Keine Körperverletzung, sondern Notwehr

Thomas Loisl Mink

Von Thomas Loisl Mink

Mi, 21. November 2018

Weil am Rhein

Gericht spricht Mann frei, der aggressiven Kontrahenten schlug / Verletzung Folge von Sturz.

WEIL AM RHEIN (tm). Wegen gefährlicher Körperverletzung stand ein 40-jähriger Mann in Lörrach vor Gericht. Er hatte auf dem Weiler Rathausplatz einen anderen Mann niedergeschlagen, der sich beim Sturz eine schwere Kopfverletzung zuzog. Das Gericht sprach den Angeklagten jedoch frei, weil er in Notwehr zugeschlagen hatte.

Der Angeklagte, der einen Job als Angestellter hat, hielt sich im Sommer vergangenen Jahres hin und wieder auf dem Rathausplatz auf. Genauso wie eine Gruppe von Personen, die stark dem Alkohol zusprach. Mit einem heute 52-Jährigen aus dieser Gruppe geriet der Angeklagte immer wieder aneinander.

Am frühen Nachmittag des 16. Juni 2017 kam es erneut zu einer Auseinandersetzung der beiden Männer. Der 52-Jährige kam auf den Angeklagten zu. Missverständnisse und bereits bestehende Animositäten führten zur Konfrontation, woraufhin der Angeklagte den anderen Mann wegschubste. Dieser fiel um, ohne dass viel passierte. "Er ging dann wieder auf mich los", berichtete der Angeklagte. Nachdem ein 49-Jähriger aus der Gruppe, die sich häufig auf dem Rathausplatz aufhielt, dazwischen gegangen war, gingen beide in entgegengesetzte Richtungen auseinander. Doch der 52-Jährige setzte seine Brille und seine Kappe ab, dann ging er wieder hinter dem 40-Jährigen her. "Er kam von hinten auf mich zu, und als ich mich umgedreht habe, stand er mit erhobenen Fäusten in einem Meter Abstand vor mir", erzählte der Angeklagte. Der 49-Jährige, der zuvor schlichtend eingegriffen hatte, sagte über den Geschädigten: "Er ist dann wieder zurückgegangen, dann hat es geklatscht un er isch saudumm g’keit." Der Angeklagte hörte den "dumpfen Knall", als der 52-Jährige mit dem Kopf auf dem Steinboden aufschlug. Er dachte schon, der andere sei tot und lief panisch davon.

Der 52-Jährige erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, das tatsächlich lebensbedrohlich war. Er war mehr als drei Monate im Krankenhaus und in Reha und konnte zunächst nicht mehr richtig reden und sich nur eingeschränkt bewegen. Laut ärztlichem Attest hat er sich jedoch fast vollständig erholt. Gleichwohl, sagte der 52-Jährige aus, sei er seit dem Vorfall Frührentner. An den Vorfall selbst hat er kaum Erinnerungen: "Ich war stockbesoffen." Nach dem Aufprall mit dem Kopf auf dem Boden war er bewusstlos.

Eine 28-jährige Zeugin, die sich danach um Hilfe bemühte, bestätigte, dass die beiden auseinandergingen und dann der spätere Geschädigte dem Angeklagten wieder hinterherging.

Der 49-Jährige, der erst geschlichtet hatte, konnte nicht bestätigen, dass der 52-Jährige auf den Angeklagten losging, aggressiv sei er aber schon gewesen. Er macht sich wegen der schweren Verletzungen des 52-Jährigen selbst Vorwürfe: "Er ist mir direkt vor die Füße gefallen. Hätte ich die Hände nicht auf dem Rücken gehabt, hätte ich ihn auffangen können." Der Angeklagte, der früher schon Körperverletzungen begangen hatte und wegen schwerer Brandstiftung und versuchten Mordes zu acht Jahren Gefängnis verurteilt worden war, sagte: "Ich habe gelernt und bin zweimal raus aus der Situation, was ich früher nicht gemacht habe, aber als er das dritte Mal auf mich zukam, habe ich halt reagiert und zugeschlagen."

Staatsanwalt Bernhard Bitzenhofer sagte, der 52-Jährige habe möglicherweise eine Situation provoziert, die er so nicht wollte. Der Angeklagte hätte einem stark Betrunkenen gegenüber aber nicht so reagieren dürfen, weshalb Notwehr nicht in Frage komme. Er sah allerdings einen minder schweren Fall der gefährlichen Körperverletzung und forderte eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen à 25 Euro. Verteidigerin Angela Furmaniak sah das anders. Wie stark der andere betrunken war, habe der Angeklagte nicht erkennen können und er habe auch keine Zeit gehabt, um sich seine Reaktion zu überlegen. Das sei ein Fall von Notwehr, weshalb der Angeklagte freizusprechen sei. Dieser Einschätzung folgte das Gericht. Insbesondere darin, dass der 52-Jährige Brille und Kappe ablegte und wieder auf den Angeklagten zuging, erkannte Strafrichter Axel Frick die Absicht, den Angeklagten schlagen zu wollen. Dagegen darf man sich wehren, und dass der 52-Jährige sich so schwer verletzte, sei wohl mehr ein Unfall gewesen.