Wenn sich magische Türen öffnen

Klaus Riexinger

Von Klaus Riexinger

So, 22. Juli 2018

Wirtschaft (regional)

Der Sonntag Mit Zukauf von Wein und engagiertem Marketing rettet der Badische Winzerkeller das verhagelte Jahr 2017.

Der Frost im Frühjahr 2017 hat dem Winzerkeller Breisach eine um 30 Prozent kleinere Ernte eingebracht als 2016. Damit liegt der Schaden fast zehn Prozent über dem Durchschnitt in Baden. Durch Zukäufe von Weißburgunder, Grauburgunder und Müller-Thurgau anderer Winzergenossenschaften und Weingüter konnte der Winzerkeller seine Bestände aber auffüllen, um die Kunden weiter beliefern zu können. Das Ziel, das Traubengeld an die Mitgliedswinzer weiter zu erhöhen, war unter diesen Bedingungen in diesem Jahr nicht möglich, sagte Vorstandsvorsitzender Peter Schuster in dieser Woche bei der Vorstellung des Geschäftsberichts. Zahlen dazu wollte er nicht nennen. Zu groß seien die Unterschiede. Manche Winzer hätten 13 000 Euro pro Hektar erhalten, andere, vom Frost schwer Geschädigte, mussten sich mit einem Traubengeld von 5 000 Euro pro Hektar begnügen. 2016 lag das Traubengeld bei 9 330 Euro.

An zusätzliche Mengen in einem mageren Weinjahrgang zu kommen, sei nicht einfach, sagte Schuster. Doch irgendwann hätten sich "magische Türen geöffnet und wir konnten Wein zukaufen". Wer selbst in einem kleinen Jahrgang bereit ist, Wein zu verkaufen, wollte Schuster nicht sagen. Das sei in Baden nicht üblich. Möglicherweise fürchten die Erzeuger einen Imageschaden, weil sie ihren Wein nicht selbst verkaufen. Schuster regte in diesem Zusammenhang eine Clearingstelle an, über die überschüssige Weinmengen Mitbewerbern angeboten werden können. Das funktioniere aber nur, wenn alle mitmachten, fügte Schuster hinzu.

2017 kam der Winzerkeller, zu dem 51 voll- und teilabliefernde badische Winzergenossenschaften gehören, auf eine Gesamtmenge von 12,2 Millionen Liter, rund 1,5 Millionen Liter davon wurden zugekauft. 2016 hatte die Menge 17,2 Millionen Liter betragen. Der Erlös pro Liter lag 2017 bei 2,90 Euro und könnte nach Schätzung Schusters am Jahresende bei 2,89 Euro liegen.

Trotz des kleiner werdenden Marktes für alkoholische Getränke hat der Badische Winzerkeller seinen Umsatz um 6,2 Prozent auf 44,8 Millionen Euro gesteigert. Schuster führt diesen Erfolg auf die Anstrengungen in Marketing und Vertrieb zurück. Bewährt hätten sich vor allem die Markenweine wie der Graue Burgunder unter dem Namen Martin Schongauer und die sogenannten Linienweine. Beide Kategorien geben den Verbrauchern ein klares Geschmacksbild vor. Offensichtlich trifft dies den Nerv der Zeit. "Markenähnliche Produkte werden mit Käufertreue belohnt", sagte Marketingleiter Christof Joos. Wer sich am Markt behaupten wolle, müsse auf Qualität setzen und "ein Lebensgefühl" verkaufen. Sonst würden sich die Weine nicht von der Konkurrenz abheben. Martin Schongauer hat 2017 um 16 Prozent zugelegt. "Wenn das so weiter geht, dann hebt das unsere Marge", sagte Schuster.

80 Prozent seiner Weine verkauft der Winzerkeller über den Lebensmittelhandel und Discounter wie Aldi und Lidl. Schuster sagt, dass es in Deutschland etwa 15 Personen gebe, die für den Weineinkauf der Märkte zuständig seien. Zu denen müsse man einen guten Kontakt haben – und ein gutes Image mitbringen. Da habe sich in Breisach viel getan, so Schuster. Das Bild vom "Massenhersteller" sei passé. Vorbei sind auch die Zeiten, in denen sich Mitglieder wegen des niedrigen Traubengeldes verabschiedeten. Stattdessen spricht Schuster von einem "Trend zum Winzerkeller".

Sollte die Ernte 2018 nicht durch Hagel oder Schädlinge noch reduziert werden, steht nach der Beobachtung vieler Winzer ein großer Herbst bevor. In Breisach haben sich bereits ein Dutzend Winzergenossenschaften gemeldet, weil sie davon ausgehen, dass die Erntemenge ihre Kapazitäten übersteigt. Breisach springt in solchen Fällen als Dienstleister ein und baut im Auftrag den Wein aus. "Wenn’s zu viele Anfragen werden, müssen wir eventuell auch mal absagen", kündigte Schuster aber schon mal an.

Der 1952 gegründete Winzerkeller ist die drittgrößte Weinkellerei Deutschlands. Die bewirtschaftete Fläche beträgt 1 708 Hektar. Die Mitarbeiterzahl liegt bei rund 200.Klaus Riexinger