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04. April 2017

"Tiefer in den Köpfen, als man es wahrhaben will"

BZ-INTERVIEW mit Peter Ohlendorf / Der Filmemacher drehte zusammen mit Thomas Kuban einen Film über die Nazirockszene.

  1. Düstere Atmosphäre im Film „Blut muss fließen“. Foto: Veranstalter

  2. Regisseur Peter Ohlendorf kommt zur Filmvorführung nach Waldkirch. Foto: privat

WALDKIRCH. Der Journalist Thomas Kuban spähte die Rechtsrock-Szene unter extremem persönlichem Risiko neun Jahre lang mit versteckter Kamera aus. Seine geheimen Aufnahmen hat der Filmemacher Peter Ohlendorf in den Film "Blut muss fließen"– undercover unter Nazis" zusammengestellt. BZ-Mitarbeiterin Ricarda Nopper sprach mit ihm.

BZ: Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Thomas Kuban?
Ohlendorf: Der Kontakt zu Thomas Kuban kam über einen Freund zustande. Anders wäre ich an Thomas nie ran gekommen, weil er sich aus Sicherheitsgründen abkapseln musste. Meine Aufgabe bei dem Film war es, die Realität in ein filmisches Sujet zu verpacken: Vor welchem Hintergrund spielen die Konzerte? Wie können die Konzerte stattfinden? Welche Behörden sind da vielleicht viel zu schlecht aufgestellt, um die Konzerte zu verhindern? Was uns auch wichtig war: Die Konfrontation mit Politik, Behörden und Zivilgesellschaft so in einen filmischen Ablauf zu bringen, dass eine Geschichte erzählt wird, die für das Publikum auf der einen Seite spannend ist und inhaltlich aber auch so konsistent, damit rüber kommt, was wir auf den Punkt bringen wollen.

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BZ: Mit welcher Intension zeigen Sie den Film? Welchen Effekt erhoffen Sie sich bei dem Publikum?
Ohlendorf: Gerade in diesen Zeiten, wo die Nationalismen immer mehr in die Köpfe wandern und Europa immer weiter in den Hintergrund rückt, finde ich es extrem wichtig, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Wir wollen den Impuls an das Publikum weitergeben, dass Demokratie etwas unfassbar Wertvolles ist, wir es aber alle selbst in die Hand nehmen müssen, sie jeden Tag wieder zu verteidigen und sie nicht als gegeben anzunehmen. Denn dieses Problem existiert auch hier in Baden-Württemberg. In einem reichen Bundesland, wo man gerne denkt: "Hier kann es doch keine Nazis geben". Das ist ein Irrtum.

BZ: Welche Bedeutung hat die Rechtsrockszene für die heutige Naziszene?
Ohlendorf: Er hat eine sehr große Bedeutung. Zum einen, was die Akquise von jungen Leuten angeht. Rechtsrockbands haben teilweise ein Liedrepertoire, das Heimat, Stolz und jugendliche Revolte beinhaltet und damit können junge Leute sehr gut erreicht werden. Damit ist der Einstieg in die Rechtsrock-Szene gegeben. Auch die krasseren, wirklich absolut verbotenen Lieder von Nazibands finden sich im Internet und können von Jugendlichen heruntergeladen und weitergegeben werden. Darin liegt ein großes Gefahrenpotenzial. Zum Anderen ist die Idee hinter dieser Musik, dass man Jugendliche weniger mit Politveranstaltungen und Flyern erreichen kann, als aber sehr gut mit Musik. Das emotionalisiert und da können Inhalte verpackt werden. Dass das funktioniert, hat die Vergangenheit leider blutig erwiesen. Wenn man seine "Heimat" in dieser fürchterlichen Musikszene gefunden hat, fängt man an das umzusetzen. Der "Nationalsozialistische Untergrund" ist der traurige Beweis dafür. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt haben diese Musik gehört und sind dann zur Tat geschritten.

BZ: Können Sie sich erklären, warum der Film von den Fernsehanstalten weder unterstützt noch ausgestrahlt wurde?
Ohlendorf: Die bundesdeutsche Gesellschaft geht ja in ihrer Mehrheit gerne davon aus, dass Nazis der Ausnahmefall sind. Aber dieses nationalsozialistische Denken in verschiedenen Stufen und Verdichtungen ist tiefer in den Köpfen von vielen, als es die Öffentlichkeit wahrhaben will. Deswegen wird das Thema "Nazis" gerne weggeschoben. So haben während der Produktion weder öffentlich-rechtliche Sender noch Stiftungen Interesse an unserem Film gezeigt. Das ist schockierend angesichts unserer Vergangenheit. Naziterror ist der Terror Nummer 1 in Deutschland, doch diese Tatsache bildet sich in der Berichterstattung nicht ab. Gerade deswegen sind wir sehr daran interessiert, den Film auch an Schulen zu zeigen und zu diskutieren und hoffen, das auch in Waldkirch bald tun zu können.

Info: Der Dokumentarfilm "Blut muss fließen – undercover unter Nazis" mit anschließender Diskussion mit Regisseur Peter Ohlendorf wird am Donnerstag, 6. April, 19.30 Uhr im Gemeindezentrum St. Margarethen, Kirchplatz 9, in Waldkirch gezeigt. Eintritt frei.

ZUR PERSON: Peter Ohlendorf

Peter Ohlendorf (*1952) ist ein Freiburger Film- und Fernsehregisseur sowie Drehbuchautor und Filmproduzent.

THOMAS KUBAN
Thomas Kuban ist das Pseudonym eines deutschen Journalisten, der unter anderem 15 Jahre lang in der Neonaziszene recherchierte.  

Autor: bz

Autor: bz