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20. September 2016

Das Internet darf beobachten - keinem sonst würde man das erlauben

Mit seinem Kunstprojekt rückt Florian Mehnert an den kommenden fünf Wochenenden Probleme des digitalen Zeitalters in den Fokus.

  1. Diskussion mit (von links) dem Programmierer Benjamin Kees, Professorin Christa Karpenstein-Eßbach, dem Medienwissenschaftler Andreas Leo Findeisen und dem Künstler Florian Mehnert Foto: ADRIAN STEINECK

WEIL AM RHEIN (ads). Seit diesem Wochenende hat sich das Altweiler Stapflehus zum Büro der Freiheit 2.0 gewandelt. Im Rahmen des gleichnamigen Projekts des Waldkircher Künstlers Florian Mehnert (die BZ berichtete am Freitag) werden dort an den kommenden fünf Wochenenden Kolloquien zu Themen wie dem Datenschutz im Internet oder der Freiheit in der digitalen Gesellschaft der Zukunft abgehalten. Bereits das erste Wochenende bot einige Denkanstöße, die aber auf einen relativ geringen Besucherzuspruch stießen.

Im digitalen Raum sehen sich Internetnutzer mitunter mit Umständen konfrontiert, die sie im analogen Leben wohl kaum unwidersprochen hinnehmen würden. Oder, wie Florian Mehnert es beispielhaft darstellt: "Beim Einkauf läuft ja niemand mit einem Notizblock neben einem her und notiert, wie lange man vor welchem Regal stehen geblieben ist und ob man in das Schaufenster geblickt hat." Eben dies werde aber bei vielen Verkaufsplattformen im Internet so gehandhabt, wird dort doch gemessen, wie lange der Nutzer auf welcher Website verblieben ist. Diese Daten werden dann gespeichert und dienen dazu, beim nächsten Besuch der entsprechenden Internetseite bereits im Voraus auf der Basis vorheriger Entscheidungen des Nutzers Artikel anzubieten, die diesen vielleicht interessieren könnten. Dies, so ist sich Florian Mehnert sicher, könne in der Konsequenz zu einer "Abschaltung des Zufalls" führen.

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Das Beispiel mag für viele regelmäßige Internetnutzer wenig Aufregerpotenzial besitzen, aber es zeigt doch, wie beiläufig im Internet Daten gesammelt und als Ressource genutzt werden. Christa Karpenstein-Eßbach, Literaturwissenschaftlerin und Professorin an der Univerität Mannheim, ging in ihrem Eröffnungsvortrag denn auch auf das Körperliche ein, das die Datenerfassung brauche, denn: "Ohne Bewegung und ein bestimmtes Verhalten erzeuge ich keine Daten." Mit seinem Kunstprojekt, dessen vier Bestandteile – die Self-Tracking App, der öffentliche Raum, die bunten Linien als Leitsystem auf der Straße und das Büro der Freiheit 2.0 – sie Revue passieren ließ, wolle Florian Mehnert die Menschen zum Nachdenken anregen. So sorgen etwa die neuen Namen der 20 mitwirkenden Geschäfte wie etwa der Apotheke der Freiheit für einen "irritierenden Bruch der Vertrautheit", wie Christa Karpenstein-Eßbach es nannte.

Zu diesem Zeitpunkt, am frühen Samstagnachmittag, sind es zwölf Besucher, die zuhören und im Anschluss auch so lebhaft diskutieren, dass Florian Mehnert aus Zeitgründen die Debatte vertagen muss. Altersmäßig gut durchmischt, macht die Diskussion zugleich eines der Hauptanliegen Mehnerts deutlich. Denn der Künstler möchte bewusst Hemmschwellen abbauen. "Ja, die Vorträge sind anspruchsvoll, und vielleicht fragen sich manche, was sie bei einem Kolloquium sollen." Der fachliche Gedankenaustausch aber sei für jeden gedacht, denn niemand habe einen Wissensvorsprung. "Wir wissen ja alle nicht weiter." Zugleich plädiere er keineswegs dafür, das Internet aus dem Leben zu verbannen, sondern es vielmehr als Mittel zu nutzen, um damit konstruktiv und demokratisch zu agieren.

Als am frühen Abend gegen 18 Uhr die Paneldiskussion beginnt, sind noch einige Besucher dazu gekommen. Auch zuhause vor ihren Computern schauen viele zu, denn Florian Mehnert und das ihn unterstützenden Team des Kunstvereins hat erst am Vortag entschieden, dass alle Vorträge live im Internet übertragen werden. Zudem können die Kolloquien, die an den Wochenenden jeweils an zwei Tagen hintereinander abgehalten werden, in der Online-Datenbank des Projekts dauerhaft angeschaut werden.

Heute, Dienstag, 20. September, ist das Büro der Freiheit ab 15 Uhr geöffnet. Das Projekt läuft bis zum 16. Oktober, alle Vorträge finden im Stapflehus, Bläsiring 10, statt.

Weitere Informationen im Internet: http://www.freiheit.florianmehnert.de

Autor: ads