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30. Juli 2013

Wo bleibt der Mensch bei all der Ökonomie?

Wolfgang Thierse hinterfragt in Waldkirch, was aus uns wird, wenn Kultur immer weniger öffentlich gefördert wird.

  1. Politik heißt, manchmal am ganz großen Rad zu drehen. Das übten Wolfgang Thierse und Johannes Fechner im Elztalmuseum an einem Orchestrion. Foto: Sylvia Timm

WALDKIRCH. Kultur zu unterstützen, kann manchmal ganz schön anstrengend sein: Wolfgang Thierse, Vizepräsident des deutschen Bundestages, machte während seines Schwarzwaldurlaubes einen Wahlkampfunterstützer-Zwischenstopp in Waldkirch im Elztalmuseum. Dort genoss er in einer Führung die Orgelkleinode und großen Orchestrien weitgehend als Zuhörer, aber er durfte auch selbst tätig werden: am Schwungrad der Schaustellerorgel "De Poppenspaeler". Eine schweißtreibende Angelegenheit, zumal zum Erhalt der Orgeln in den Museumsräumen die Luftfeuchtigkeit recht hochgehalten wird, so dass beinahe tropische Zustände herrschten. Zusammen mit dem SPD-Bundestagskandidaten Johannes Fechner klappte das Drehen am großen Rad schon ganz gut.

Im Anschluss an die Bruder-Orgeln, Weber-Orchestrien und die große Altobella Furiosa warteten im deutlich kühleren Gewölbekeller nicht nur Getränke und Hefezopf, sondern ein interessiertes Publikum, welches Thierses Ausführungen zur Rolle der Kultur hören wollte. Thierse wandte sich darin vor allem dagegen, dass bei Umverteilungen in den öffentlichen Haushalten immer gern zu allererst bei der Kultur gekürzt werde, obwohl Deutschland heute doch nicht ärmer sei als vor Jahren. Generell bemerkte er eine Tendenz zu einer immer stärkeren Ökonomisierung der Gesellschaft. Fast alles werde nur noch hinsichtlich der Kosten und des in Geld messbaren Nutzens betrachtet.

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Thierse sah hier neue Gefahren durch das Freihandelsabkommen mit den USA heraufziehen, welches eine öffentliche Förderung unterschiedlicher Bereiche erschweren oder unmöglich machen werde. Aber auch Bund, Land und Kommunen kürzen und streichen oft zuerst im kulturellen Bereich, weil dieser als elitäres Sahnehäubchen betrachtet werde. Kultur sei jedoch wichtig für Persönlichkeitsbildung. "Wenn eine Gesellschaft immer weniger Zeit, Raum und Geld aufbringt, darüber nachzudenken, was sie ist und was sie will, unterwirft sie sich immer mehr der Betriebswirtschaft und der Verabsolutierung des Marktes. Was wird dann aus uns?", so Thierse. Nur die Reichen könnten sich einen armen Staat leisten, alle anderen bräuchten den Rechts-, Sozial-, Kultur- und Bildungsstaat, "mit einer gerechten Verteilung um unserer Zukunft willen". Die Hochkultur betrachtete Thierse dabei als Inspiration für alle weiteren kulturellen Bereiche und äußerte sich kritisch zur Fusion der SWR-Orchester. Aber auch in der Bildung der Kinder und Jugendlichen dürfte die musische Ausbildung nicht zu kurz kommen, da diese nachhaltiger wirke als Faktenwissen, das sich durch die technologische Entwicklung heute sehr schnell überhole.

Der Waldkircher OB Richard Leibinger erläuterte ergänzend, dass Kultur und Bildung in Waldkirch durchaus Schwerpunkte kommunaler Politik seien. Die Automatische Kapelle der Gebrüder Weber (Baujahr 1900) wurde kürzlich mit Zustimmung des Gemeinderates für mehr als 300 000 Euro aus Privatbesitz angekauft – sonst wäre sie aus Waldkirch unwiederbringlich verschwunden.

Autor: Sylvia Timm