Ausbildung

Was russische Nachwuchsjournalisten nach ihrem Praktikum bei der BZ erlebt haben

Marina Bakhareva

Von Marina Bakhareva

Fr, 14. September 2018 um 11:02 Uhr

Freiburg

Jedes Jahr machen russische Nachwuchsjournalisten bei der BZ ein Praktikum: Ihre Lebenswege sind danach unterschiedlich. Marina Bakhareva hat einige von ihnen aufgespürt.

Jedes Jahr kommen 15 russische Nachwuchsjournalisten oder -Journalistinnen nach Deutschland – um Land und Leute kennenzulernen und sich im Beruf weiterzubilden. Sie alle nehmen teil am Austauschprogramm des Deutsch-Russischen Forums. Das ist ein unabhängiger und überparteilicher Verein, der die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland fördern will.

Sechs Wochen lang können die jungen Menschen in den Redaktionen deutscher Medien und Rundfunkanstalten Erfahrungen sammeln und eigene Beiträge verfassen. Auch die Badische Zeitung gehört zum Kreis der deutschen Medien, die das Austauschprogramm unterstützen. Bereits 1999 hat die Badische Zeitung einen Praktikanten aus Russland empfangen, seit 2002 kommen russische Nachwuchsjournalisten jeden Sommer nach Freiburg und arbeiten in der Stadtredaktion und im Politikressort mit. In diesem Jahr ist die 20-jährige Marina Bakhareva zu Gast in Freiburg. Sie hat recherchiert, was ehemalige Austauschstudenten, die in Freiburg waren, heute machen.

Von der BZ ins Büro des Generaldirektors



Denis Wiksne (38) war einer der ersten russische Praktikanten 1999 und lebt heute in Moskau:"Seit meinem Praktikum hat sich vieles geändert. Die Reise nach Freiburg war meine erste Auslandsreise. Seitdem habe ich die meisten europäischen und viele asiatische Länder besucht. Die wichtigste Veränderung in meinem Privatleben war die Gründung einer Familie. Ich habe einen Sohn, und er wird bald zehn Jahre alt.

Nach meinem Praktikum habe ich in unterschiedlichen Medien gearbeitet. Im Jahr 2006 kam ich zur Zeitung "Gudok", das ist eine legendäre Zeitung über Eisenbahnverkehr, die dieses Jahr ihr 100. Jubiläum feiert. 2012 bekam ich eine Stelle bei den Russischen Eisenbahnen, jetzt arbeite ich im Büro des Generaldirektors.

"Die Redakteurin der Jugendredaktion bat mich um Hilfe bei ihrem Umzug und schenkte mir eine trendige Krawatte."

In diesem Praktikum musste ich mich zum ersten Mal in einem unbekannten Umfeld zurechtfinden und mein Deutsch war nicht perfekt. Ich erinnere mich an den Mann, von dem ich das Zimmer mietete, er hieß Holger Maier und spielte in einer Rock-n-Roll-Gruppe. Ich erinnere mich auch gerne an das Kollektiv der BZ, an die Redakteure von Lokalredaktion, Sport- und Politikressorts und der Beilage ,Jugend macht Zeitung’.

Die Atmosphäre in der Redaktion ,Jugend macht Zeitung’ prägte sich mir besonders ein. Da versammelten sich junge 15- bis 16-jährige Talente und rauchten am Arbeitsplatz. Der Lokalredakteur lud mich zu einem Drink ein, weil er einmal mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Wladiwostok gereist war und sich in Russland verliebt hatte. Die Redakteurin der Jugendredaktion bat mich um Hilfe bei ihrem Umzug und schenkte mir eine trendige Krawatte."

Furcht vor dem badischen Dialekt



Vera Girenko (33) war BZ-Praktikantin im Jahr 2007, sie lebt heute in St. Petersburg: "Ich habe mein Studium an der Uni in Perm abgeschlossen und bin vor zehn Jahren nach Sankt Petersburg umgezogen. Ich habe immer als Journalistin und Kulturbeobachterin gearbeitet: zuerst in der Presse, später beim Rundfunk. Jetzt bin ich Presseattaché und Programmdirektorin bei einem Filmstudio.

Freiburg hat mir sehr gefallen. Es ist eine sehr gemütliche Stadt, wo man allerdings eher im Alter leben möchte. Ich erinnere mich mit großer Wärme an die Redaktion im Stadtzentrum. Ich fürchtete damals, dass ich kein Wort Dialekt verstehen würde, aber alle sprachen Hochdeutsch.

Ich erinnere mich an ein Interview mit dem stellvertretenden Direktor eines Heims, der nach jeder Frage zum Chef ging, um die Antwort abzustimmen. Ich war erstaunt, wovor hatte er solche Angst? Auch Lustiges passierte. Als ich ein Eis kaufte, zeigte ich das erste Mal mit den Fingern, dass ich drei Kugeln wollte. Man gab mich aber zwei. Das wiederholte sich dann. Später habe ich in der Redaktion erfahren, dass die Deutschen die Zahl drei mit dem Daumen, dem Zeige- und Mittelfinger zeigen. Ich zeigte aber auf die russische Weise: mit dem Zeige-, Mittel- und Ringfinger."

Mit dem BZ-Reporter auf den Münsterturm



Anna Lebed (26) war im Jahr 2013 BZ-Praktikantin und lebt heute in Berlin: "Das Praktikum bei der BZ war meine erste journalistische Erfahrung in einer Regionalzeitung und deswegen war es ganz spannend. Dieses Praktikum hat mir Mut gegeben, mich im nächsten Jahr für ein neues Journalistenpraktikum zu bewerben. Danach habe ich ein russisch-deutsches Masterprogramm in European Studies absolviert. Jetzt arbeite ich im Bereich Vertrieb und Marketing in Berlin.

"In der Politikredaktion ist es ganz ernst geworden."

Ich erinnere mich ganz oft an die sonnige Stadt im Grünen mit Bächle. Spannend war für mich wirklich alles, aber als Highlight würde ich den Artikel über das Freiburger Münster bezeichnen. Mit BZ-Reporter James Röderer stiegen wir ganz hoch auf den Turm, wo die Bauarbeiten ausgeführt wurden. In der Politikredaktion ist es ganz ernst geworden. Da konnte ich meine Meinungsartikel schreiben und neue Einblicke gewinnen. Die Kollegen waren überall nett und unterstützen mich sehr."

Morgens Ortstermin, abends Party



Alina Kakicheva (23), BZ-Praktikantin im Jahr 2017, lebt in Rostow am Don: "Seit dem Praktikum hat sich in meinem Leben noch nicht viel geändert. Ich habe die Uni fertiggemacht und bin jetzt auf Arbeitssuche. Das Praktikum hat mir geholfen, meine Sprachkenntnisse zu verbessern. Als ich zurück an der Uni war, wollte kein Professor des Deutschlehrstuhls mich in die Sprachgruppe nehmen, weil ich zu gut war. Im Unterricht sagten sie zu mir "Fragen wir unsere Deutsche" und versuchten, mich bei Fehlern zu erwischen.

Ich sehne mich nach den Menschen, die ich während meines Praktikums getroffen habe: den anderen Praktikanten, die Kollegen in der Redaktion, die Mitbewohner im Studentenwohnheim. Der interessanteste Moment meines Praktikums war die Begegnung mit der Studentengruppe von Freiburger Burschenschaft Alemannia. Morgens befragte ich sie auf der Straße, und am Abend war ich schon bei ihnen auf einer Party. Wir hatten danach während meines ganzen Praktikums noch Kontakt."