Mit Elsässer-Schlupf auf dem Kopf

Magdalena Kaufmann-Spachtholz

Von Magdalena Kaufmann-Spachtholz

Sa, 17. Juni 2017

Weil am Rhein

AUS DER PARTNERSTADT: "Die aufständigen Elsässerinnen" kämpfen gegen die Ausradierung der Jahrhunderte alten Sprache.

WEIL AM RHEIN/HÜNINGEN. Kurz vor der zweiten Runde der Wahlen zur Nationalversammlung in Frankreich, stellt sich auch in Hüningen die Frage, wie stehen die beiden Kandidaten im Kanton Altkirch – Saint-Louis – Hüningen zu der Region Grand Est.

Liebe Freunde in Weil,
Jean-Luc Reitzer und Patrick Striby sind beide überzeugte Elsässer und mit der jetzigen Region Grand Est überhaupt nicht glücklich, nachdem diese gegen den Willen der Elsässer im Parlament forciert durchgesetzt wurde. Gegen diese schleichende Auflösung der Elsässer Identität werden beide Kandidaten aber wohl nicht sehr viel unternehmen können.

Dass die Elsässer, und hier vor allem die Elsässerinnen diese Gleichmachung der Kultur des "Großen Ostens" Frankreichs nicht hinnehmen möchten, wurde aber letzten Sonntag in Muespach, einem kleinen Sundgauer Dorf wieder deutlich. Im Dezember 2014 hatte sich dort vor der Entscheidung im französischen Parlament eine Protestbewegung gegen die Zentralisierung gegründet: "Die aufständigen Elsässerinnen", die diese Ausradierung einer Jahrhunderte alten Sprache und Kultur so nicht hinnehmen wollten. Bei Schneetreiben und kniehohen Verwehungen zogen 2014 knapp tausend Elsässerinnen in traditionellen und improvisierten Trachten mit dem traditionellen Elsässer-Schlupf durch die Straßen von Muespach, um ihren Widerstand gegen die Gleichmachung mit Zentralfrankreich zu protestieren. Gegen die elsässische Opposition wurde damals die Großregion Ost ausgerufen, die von den Toren Paris bis zum Rhein reicht – eine Region, die dreimal so groß wie Belgien ist. Die Elsässer mit ihrem deutschsprachigen Dialekt, der nach und nach ausstirbt, und den Gesetzen aus dem Konkordat finden sich darin nicht wieder.

Am letzten Sonntag, kurz vor der Auszählung der Ergebnisse zur Wahl, konnte ich mit Christelle Baldeck, der Begründerin dieser Bewegung der widerspenstigen Elsässerinnen reden. Sie ist immer mit dem Schlupf unterwegs, weil sie gemerkt hat, dass dies ein eindeutiges Symbol für die Bewegung sein kann. Sie stellt ihr Buch "Elsass frei!" vor, das bezeichnenderweise von einem Dritten ins Elsässische übersetzt werden musste. "Ich habe irgendwann gemerkt, dass uns unsere Identität verloren geht und bei uns zuhause nicht mehr Elsässisch gesprochen werden durfte. Wer aber seine Sprache verliert, verliert seine Kultur und seine Identität". Sie muss nun wie viele junge Elsässer ihre "Muttersprache" wieder als Fremdsprache erlernen. Mancher mag die Trachten der Elsässer bei dem Muespacher Fest als reaktionär betrachten. Als ich aber am Himmelfahrtswochenende an der bayrischen Grenze zu Österreich auf die "Maiwiesn" eingeladen wurde, konnte ich mir die Augen nur reiben, weil alle jungen Mädels und Buabn" dort in feschen Dirndl und Lederhosen ihren Abend genossen. "Back to the roots" würde der Amerikaner sagen.
Ihre