Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

06. Mai 2011

Interview mit Hermann Pilz

„Die Probleme der Weinwirtschaft sind hausgemacht und lösbar“

BZ-INTERVIEW mit Hermann Pilz, Chefredakteur der Fachzeitschrift "Weinwirtschaft", über Schwierigkeiten und Chancen im badischen Weinbau.

  1. Hermann Pilz, Chefredakteur der Fachzeitschrift Weinwirtschaft Foto: privat

Die badische Weinwirtschaft steckt in einem Strukturwandel. Gerold Zink fragte Hermann Pilz, Chefredakteur der Fachzeitschrift "Weinwirtschaft", wie er zu bewältigen ist.

BZ: Was sind die Ursachen der Misere in der badischen Weinwirtschaft?

Pilz: Erfolg muss man sich zunächst am Markt erarbeiten. Der deutsche Weinmarkt ist stark wettbewerbsgeprägt und badische Weine müssen sich wie andere diesem Wettbewerb stellen. Die beiden entscheidenden Parameter sind Preis und Qualität und daran hapert es offensichtlich. Im direkten Preis-Leistungs-Vergleich geben viele Konsumenten ausländischen Weinen den Vorzug. Die Ursache sehe ich in der zu wenig wettbewerbsorientierten und kleinbetrieblichen Struktur der badischen Weinwirtschaft.

BZ: Spielt auch die Uneinigkeit bei der Belieferung der Discounter eine Rolle?

Pilz: Natürlich, die Discounter haben heute einen Anteil von etwa 40 Prozent aller verkauften Weine. Die beiden Unternehmen Lidl und Aldi spielen dabei die wichtigste Rolle, auch in der regionalen Vermarktung. Wenn bei solchen zentral und höchst professionell geführten Unternehmen die badischen Weinerzeuger nicht mit einer Sprache sprechen und gegeneinander konkurrierend auftreten, werden sie natürlich gegeneinander ausgespielt. Das macht sich dann in ruinösen Preisen bemerkbar, zu denen badische Weine derzeit im Discounthandel verkauft werden. Was aber billig ist, wird auf Dauer immer schlechter in der Qualität. Das ist ein Teufelskreis, den man entschieden durchbrechen muss.

Werbung


BZ: Immer mehr Winzergenossenschaften haben wirtschaftliche Probleme. Ist der Genossenschaftsgedanke überhaupt noch zeitgemäß?

Pilz: Die Unternehmensform hat zunächst nichts mit dem wirtschaftlichen Erfolg zu tun. Es gibt genug Beispiele bestens funktionierender Genossenschaften. Das Problem ist mehr in der fehlenden Erneuerung in den meist ehrenamtlich besetzten Entscheidungsgremien der Genossenschaften und dem verzögerten Strukturwandel zu sehen. Erst jetzt, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht, beginnt man ernsthaft über Fusionen und Kooperationen nachzudenken. Seit langem wird über das Kirchturmdenken in der badischen Weinwirtschaft geklagt. Hier muss es rasch Lösungen geben, ansonsten kann es auch zu Konkursen kommen.

BZ: Was kann der badischen Weinwirtschaft helfen? Welche Hausaufgaben muss sie erledigen?

Pilz: Es müssen sich die Strukturen schneller wandeln und bereinigen, die Genossenschaften müssen sich schneller anpassen. Überflüssige Kostenapparate, lieb gewordene Spielzeuge, wie eine eigene Abfüllanlage, die nur zu einem Viertel ausgelastet ist, oder ein Fuhrpark, der mehr steht als fährt, müssen auf den Prüfstand gestellt werden. In der Vermarktung an Großabnehmer muss die badische Weinbranche stärker mit einer Stimme sprechen. Andere deutsche Weinregionen machen vor, wie das geht.

BZ: Hat der Weinbau in Baden langfristig gesehen überhaupt noch eine Zukunft?

Pilz: Der badische Weinbau hat beste Chancen und erhebliche Wachstumspotenziale. Ich verstehe den Pessimismus überhaupt nicht. Die Weltbevölkerung wächst in den nächsten 50 Jahren von sieben auf neun Milliarden Menschen. Es gibt kaum eine andere Region in der Welt, die über bessere natürliche Ressourcen für die Nahrungs- und Genussmittelproduktion verfügt als der Oberrheingraben. Im internationalen Wettbewerb kann der badische Weinbau bestens bestehen. Deutschland im Allgemeinen und Baden im Speziellen decken ihren Weinkonsum nur zu 40 Prozent. Heimische Produkte werden aber gerade von den Menschen in der Region bevorzugt. Also, wo soll das grundsätzliche Problem sein? Die Probleme sind hausgemacht und lösbar.

Autor: gz