeiten von 22 Künstlerinnen und Künstlern des Vereins zu sehen sein.

Vom Team des Forums werden bisher jährlich mindestens vier reguläre Ausstellungen organisiert, dazu kommen noch Sonderausstellungen. Um ein hohes künstlerische Niveau zu gewährleisten, trifft eine unabhängige Jury, der neben einem Vertreter des Forums zwei externe Fachleute angehören, die Entscheidung über die Auswahl der ausstellenden Künstler. Sehr wichtig ist dem Verein auch eine tiefergehende Kunstvermittlung, weshalb für die Vernissagen namhafte Kunstwissenschaftler engagiert werden, welche in die Ausstellungen einführen. Zudem gibt es immer das Angebot eines Kunstgesprächs mit den Künstlern selbst. Mehr als 800 Schüler haben seit Anfang 2015 an den ausstellungsbegleitenden Schülerworkshops teilgenommen. Das widerlege das immer noch anzutreffende Vorurteil, das Kunstforum sei nur die Spielwiese eines kleinen, elitären Zirkels, sagen Brünhild Zinger und Roland Krieg vom Vereinsvorstand. Vielmehr nehme man mit der ehrenamtlichen Förderung von Kreativität und der Vermittlung ästhetischer Kompetenz eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe wahr.

Neben der Präsentation bildender Kunst ist das Kunstforum auch ein Ort für Musik, Lesungen, Theater und Feste, man verstehe sich als "Kulturzentrum", betont Volker Lindemann. Im Begleitprogramm zu den Ausstellungen gibt es regelmäßig auch eine "Schreibnacht" mit Roland Burkhart, in der die Teilnehmer ihre Gedanken zu den Kunstwerken zu Papier bringen und die bei den Finissagen vorgelesen werden. Auch das "Filosofische Forum" mit Klaus Scherzinger ist fester Bestandteil des Angebots.