Was alles verschwunden ist

Regine Ounas-Kräusel

Von Regine Ounas-Kräusel

Mi, 03. Mai 2017

Weil am Rhein

FRIEDLINGER LEBEN:Rolf Weiß wurde im Stadtteil geboren und hat seine Veränderungen miterlebt.

WEIL AM RHEIN "Friedlingen – früher und heute" heißt die Ausstellung, die der Stadtteilverein vorbereitet. Der Aufruf zur Mitarbeit stieß auf große Resonanz – viele Friedlinger fühlten sich von dem Thema angesprochen und helfen mit, ihren Stadtteil mit faszinierenden Erinnerungsstücken in Szene zu setzen. Die BZ stellt in einer kleinen Serie einige Akteure vor.

Rolf Weiß ist in Friedlingen aufgewachsen, aber nicht nur das: "Ich bin in Friedlingen geboren", erzählt er und zeigt auf einem alten Foto das Nachbarhaus, in dem er im Jahr 1942 zur Welt kam.Vor seinem eigenen Haus in der Kleinhüninger Straße wächst an einer Pergola ein Rosenstock und eine gepflegte Buchshecke.

Rolf Weiß, gelernter Blechner und Sanitärhandwerker, ist seit 52 Jahren mit seiner Frau Margarete verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. Zur Ausstellung steuert er alte Fotografien aus seinem Leben bei – von seiner Konfirmation, von seiner Klasse in der Rheinschule und vom Klassentreffen am Schulportal 50 Jahre später. "Das ist die Gabi Waag", sagt er. Ihr Vater sei der erste Kranführer im Rheinhafen nach dem Krieg gewesen. Rolf Weiß erinnert sich, dass der Vater von Ottmar Hitzfeld in der Zollstraße neben der alten Schetty-Villa eine Zahnarztpraxis hatte. Mit dem Ottmar habe er als Junge mal Fußball gespielt. Er kennt auch alte Geschäfte, die es heute nicht mehr gibt. Der FAS-Laden am Platz der heutigen Sparkasse sei der erste Selbstbedienungsladen für Lebensmittel in Deutschland gewesen, sagt er. Später kam ein Stoffgeschäft hinzu – FAS steht für Färberei-Appretur-Schusterinsel.

Als junger Handwerker bei der Firma Grether führte Rolf Weiß in all den Friedlinger und Weiler Fabriken, die es heute in der Form nicht mehr gibt, Reparaturen durch – Schusterinsel, Lonza, Bochmann, Schraubenfabrik. Im Jahr 1962 wechselte er dann – genauso wie es heute viele Arbeitnehmer tun – wegen des besseren Verdienstes in die Schweiz.

Das Lebensgefühl in Friedlingen hat sich nach Rolf Weiß Empfinden stark verändert. "Fabrikneschd" habe Friedlingen geheißen, solange es die Industriefirmen noch gab – der Name einer Fastnachtsclique erinnert noch daran. Es herrschte das Bewusstsein vor, dass in Friedlingen die Arbeitersiedlung ist im Gegensatz zur Bahnsiedlung auf der Leopoldshöhe und zum bäuerlich geprägten Altweil. Auch die Flüchtlinge aus dem Osten und später die ersten Italiener hätten sich in Friedlingen angesiedelt, weil es dort Arbeit gab, blickt Rolf Weiß zurück. Dass es heute kaum noch ein Geschäft in deutscher Hand gebe, damit habe er sich arrangiert, sagt er. Aber der starke Verkehr und die vielen parkenden Autos, die samstags in seinem Wohnviertel parkten, die störten ihn, sagt er. Heute lebten einfach viel mehr Menschen in Friedlingen, Konsum und Einkaufstourismus hätten zugenommen: "Ob das gut oder schlecht ist, das ist eine schwierige Frage."

Ausstellung "Friedlingen – früher und heute", Samstag, 6. Mai, 14 bis 19 Uhr Rheinschule, Textilmuseum, VHS-Raum 4 und Kulturcafé am Kesselhausareal. 14 Uhr Eröffnung Rheinschule, ab 15 Uhr Filmprogramm im VHS-Raum, 16 Uhr Stadtführung, Start Rheinschule. Friedlinger im Gespräch, Ateliers sind geöffnet.