"Uns will keiner haben"

Hannes Lauber

Von Hannes Lauber

Sa, 21. Februar 2015

Weil am Rhein

Eine achtköpfige bosnische Familie wartet in einer Wohnung in Friedlingen auf den Ausgang ihres Asylverfahrens.

Nasser K. (45) ist ein stattlicher Mann. Sein Händedruck ist kräftig, sein Blick weicht dem Gegenüber nicht aus. Er redet mit lauter Stimme, als er seinem Besucher erklärt, dass ihm daran gelegen ist, über die wichtigen und wahren Dinge zu sprechen, nicht über Nebensächlichkeiten. Auf dem Schoß hat er seinen zweijährigen Sohn, seinen Jüngsten. Zwischen den drei Betten, dem Schrank, dem Tisch und den beiden Stühlen, die in dem kleinen Zimmer Platz finden müssen, springt die fünfjährige Tochter umher. Vier weitere Kinder im Alter von elf bis 19 Jahren und Nassers Frau (40) sind nicht in der Wohnung, in der die Familie zwei weitere Zimmer zur Verfügung hat.

SEIT 21 JAHREN UNTERWEGS
Familie K. lebt seit wenigen Wochen in einer Unterkunft in der Friedlinger Blauenstraße. Davor hat sie fast zehn Monate in der Rheinfelder Asylbewerberunterkunft gewohnt. Doch die Fluchtgeschichte der Familie beginnt viele Jahre früher, eigentlich schon mit dem Zusammenbruch der Sozialistischen Republik Jugoslawien zu Beginn der 1990er-Jahre. Nasser K. kommt 1989 nach Frankfurt, wo seine Eltern leben. Dort lernt er 1994 seine spätere Frau kennen, die sich seit drei Jahren in Deutschland aufhält.

Um seine Situation zu verdeutlichen, erzählt Nasser von seinen Plänen für einen Dönerladen, den er in seiner Heimatstadt Bihac aufmachen wollte. Der Antrag sei ohne Begründung abgelehnt worden. Gebe man Schmiergeld, dann funktioniere es auf einmal mit der Genehmigung. Doch nur auf Zeit. Nach drei Monaten ist eine neue Genehmigung erforderlich. Dann gehe das Spiel von vorne los.

"Wir haben zwischenzeitlich immer wieder versucht, in Bosnien zu leben", sagt Nasser K.. Doch das sei einfach nicht möglich. "Die Regierung verfolgt uns, weil ich anders denke", sagt er. "Wir sind Moslems, deshalb werden wir verfolgt." Schon dreimal sei er mit seiner Familie wieder zurückgegangen. Doch ein friedliches Leben sei für ihn, seine Frau und seine Kinder nicht möglich. "Die hassen uns, weil wir Moslems sind. Aber wir sind keine Terroristen. Sie sind die Terroristen."

WIR HABEN KEINE RECHTE
Sie, das sind die Mitglieder des nach Ansicht von Nasser K. serbisch gesteuerten Staatsapparates. Die bosnische Regierung hält Nasser für eine Marionette der europäischen Union und der USA. Selbst die deutsche Regierung leiste dagegen keinen Widerstand. Mafiöse Strukturen hielten das Land fest in ihrem Griff. Wer nicht mitspiele, habe keine Chance. "Wir haben keine Rechte", beklagt sich der Familienvater, "wir sind sozial und religiös isoliert." Angeblich aus Angst vor Repressalien oder Nachstellungen will er sich und seine Familie nicht fotografieren lasse und auch seinen Familiennamen nicht in der Zeitung lesen.

Die heimliche Macht im Land liege bei der Geheimpolizei SIPA (State Investigation and Protection Agency). Während SIPA von ausländischen Beobachtern vielfach als Garant der inneren Sicherheit von Bosnien-Herzegowina gesehen wird, hält sie Nasser K. für ein Werkzeug der USA und für eine Mafiaorganisation, die in Drogen- und Menschenhandel verwickelt sei. Die Lage in Bosnien-Herzegowina ist nicht leicht zu erfassen. Das politische System der Föderation wird vom Internetlexikon Wikipedia als "kompliziertestes Regierungssystem der Welt" bezeichnet. Zur Wahl 2014 traten 51 Parteien, 14 Bündnisse und 15 unabhängige Kandidaten an. Die Menschenrechtssituation im Land gilt als zumindest problematisch. Gleichwohl gilt Bosnien-Herzegowina seit September vergangenen Jahres als "sicheres Herkunftsland". Menschen drohe dort weder politische Verfolgung noch Folter oder eine unmenschliche Behandlung.

Dieser Ansicht waren vor knapp einem Jahr offenbar auch schon die belgischen Behörden, als Nasser K. mit seiner Familie dort lebte. Nachdem sein Asylantrag abgelehnt worden war, nahm ihn Belgien in Abschiebehaft und schickte ihn wenige Tage später zurück nach Sarajevo. Während der abgeschobene Familienvater dort sechs Monate abwartete, kamen seine Frau und die Kinder einer Abschiebung zuvor, indem sie sich nach Deutschland absetzten. Über Dortmund, Bielefeld und Karlsruhe gelangten die sieben Personen ins Heim nach Rheinfelden. Als ein halbes Jahr vergangen war, machte sich auch das Familienoberhaupt per Autostopp wieder auf den Weg nach Deutschland, stellte einen neuen Asylantrag und traf schließlich in Rheinfelden wieder mit seiner Familie zusammen. Inzwischen ist aber der Asylantrag erneut abgelehnt worden.

DIE ABSCHIEBUNG DROHT
Nun droht erneut Abschiebung. Um diese abzuwenden, hat Nasser K. gegen die Ablehnung des Antrags Widerspruch eingelegt und zugleich die Härtefallkommission Baden-Württemberg angerufen, wobei ihn der Freundeskreis Asyl in Rheinfelden unterstützt hat. Nun wartet die Familie in ihrer neuen Bleibe in Friedlingen auf die Entscheidung. Die Wohnung dort hat ihnen die Stadt Weil am Rhein zugewiesen, über deren Ausländerbehörde Nasser K. voller Lob ist: "Sehr professionell" und "sehr menschlich" sei man mit ihm und seiner Frau umgegangen.

Die Zuversicht schwindet aber dennoch. Wenn Nasser K. auf die Ungerechtigkeiten zu sprechen kommt, die ihm als Moslem in seiner Heimat widerfahren sind und denen seine Glaubensbrüder und -schwestern weltweit ausgesetzt sind, dann zürnt er lautstark darüber, wie mit zweierlei Maß gemessen und den vielen Moslems Unrecht getan werde, indem man sie mit den Taten von Terroristen in Verbindung bringe, die kein Recht hätten, sich auf Gott zu berufen.

Doch wenn er seine eigene Zukunft reflektiert, wird Nasser K. auffallend ruhig und nachdenklich. "Wir sind müde und haben keine Kraft mehr zu flüchten und wegzugehen", sagt der Mann, der seit 21 Jahren auf der Suche nach einer neuen Heimat ist. Schon in der ganzen Welt habe er Einwanderungsanträge gestellt, doch "uns will keiner haben." Einmal habe er sogar erwogen, sich in die bosnischen Wälder zurückzuziehen und dort weltabgeschieden zu leben. Doch auch das habe sich nicht verwirklichen lassen. Nun hoffe er nur noch, dass das Gute am Ende siege "und unsere Kinder es einmal besser haben werden".