"Nai hämmer gsait"

Katja Rußhardt

Von Katja Rußhardt

So, 08. April 2018

Waldkirch

Der Sonntag Roland "Buki" Burkhart wurde ausgehend von 1968 zum Liedermacher der Bewegung.

Der Waldkircher Roland Burkhart alias Buki ist einer jener Südbadener, die erst Zeitzeugen der Revolte von ’68 waren und dann zu Akteuren der Ökologiebewegung wurden. Der heute 72-Jährige aus dem Kaiserstuhl erinnert sich nicht nur an den erfolgreichen Zusammenhalt im Kampf gegen die Kernkraft.

"Ich hätte auch in Breisach auf die Schule gehen können, doch meine Mutter dachte, wir Schüler würden im Zug verdorben", sagt Roland Burkhart. Also wird das Landkind aus Jechtingen am Kaiserstuhl 1959 nach Freiburg geschickt, geht aufs Bertold-Gymnasium und wohnt im katholischen Schülerheim in Herdern. Priesternachwuchs wird hier herangezogen, die Jungen kommen aus ländlichen Gebieten vom Odenwald bis zum Bodensee. Burkhart leitet eine Jugendgruppe, hört mit ihr seine erste Stones-Platte, studiert "Die Räuber von Toulouse" ein, lernt Gitarre und Bratsche. "Mit Achtzehn bin ich in die innere Emigration gegangen und beim obligatorischen Gottesdienst nicht mehr zum Beten aufgestanden", erzählt der 72-Jährige.

Keiner aus seinem Abijahrgang 1967 ist Pfarrer geworden, doch damals ging man noch, weil es alle taten, anschließend zur Bundeswehr. Ein einschneidendes Erlebnis: "Unser Kompaniechef war hellwach, wir haben über aktuelle Politik diskutiert und so alle vier Wochen hat einer von uns verweigert, weil er nicht auf Menschen schießen wollte", erinnert sich Burkhart.

Er selbst verweigert den Militärdienst nachträglich, nachdem er Michael Verhoevens 1970 entstandenen Film "o.k." gesehen hat, der sich mit dem Vietnamkrieg beschäftigt. "Das hat mich so erschüttert, dass ich damit meine Verweigerung begründet habe", erklärt er. Nach fünf Jahren und erst in der dritten Instanz wird seine Verweigerung anerkannt: "Genau zur Zeit des Protests gegen Wyhl habe ich meinen Prozess gewonnen." Politik und Soziologie auf Magister studiert er da in Freiburg und engagiert sich mit einer Studentengruppe in der Obdachlosenhilfe. "Können selbstverwaltete Jugendzentren ohne Sozialarbeiter funktionieren?" ist Thema seiner Examensarbeit, für die er in Jugendzentren in der Region recherchiert. Doch zum Abschluss soll es zunächst nicht kommen: "Als die Platzbesetzung losging, sollte ich gerade mein Studium beenden", blickt Burkhart zurück und erinnert sich an die Anhörung in Wyhl, an Megafone und Menschenmassen, die sich ab 1974 zum Protest gegen das geplante Atomkraftwerk formierten.

Mit der Gitarre um den Hals und selbst getexteten alemannischen Liedern unter dem Pseudonym "Buki" wird er Teil der Bewegung, die sich dagegen wehrt. "Nai hämmer gsait", heißt eine Losung der Protestierenden, die von Sympathisanten aus der ganzen Welt auf dem besetzten Gelände besucht werden. Sie holen sich Anregungen und handfestes Wissen für ihren Protest. "Wyhl ist die Wiege der Ökologiebewegung in Europa", zieht Burkhart Bilanz. Damals habe man den Staat freiheitlicher, sozialer, geschichts- und selbstbewusster, bürgerfreundlicher und antikapitalistischer haben wollen. Die Bürger seien in den 1970er Jahren mündiger geworden.

"Heute, 50 Jahre später, müssen wir genau diesen Staat mit seinen im Grundgesetz formulierten freiheitlich-demokratischen Strukturen verteidigen gegen die Gaulands, Orbans, Wilders, Le Pens, Trumps, Putins und andere Gegner von humanen, ökologischen und demokratischen Strukturen. Denn sie sitzen schon fest im Sattel", sagt er. Das sei, so fügt er hinzu, sein politisches Credo und es speise sich aus den Erfahrungen im Dreyeckland mit den Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen gegen das AKW in Wyhl, gegen Fessenheim und alle weiteren Atomkraftwerke auf der Welt: "Die Nuklearunfälle von Tschernobyl und Fukushima haben mir endgültig die Augen geöffnet und mein langjähriges Engagement als richtig bestätigt."

Engagiert ist Roland Burkhart immer noch. An seinem Wohnort Waldkirch ist der ehemalige Buchhändler bei der "Ideenwerkstatt Waldkirch in der Nazizeit" und seit langem im Georg-Scholz-Haus Kunstforum Waldkirch aktiv, auch als Initiator der dortigen Schreibnacht.