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18. Juli 2009

Wildernde Hunde auf dem Castellberg

Jagdaufseher finden häufig gerissene Rehe / Vor einer Woche hat’s eine Geiß erwischt, deren Kitze jetzt wohl auch sterben müssen

  1. So können Hunde Wild zurichten. Jagdaufseher Paul Schmid hat das an einem jungen Rehbock fotografisch festgehalten. Foto: Sabine Model

MARKGRÄFLERLAND. Wildernde Hunde am Castellberg veranlassen die Gemeinden Ballrechten-Dottingen und Sulzburg, Hundebesitzer auf ihre Aufsichtspflicht hinzuweisen. Denn die Folgen sind dramatisch, wie Jagdpächter Paul Kern gerade wieder erfahren hat. Er musste einer führenden Rehgeiß den Gnadenschuss geben. Ihre beiden Kitze haben nun ebenso wenig eine Überlebenschance.

"Es ist eine Tragödie", klagt Paul Kern. Der Fangschuss, mit dem der Jagdpächter vom Sulzburger Revier Groß-Klosterwald am Sonntagmorgen ein gerissenes Reh erlegen musste, steckt ihm noch in den Knochen. Schon wieder hat ein wildernder Hund zugeschlagen. Das häuft sich. Deshalb appelliert Paul Kern nachdrücklich an die Hundehalter, sich an Regeln und Gesetze in der Natur zu halten. Halter sollten ihre Hunde so führen, dass sie jederzeit Kontrolle über sie haben, am sichersten wohl an der Leine.

Der Hund habe mit einem Riss gleich drei Tiere getötet, sagt Kern. Denn die Jungtiere verenden ohne Schutz und Milch im Wald. Wildschweine, Füchse und Dachse bedienen sich sofort. Da noch eine zweite Geiß ihre Kitze im Revier führt, können die verwaisten nicht zugeordnet und deshalb weder gerettet noch erschossen werden.

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Fünf Meter neben der Castellbergstraße, die Richtung Sulzburg führt, sah Anwohner Herbert Löffler am Sonntag gegen 9 Uhr im Vorbeifahren das Tier im hohen Gras liegen und wunderte sich, dass es nicht flüchtete. Beim genaueren Hinsehen erkannte er Verletzungen, wie er sie auch schon bei seinen gerissenen Schafen beobachtet hat. Löffler suchte den zuständigen Jagdpächter in Laufen auf. Gegen 9.30 Uhr war der vor Ort, sah die Kampfspuren im hohen Gras und die eindeutigen Risswunden am Körper und am Hals, die etwa drei Stunden alt waren. Die Tatsache, dass dieses leidende Muttertier viel Milch hatte, machte ihm die dramatischen Konsequenzen sofort bewusst.

Seit 20 Jahren ist Kern Jäger und seit sechs Jahren Pächter dieses Staatswald-Reviers. Mehrmals im Jahr treffen Paul Kern und seine Kollegen auf solche Situationen. Die Castellberg-Freizeitanlage ist eine beliebte Anlaufstelle. Die ausgedehnten Wiesen, die bis an den Wald heranreichen, sind eine ideale Auslaufstrecke für Hunde. "Der Erholungsdruck im Naturschutzgebiet Castellberg ist enorm", analysiert Kern. Wachsende Zahlen von Spaziergängern, Reitern, Joggern, Nordic Walkern und Mountainbikern bringen tagsüber, manche sogar nachts mit Stirnlampen, zusätzlich Unruhe in Wald und Reben. Das Wild weiß nicht mehr, wo es sich aufhalten soll. Freilaufende Hunde schrecken es auf. Muttertiere schützen ihre Jungen, indem sie ablenken. Der Hund hetzt sie, fasst sie von hinten, springt ihnen an den Hals, reißt und würgt sie zu Tode. "In jedem Hund, auch in dem kleinsten, steckt ein Jagdtrieb", sagt Paul Kern. "Ich verstehe mich als Anwalt der Natur, als Tierschützer, Heger und Pfleger", erklärt er. Deshalb hat er den Polizeiposten Heitersheim sowie die Bürgermeisterämter Sulzburg und Ballrechten-Dottingen informiert. Bürgermeister Peter Wehrle verfasste einen eindringlichen Appell für sein Amtsblatt und in Ballrechten-Dottingen denkt man darüber nach, am Castellberg Leinenpflicht anzuordnen. "Bisher haben wir davon abgesehen, weil uns das Ausmaß und die Brutalität nicht bekannt war", sagt Hauptamtsleiter Christian Riesterer.

Diese unterstreicht auch Paul Schmid, Jagdaufseher auf Gemarkung Ballrechten-Dottingen. Ihm hat vor drei Wochen ein Spaziergänger einen gerissenen Jährlingsbock gemeldet, der eindeutig die Löcher von Fangzähnen eines Hundes aufwies. Es gehe ganz schnell und oft ohne, dass die Hundehalter es mitbekommen, erklärt Schmid. Der Hund wird zum Austoben laufen gelassen. Dabei trifft er auf äsendes Wild, das aus dem Wald getreten ist. Die Hetze beginnt. Nach zehn Minuten ist er wieder bei seinem Herrchen.

Bis zu acht Rehe im Jahr hat der Jagdpächter auf diese Weise verloren. Er ist überzeugt, dass es der Mitarbeit einer verantwortungsvollen Bevölkerung bedarf, um den Verursachern auf die Spur zu kommen. Für gemeldete Beobachtungen, die zum Erfolg führen, sei eine Belohnung ausgesetzt, so Schmid.

Autor: Sabine Model