Zwei Persönlichkeiten auf zwei Seiten der NS-Zeit

Regine Ounas-Kräusel

Von Regine Ounas-Kräusel

Mo, 13. Februar 2017

Weil am Rhein

Hubert Bernnat beleuchtete die Weltanschauung von Hermann Burte, Ulrich Tromm stellte den Regimegegner Friedrich Kuhn vor.

WEIL AM RHEIN (ouk). Um zwei ganz unterschiedliche Persönlichkeiten, die mit der Zeit des Nationalsozialismus in Verbindung gebracht werden, ging es am Freitag beim Verein für Heimatgeschichte und Volkskunde. Der Lörracher Historiker Hubert Bernnat beleuchtete Heimatbegriff und Weltanschauung des Markgräfler Malers und Dichters Hermann Burte. Der Lörracher Historiker Ulrich Tromm stellte den Lehrer und Regimegegner Friedrich Kuhn vor.

Der Vereinsvorsitzende Uwe Kühl bezog sich bei seiner Begrüßung auf die jüngste Rede des AfD-Politikers Björn Höcke in Dresden, die "Entsetzen" hervorgerufen habe. Uwe Kühl betonte, dass der Geschichtsverein auch in Zukunft zur historischen Aufklärung beitragen wolle. Höcke hatte in seiner Rede die Gedenkkultur in Deutschland angegriffen und das Holocaustdenkmal in Berlin als "Denkmal der Schande" bezeichnet.

Zu Beginn seines Vortrags fragte Hubert Bernnat, was Heimat sei. Es gebe eine problematische Sichtweise, nach der Heimat als etwas verklärt werde, das gegen den modernen Zeitgeist, etwa gegen die Einflüsse der Französischer Revolution, der Medien und der Industrie, verteidigt werden müsse. Einen solchen Heimatbegriff entdeckte er in Hermann Burtes Gedichten, wo dieser das angeblich freie Leben der Bauern der "Zwingfrau Industrie" gegenüberstelle.

Bernnat entdeckte diesen Heimatbegriff aber auch in vielen Dorfchroniken. Häufig werde dort die Geschichte bis ins 18. Jahrhundert ausführlich dargestellt. Die Umwälzungen im Industriezeitalter und erst recht die Zeit des Nationalsozialismus würden aber so gut wie nicht behandelt. In den Mittelpunkt seines Vortrages stellte der Historiker jedoch Hermann Burtes Roman "Wiltfeber" aus dem Jahr 1912. Er wies nach, dass der von vielen Menschen verehrte Dichter schon in diesem Roman ein Gedankengut pflegte, das später auch die Nationalsozialisten verbreiteten.

Der Romanheld kommt nach Jahren in sein alemannisches Heimatdorf zurück auf der Suche nach der wahren Heimat. Hubert Bernnat zitierte Textstellen, in denen Wiltfeber von Blut und Heimatliebe spricht, "Rasse, Glaube und Macht" hochhält – Begriffe, die auch bei den Nationalsozialisten wichtig waren. Genauso wie sie, pflege auch Burte eine gewalttätige Sprache. So sprach der Romanheld vom Krieg im Jahr 1870/71 als "Stahlgewitter", aus dem das Kaiserreich hervorgegangen sei. In einem Gedicht von 1931 schwor Hermann Burte einem "Führer" Treue, der ausspricht, was alle denken, und der sein Volk "ins Licht" führt.

Ulrich Tromm stellte den Lehrer und Archäologen Friedrich Kuhn vor. Er berichtete, wie Kuhn als Gegner der Nazidiktatur und als Fluchthelfer sein Leben riskierte. Gleichzeitig stellte er dar, wie Kuhn die Diktatur überlebte, weil wohlgesonnene Menschen sich für ihn einsetzten. Als die NSDAP Nollingen seine Strafversetzung betrieb, bewirkte sein Vorgesetzter, der Leiter des Freiburger Museums für Urgeschichte Georg Kraft, dass er in der Nähe der Ausgrabungsstätten in Südbaden bleiben konnte. Kuhn kam als Lehrer zunächst an die Friedolinschule – damals Adolf-Hitler-Schule – in Lörrach-Stetten, 1942 dann an die Grundschule in Weil. In beiden Schulen wurde er zur Vertrauensperson für die Lehrer aus dem Elsass, die nach Frankreichs Niederlage 1940 an deutschen Schulen Dienst tun mussten. So informierte Kuhn den Elsässer Erwin Striffling über Fluchtwege in die Schweiz, nachdem Striffling einen Gestellungsbefehl für die Wehrmacht erhalten hatte. Auch von einem Arztehepaar aus Köln, dem Kuhn den Fluchtweg über die Eiserne Hand wies, berichtete Tromm. Die Frau war Jüdin.

Im Herbst 1943 wurde Kuhn denunziert, weil er im Haus des Pfarrers Wilkens in Kirchen Radio Beromünster gehört hatte. Im Juni 1944 kam er deswegen in Gestapohaft. Oberstaatsanwalt Eugen Weiss aus Freiburg habe ihn dann angeklagt und ihm damit möglicherweise das Leben gerettet, führte Ulrich Tromm aus. In Gestapohaft sei er völliger der Willkür ausgeliefert gewesen und hätte schlimmstenfalls ins KZ überstellt werden können, so Tromm. Vor Gericht galten dagegen gewisse Rechtsstaatsprinzipien. Diese nutzte Oberstaatsanwalt Weiß zugunsten des Angeklagten. Weiß bestand darauf, dass die Denunziantin vor Gericht als Zeugin aussagen müsse. Als das nicht möglich war, entließ er Friedrich Kuhn am 26. Dezember 1944.