Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

16. März 2009

Wenn der Winter gefährlich wird

Ein kleiner geschichtlicher Überblick über seltene Lawinenabgänge im mittleren Schwarzwald von Schonach bis Furtwangen

  1. Foto: Wolfgang Schyle

  2. Foto: Archiv

SCHONACH/FURTWANGEN. Seit November liegt der Schwarzwald ununterbrochen unter einer Schneedecke, die Wintersportlern und Touristen alles bietet, was man sich von einem herrlichen Winter verspricht. Doch mancher hat nun langsam genug von diesem Winter, der gar nicht mehr aufhören möchte.

Die Menschen neigen zwar zu kurzfristigen Analysen, aber dieser Winter gibt auch wieder einmal Anlass für vielfältige Diskussionen, ob denn die Winter früher noch viel heftiger oder gar gefährlich waren. In den Medien wurde in diesem schneereichen Winter wiederholt von Lawinenabgängen in den Skigebieten der Alpen berichtet. Aber auch eine durch einen Skifahrer ausgelöste Lawine am Feldberg brachte der modernen Skigesellschaft die Erkenntnis, dass ein Winter auch heute noch sehr gefährlich werden kann.

Die Lawine am "Königenhof" in Neukirch
Lawinen im Hochschwarzwald sind zwar selten und glücklicherweise sind im mittleren Schwarzwald in jüngster Zeit auch keine bekannt, ein Blick in die Archive des 19. Jahrhunderts zeigt jedoch gleich zwei tragische Lawinenunglücke auf – in Furtwangen-Neukirch und in Schonach-Rensberg, bei denen sogar mehrere Menschen ums Leben kamen.In dem südlich des Hexenlochs sehr abseits gelegenen Wagnerstal stand auf Neukircher Gemarkung der mächtige Königshof (auch Königenhof genannt) des Bauern Martin Tritschler mit seiner Familie, der erstmals im Jahr 1540 urkundlich erwähnt wurde. Der große Hof war umgeben von einer Hofkapelle, einem Speicher und einer Mahlmühle mit einem Backhaus. In unmittelbarer Nähe standen auch noch die beiden kleinen Häuser, in denen die Familien des Uhrengestellmachers Philipp Beha, des Dachdeckermeisters Johann Löffler und die Witwe des Blasius Faller wohnten.

Werbung


Im Februar 1844 hatte ein Wintersturm den Schnee auf dem wenige Jahre zuvor abgeholzten Steilhang zwei bis drei Meter hoch aufgetürmt. Am Samstag, 24. Februar, gab es zudem einen Wettersturz und heftiger Regen ergoss sich den ganzen Tag über in den Schnee. Das Unheil kündigte sich dann um sechs Uhr abends an, als sich ein Schneebrett löste und einen Bienenstand wegriss. Die Aufzeichnungen belegen zwar, dass sich die "Weibsleute" Sorgen machten, aber den Bauern schien dies nicht zu belasten. Im Gegenteil. Er setzte sich zusammen mit seinen Söhnen, seinem Knecht und den beiden Nachbarssöhnen in die große Stube, um Cego zu spielen.

Was dann in dieser Winternacht genau geschah, ist nur ansatzweise zu rekonstruieren. Gegen 23 Uhr schlug das tragische Schicksal zu, als sich eine mächtige Lawine löste und mit fürchterlichem Krachen niederging, den Hof aus seinen Grundmauern hob und ihn wie ein Kartenhaus zusammendrückte. Das Unglück selbst wurde in dieser stürmischen Winternacht allerdings erst gegen vier Uhr früh bemerkt, als die Frau des Uhrgestellmachers ihre beiden Söhne vermisste. Sie sollten frühmorgens Uhrengestelle über die Fernhöhe nach Urach tragen.

Nur langsam wurde das Ausmaß des Unglückes klar und nur schleppend konnten die Bauern der Nachbarhöfe verständigt und Hilfe organisiert werden. Zu allem Unglück wurden die Rettungs- und Bergungsmaßnahmen durch einen Kälteeinbruch erschwert, der den nassen Schnee regelrecht zu Eis gefrieren ließ. Die Bergung der Toten dauerte mehrere Tage. Danach herrschte traurige Gewissheit, dass die Lawine insgesamt 17 Personen in den Tod riss. Nur sieben Personen überlebten das Unglück. Der Vöhrenbacher Casimir Stegerer hat diese Katastrophe in einem zeitgenössischen Stich festgehalten.

Im Winter 1850/51 hat sich in einem abgelegenen Teil der Schonacher Gemarkung ein weiteres tragisches Lawinenunglück ereignet. Fährt man die heutige Landesstraße 109 von Schonach Richtung Elzach, so kommt man kurz vor der Gemarkungsgrenze zu dem Gewann Elzbach. Der Hof und ein Nebengebäude befinden sich auf exakt 600 Meter Meereshöhe. Bis Anfang des 18. Jahrhunderts gehörte dieser Zinken noch zur Gemeinde Niederwasser (jetzt Stadt Hornberg) und die Schule lag hoch oben auf dem Rensberg. Daran änderte sich auch nichts, als dieses Gebiet der Gemeinde zugeschlagen wurde. Dies bedeutete aber auch, dass die Schülerinnen und Schüler bei Wind und Wetter einen langen und sicherlich auch beschwerlichen Schulweg hatten. Der Weg führte steil bergauf und es musste täglich der Herrenwälderberg mit knapp 980 Metern bezwungen werde, bevor man noch das letzte Stück bis zur Schule (940 Meter) abwärts gehen konnte (die ehemalige Schule liegt etwa 300 Meter südlich des Gasthauses "Karlstein" auf der Gemeindeverbindungsstraße Schonach – Karlstein).

Leider legen die bisher bekannten Quellen nur wenige Details über das tragische Unglück offen. Weder nähere Umstände noch der genaue Unglücksort sind derzeit bekannt. Auch ist das Alter des Schulmädchens nicht vermerkt, das sich am Unglückstag vom Elzbach zur Rensberger Schule aufmachte. Nur spärlich wird berichtet: "Das Mädchen Emma Fix vom Elzbach wurde auf dem Schulweg nach Rensberg auf dem Herrenwälderberg von einer Schneelawine begraben und getötet."

Quellen: Unter anderem Kreisalmanach des Schwarzwald-BaarKreises 1986; Anton Hodapp, Schonach (1924); Recherchen: Wolfgang Schyle, Schonach, 2009 .

Autor: Wolfgang Schyle