Von Kaffeebohnen und dem Christkind

Dorothea Scherle

Von Dorothea Scherle

Di, 18. Dezember 2018

Waldkirch

Das Improvisationstheater "Wilde Mathilde" war im Roten Haus zu Gast / Spenden für Zarok e.V.

WALDKIRCH. Lange nicht so gelacht! Das Improvisationstheater "Wilde Mathilde" gastierte im Roten Haus. Der Erlös des Abends geht an den Kenzinger Verein Zarok, der hilfsbedürftige Jesidinnen und deren Kinder in nordirakischen Flüchtlingslagern unterstützt.

"Wilde Mathilde", das sind Carmen Kienzler aus Freiburg, Helga Schirmer aus Gundelfingen sowie Rahel Schlumberger und Silvia Schmidt-Potzy aus Kenzingen. "Wir wissen heute nicht, was auf der Bühne passiert. Wir sind sehr faul, wir haben keinen Text gelernt. Die Hauptlast des Abends liegt bei euch", erklären die Frauen und lassen erst einmal das Publikum arbeiten. "Körperlich und mental aufwärmen" nennen sie das. Als dann alle Zuschauer einmal die Schulterpartie des Sitznachbarn massiert und sich mit künstlich nach oben gezogenen Mundwinkeln gegenseitig angeschaut haben, ist im Saal der nötige Belustigungspegel erreicht, damit die vier Frauen ihr schnelles Spiel beginnen können, immer unter Einbeziehung des Publikums.

Schnell wird klar, dass die Hauptlast des Abends bei den Schauspielerinnen liegt, die sich mit viel Schlagfertigkeit, Spielfreude und Witz die Bälle zuwerfen, während das Publikum nur Stichworte liefert. In der ersten Szene geben die Zuschauer fünf Gegenstände aus ihren Taschen ab und entscheiden sich mehrheitlich für ein Paar Socken. Die Devise: "Die sind jetzt alles, nur keine Socken." Spätestens, als das Sockenpaar auf dem Kopf hängend als "Wollextensions" Rahels Haarpracht verschönert, kugelt sich das Publikum vor Vergnügen.

Ein enormes Tempo entsteht beim "Switch-Change"-Spiel: Zwei Frauen auf der Bühne müssen auf den Zuruf "switch" der anderen beiden Mitspielerinnen ihre Rolle augenblicklich tauschen. Auf den Zuruf "change" werden sie durch die anderen beiden ersetzt, die das Spiel exakt an der gleichen Stelle fortführen. "Christkind und Weihnachtsmann" gibt das Publikum als Rollenkonstellation vor. Natürlich ist es urkomisch, wenn vier erwachsene Frauen hintereinander mit wedelnden Armen ein albern fliegendes Christkind geben. Am Schluss ist das Christkind vom Weihnachtsmann schwanger, der Weihnachtsmann jammert, seine Rentiere seien über den Sommer viel zu dick geworden, und das Christkind klagt unter dem Gejohle des Publikums: "Ich auch".

Beim Lexikonspiel müssen im Spiel verwendete Wörter erklärt werden, hochwissenschaftlich, versteht sich: "vereinen", ruft eine Akteurin, und die, die das Wort benutzt hat, tritt aus der Szene heraus und expliziert: "Mehrzahl von ’Verein’." "Besen": "Kosename vieler Ehemänner für ihre Frauen." Schnelligkeit und Esprit sind gefragt.

In der Pause schreibt das Publikum Zitate oder kurze Sätze auf Zettel, die die Schauspielerinnen gefaltet auf dem Boden verteilen. Die folgenden Wortwechsel zum Handwerksberuf "Schuster" werden im Wesentlichen aus den zufällig vom Boden aufgehobenen Zetteln gestaltet. "Bei deinem Anblick denke ich", sagt eine Akteurin und hebt einen Zettel auf: "Weine nicht, wenn der Regen fällt."

Und so geht es in einem fort. Nicht jede Szene gelingt gleich gut, aber beim hohen Tempo der vier macht das gar nichts. Der Höhepunkt ist am Schluss erreicht: Eine Fernsehsendung zum Wahlthema des Publikums "Warum hat die Kaffeebohne einen Schlitz?" mit einer Moderatorin (Carmen Kienzler), der Expertin Frau Ujuijui aus Sri Lanka (Rahel Schlumberger), der Gebärdendolmetscherin Frau Knieauf (Helga Schirmer) und der Übersetzerin Frau Fliegweg aus Essen (Silvia Schmidt-Potzy). Noch bevor es richtig losgeht, lacht sich das Publikum schon krank, weil Frau Knieauf den Namen "Fliegweg aus Essen" in urkomische Gebärden umsetzt. Als dann Frau Ujuijui die Übersetzerin mit einem singhalesischen Nonsens-Wortschwall in doppeltem Dieter-Thomas-Heck-Tempo eindeckt, lacht das Publikum Tränen. Den Schlitz "schlitzen alte Frauen am Feuer", übersetzt Frau Fliegweg, und die Zuhörer sind hin und weg. Als Zugabe greifen die vier Schauspielerinnen aus allen gespielten Szenen Elemente auf – eine faszinierende Gedächtnisleistung – und wandeln sie im Sinn von "was hier hätte auch passieren können" in neue Szenen um. So jammert Christkind Rahel am Schluss: "Ich war ein glückliches Christkind, bis ich zwei Kinder bekam", und Helga erwidert ungerührt: "So geht es Millionen Frauen."

Info: Der Verein Zarok (kurdisch für "Kinder") investiert in Hilfen zur Trauma-Bewältigung, Bildungsangebote für Kinder und Selbsthilfeprojekte für Frauen in Kooperation mit lokalen Organisationen im Nordirak.

Information: http://www.zarok.de