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17. September 2012

Auf der Walz um die halbe Welt

Patricia Betzler kehrt nach drei Jahren heim ins Enkendorf.

  1. Nach drei Jahren und einem Tag war Patricia Betzler am Samstag endlich wieder in Wehr. Foto: Jörn Kerckhoff

WEHR. "Das war ein unfassbares Gefühl." Patricia Betzler aus dem Wehrer Enkendorf ist noch völlig ergriffen von dem Empfang, den ihr etwa 200 Freunde, Verwandte und Bekannte am Samstag bereitet haben, als sie nach drei Jahren und einem Tag auf Wanderschaft in ihre Heimatstadt zurückkehrte.

Sie sei wahnsinnig aufgeregt gewesen, sagt die 26-jährige Zimmerin. Aus Richtung Todtmoos kam sie von der Walz nach Wehr. Als sie um die letzte Kurve bog und sah, dass so viele gekommen waren, um sie in Empfang zu nehmen, habe sie gewusst, dass sie wieder daheim sei. "Es ist einfach ein tolles Gefühl gewesen, zu sehen, dass so viele Leute mich vermisst haben und sich freuten, dass ich wieder nach Hause komme." Sogar eine Abordnung der Wehrer Stadtmusik war da, um ein Willkommensständchen – darunter das Badnerlied – zu spielen.

Aber einfach Familie und Freunden in die Arme fallen ging nicht. Handwerksgesellen auf Wanderschaft haben Rituale, die eingehalten werden müssen. Und so musste Betzler mit anderen Gesellen, die sie begleiteten, im Entenmarsch einige Kurven und Kreise laufen, bevor sie endlich am Ortsschild angekommen war. Und dort ging es weiter. Ein Wandergeselle muss nämlich über das Schild klettern, um wirklich wieder daheim zu sein. Die anderen Gesellen bauten mit ihren Wanderstöcken eine Treppe, die Patricia Betzler erklomm. Dann setzte sie sich auf das Ortsschild, genoss eine Flasche Bier und ließ sich feiern. Dass sie dabei die Straße versperrten und den Verkehr aufhielten, störte niemanden.

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Schließlich sprang die Zimmerin – sie ist auch gelernte Sattlerin und will in diesem Beruf künftig arbeiten – auf der anderen Seite vom Ortsschild und wurde aufgefangen. Dann ging das Drücken und Herzen los. Mutter Lucia Betzler war anzumerken, wie glücklich sie war, ihre Tochter wieder in die Arme schließen zu können. In den drei Jahren hatten sie sich zweimal gesehen. Aber außerhalb von Wehr, denn seinen Heimatort darf ein Geselle auf der Walz nicht betreten.

Ansonsten bekamen die Eltern und Brüder Briefe und Postkarten – Handys sind Gesellen verboten. Drei Monate Togo war das weiteste Ziel, das Patricia Betzler während ihrer Wanderschaft bereist hat. Ansonsten war sie auf Kreta, in Slowenien, Kroatien, Serbien, Bulgarien, Griechenland, Italien und in anderen europäischen Ländern, um dort zu arbeiten und Land und Leute kennen zu lernen.

Es habe Momente gegeben, in denen sie sich gefragt habe, warum sie sich das antut. Aber die positiven Momente hätten eindeutig überwogen. "Ich habe so viele tolle Menschen getroffen." Und immer, wenn sie mal richtig am Ende war, habe sich doch wieder eine Tür aufgetan. Vieles, was anderen selbstverständlich ist, musste sie drei Jahre lang entbehren. Ein eigenes Bett oder duschen können zum Beispiel – Wanderjahre sind keine Herrenjahre, heißt es. Die Kleidung wird schon mal ein halbes Jahr ohne Waschen getragen. Die frische Wäsche und das eigene Bett in der ersten Nacht daheim seien ein Traum gewesen, erzählt Betzler nach nur wenigen Stunden Schlaf. Die Willkommensfeier dauerte lang. Auf die Kässpätzle von ihrer Mutter freut sie sich. Betzler ist dankbar für die Kraft, die ihr ihre Familie – dazu gehören auch Vater Konrad und ihre Brüder Alexander und Manuel – gegeben hat. In zwei Wochen beteiligt sich die Heimkehrerin als Sattlerin am Enkendorfmarkt. Anfang kommenden Jahres will sie dann in Mainburg bei München ihren Meister als Sattlerin machen.

Autor: Jörn Kerckhoff