INDIEN-REISE I

Mit Bildung die Armut bekämpfen

Andrea Steinhart

Von Andrea Steinhart

Sa, 04. April 2015

Gundelfingen

Zum Jubiläum des Vereins „Indienhilfe – Wasser ist Leben“ haben neun Gundelfinger das Kinderdorf Naya Jeevan besucht

Früh morgens macht sich die neunköpfige Gruppe aus Gundelfingen auf den Weg durch das chaotische Mumbai Richtung Delhi in die Stadt Assangaon, vorbei an Kühen im Großstadtverkehr und auf Autobahnen mit extremen Schlaglöchern. Rund zwei Stunden dauert die Fahrt, dann endlich biegt der Kleinbus ab. Hinter dem Eisentor wartet schon eine große Zahl Mädchen.

DAS KINDERDORF HEUTE
Mit strahlenden Augen begrüßen sie die Gruppe und schmücken jeden Besucher mit duftenden Blumenkränzen. Die Helpers of Mary, Schwestern einer christliche Ordensgemeinschaft, haben das Kinderdorf gegründet, um armen Mädchen eine Schulausbildung zu geben. 289 Mädchen leben derzeit in fünf Kinderhäusern. 40 von ihnen sind HIV-positiv. Sie sind zwischen fünf und 18 Jahre alt, manche wurden auf der Straße gefunden, andere flohen vor Missbrauch, oder sie kommen aus sehr armen Familien und haben keinen Platz mehr Zuhause, dem Bretterverschlag, der nur eine Plastikplane als Dach hat. Viele Mädchen sind bereits Waisen, oder ihre Eltern sind an Lepra, an Tuberkulose oder Aids erkrankt. "Manchmal bringen die Mütter ihre Mädchen zu uns, um sie vor Missbrauch in der eigenen Familie zu schützen", erzählt die Leiterin, Schwester Shanta, die die Kinder zusammen mit zwölf weiteren Ordensschwestern betreut.
VOR 20 JAHREN
1995 ging es den Mädchen im Kinderdorf Naya Jeevan nicht gut. Es gab keinen Tropfen frisches Trinkwasser. Die Brunnen waren ausgetrocknet und verfallen. Ein Tanklaster karrte zwei Mal in der Woche trübes Trinkwasser von weit her an. Er kippte die Wasserladung in einen Betontrog ohne Deckel. In der Brühe tummelten sich Mücken, Larven, Käfer und kleine Spinnen. Das dreckige Wasser musste mindestens fünfmal gefiltert werden, um genießbar zu werden. Die Kleider wuschen die Kinder am Fluss. Der ist zwei Kilometer weit weg. Bei den heißen Temperaturen fing das Trinkwasser nach wenigen Stunden an zu stinken. Die Mädchen, ohnehin geschwächt, litten häufig an Infektions- und Durchfallerkrankungen, Hautgeschwüren, Bronchitis und Tuberkulose. Sie besuchten die Schule nur unregelmäßig und konnten daher selten gute Berufe erlernen.

GRÜNDUNG DES VEREINS
Die Grundschullehrerin Gerda Geretschläger kannte das Kinderdorf aus früheren Zeiten. Anlässlich eines Schulfestes 1995 an der Johann-Peter-Hebel-Grundschule in Gundelfingen gründete sie das Projekt "Wasser ist Leben", mit dem Ziel, die katastrophale Wassersituation in dem indischen Kinderdorf zu ändern. Mit verschiedenen Projekten erwirtschafteten die Grundschulkinder in Gundelfingen Geld für das Kinderdorf in Indien. Mit im Unterstützer-Boot saßen von Anfang an die Schulgemeinde, die Gemeinde Gundelfingen, die Raiffeisenbank, die Badische Zeitung, Kirchengemeinden, Jugendgruppen, Schulen und zahlreiche Spender aus Gundelfingen und aus dem ganzen Bundesgebiet.

WAS SICH SEITHER ÄNDERTE
Es wurden Wasserleitungen verlegt und zwei Erdtanks sowie ein Wasser-Hochbehälter für frisches, reines Trinkwasser gebaut, das seitdem aus einem nahegelegenen Stausee im Kinderdorf ankommt. Seither gibt es etwa drei Stunden pro Tag frisches Wasser. Das kostbare Regenwasser wird in zwei Sammelbecken konserviert. Damit wird auf der kleinen Farm, die nebenan liegt, Gemüse und Obst bewässert. Wenn der Monsun reichlich ausfällt, gibt es viele Zwiebeln, Bohnen, Rettiche, Spinat, Blattgemüse und Gewürze. Im Viehstall stehen Kühe und Büffel, ein frisch geborenes Kälbchen, Ziegen und im Stall daneben tummeln sich kleine Hasen. Rund 100 Kilogramm Reis werden täglich im Kinderheim gekocht. Dazu gibt es eine kräftige Currysauce, an Feiertagen sogar Geflügelcurry. Die kranken Kinder bekommen täglich ein Glas frische Büffelmilch, für die anderen gibt es wenigstens einen Schluck Milch im Tee. Der Unterhalt der Mädchen wird aus Gundelfingen mit rund 60 000 Euro im Jahr unterstützt. Für die Arbeiten auf der Farm sind zwei Männer eingestellt. Jeden Morgen karren sie den Mist zur Biogas-Anlage. Die wurde 2003 aus dem Erlös des Gundelfinger Schulfestes installiert. Das Biogas wird fürs Kochen verwendet. Mit der Solaranlage auf den Dächern, die 2009 ebenfalls mit Geldern aus Gundelfingen bezahlt wurde, wird Wasser erwärmt und Licht erzeugt, so dass die Mädchen auch noch am Abend lernen können. Seit 2003 gibt es eine offizielle Partnerschaft zwischen dem Kinderdorf und der Johann-Peter-Hebel-Grundschule. In der Aula der Gundelfinger Grundschule hängt die Partnerschaftsurkunde.

SCHULE UND AUSBILDUNG
Neben der Hilfe für das tägliche Leben finanziert die "Indienhilfe – Wasser ist Leben" auch den Schulbesuch und die Ausbildung der Mädchen. "Ich will Lehrerin werden", sagt Rushali. Sie selbst ist mit dem HI-Virus infiziert, wohnt seit elf Jahren im Heim und hilft beim Unterrichten der kleineren Mädchen.

Andere lassen sich zur Krankenschwester oder Erzieherin ausbilden oder erlernen den Beruf der Schneiderin, manche studieren sogar an der Uni in Mumbai. Die Mädchen sind sehr eifrig und strebsam. Alle erlernen nach dem Schulabschluss einen Beruf. Rund 20 000 Euro steckt der Gundelfinger Verein jährlich in die Bildung der Mädchen. "Denn die Bildung von Mädchen und Frauen ist die Grundlage der Armutsbekämpfung", sagt Gerda Geretschläger.

Die Gundelfinger Initiative hat Kreise gezogen. Über das Kinderdorf hinaus wurden in den vergangenen zehn Jahren etliche weitere Projekte im Bildungs- und Umweltbereich umgesetzt. Sie werden demnächst in der BZ vorgestellt.

Das Jubiläum zum 20-jährigen Bestehen wird am 27. Juni beim Schulfest der Johann-Peter-Hebel-Grundschule in Gundelfingen gefeiert. Infos zum Verein gibt es im Internet unter: http://www.indienhilfe-wasser-ist-leben.de