Familienbetrieb in vierter Generation

Regine Ounas-Kräusel

Von Regine Ounas-Kräusel

Sa, 29. April 2017

Weil am Rhein

FRIEDLINGER LEBEN: Heinz Brossard war 30 Jahre Friseur am Zoll.

WEIL AM RHEIN. "Friedlingen – früher und heute" heißt die Ausstellung, die der Stadtteilverein derzeit vorbereitet. Der Aufruf zur Mitarbeit stieß auf unerwartet große Resonanz – vor allem viele Friedlinger fühlten sich von dem Thema angesprochen und helfen mit, ihren Stadtteil mit faszinierenden Erinnerungsstücken in Szene zu setzen. Die BZ stellt in einer Serie einige der Akteure vor.

Heinz Brossard, 83, ist ein Friedlinger Urgewächs. Im Haus in der Zollstraße 18, direkt neben der Grenze wuchs er auf. Dort führte er auch 30 Jahre den familieneigenen Friseursalon, bis seine Tochter Claudia Altstädt das Geschäft im Jahr 2000 in vierter Generation übernahm. Heinz Brossard war früher vielfach aktiv, im katholischen Kirchengemeinderat in Friedlingen, bei der Feuerwehr, in der Narrenzunft, zwei Jahre auch als Gemeinderat. Da ihn das Geschehen in Friedlingen bis heute interessiert, hat er eine umfangreiche Sammlung an Fotos zusammengetragen. Den Bau der Tram hat er selbst fotografisch begleitet. "Ich fahre gern mit der Tram", erzählt er. Doch er hat Mühe mit dem vielen Verkehr, dem großen Rheincenter mit den Kunden aus Schweiz und Frankreich, von denen er keinen mehr kennt. Auf der Zollstraße, verengt durch die Tramschienen, kämen Rettungsfahrzeuge kaum durch, kritisiert der frühere Feuerwehrmann. "Früher war alles kleiner und überschaubarer. Jeder kannte jeden", beschreibt Heinz Brossard das Lebensgefühl im alten Friedlingen. Er zeigt ein Foto von einer kleinen Bäckerei mit Lebensmittelladen, die es längst nicht mehr gibt.

Schon nach dem zweiten Weltkrieg habe sich das Zusammenleben geändert, als viele Flüchtlinge aus dem Osten nach Weil und auch nach Friedlingen strömten, erzählt er. Später kamen arbeitslose Kumpels aus dem Ruhrpott, als dort die Zechen schlossen. Bis die Seidenweberei Schwarzenbach im Jahr 1982 ihre Türen schloss, bot in Friedlingen die Textilindustrie Arbeit. Heinz Brossard zeigt ein Foto der alten "Schetty", die früher dort stand, wo sich heute das Rheincenter befindet. Heinz Brossards Frau Karin erzählt von einem leisen Unbehagen, wenn sie am frühen Abend durch die Hauptstraße geht und das Gefühl hat, die einzige Deutsche zu sein. Doch die Beiden wissen, Friedlingen ist ein Stadtteil im Wandel: "Die Zeiten ändern sich."

Heinz Brossard hat viele seiner Fotos dem Stadtteilverein für die Ausstellung "Friedlingen – früher und heute" zur Verfügung gestellt. Ihm gefällt die Idee des Vereins, die Menschen mit dieser Ausstellung ins Gespräch zu bringen. Er selbst könnte noch viel erzählen: Von seiner Kindheit, die trotz Kriegszeiten glücklich war, wie er sagt: vom Schwimmen im Rhein, vom Fußballspielen auf den freien Plätzen, die es damals noch gab, von der ersten verbotenen Zigarette im Rheinpark.

Viel könnte er auch erzählen von der Grenze und vom Rhein. Zu seiner Fotosammlung gehören zum Beispiel Bilder der alten Pontonbrücke, die bis 1944 nach Hüningen führte, wo sich heute die Passerelle befindet.