Indien-Reise II

Perspektiven für Frauen im Slum

Andrea Steinhart

Von Andrea Steinhart

Sa, 11. April 2015

Gundelfingen

Gundelfinger Indienhilfe unterstützt eine Schule im Armenviertel von Mumbai und stärkt dort Frauenrechte

MUMBAI/GUNDELFINGEN. Im Slum Malwani im indischen Mumbai haben die katholischen Schwestern vom Orden "Helpers of Mary" eine Schule für arme Kinder aufgebaut. Die Gundelfinger "Indienhilfe – Wasser ist Leben" unterstützt die Schule und war mit Vertretern vor Ort. Die Schule ist neben dem Kinderdorf Naya Jeevan der zweite Investitionsschwerpunkt des Vereins. Frauen im Slum erhalten dort eine Berufsperspektive. Seit neuestem werden sie zu Taxifahrerinnen ausgebildet, die vor allem eins können: Karate.

Es stinkt. Mitten durch das Slumgebiet verläuft ein Bachbett, das sich in der Regenzeit mit Wasser füllt. Doch derzeit ist es voll mit Müll, eine Brutstätte für eine Unzahl von Ungeziefer und Ratten. Kühe suchen in dem Müll nach Futter, Ziegen, angebunden an Ketten, blöken, Hühner in Käfigen picken aufgeregt am Maschendraht, streunende Hunde bellen und Kleinkinder schreien: Im Nordosten der Millionenstadt Mumbais befindet sich das Slum Malwani.

Dort leben mehrere zehntausend Menschen auf engstem Raum ohne Kanalisation, Elektrizität und nur mit einigen wenigen Trinkwasserzapfstellen. Die Menschen hausen in heruntergekommenen, kleinen Steinhäusern, in einfachsten Bretterverschlägen oder nur unter Plastikfetzen. Die Menschen kommen aus ganz Indien in die Großstadt, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Alle sind sehr arm. Die Räume, die sich Familien mieten können, sind gerade mal sechs Quadratmeter groß – für sieben Menschen. Dass Slum ist wie eine kleine Stadt in der Stadt: Es gibt Händler, die Fleisch, Fisch oder Obst verkaufen, Friseure, Barbiere und kleine Kneipen.

Zwischen den Hütten steht ein massives und gepflegtes, zweistöckiges Haus: Die Slumschule Malwani. Mit Gundelfinger Hilfe wurde das Gebäude vor fünf Jahren saniert und aufgestockt. Insgesamt wird die Station in Malwani mit 17 000 Euro im Jahr von Gundelfingen aus unterstützt. Geleitet wird sie von den Helpers of Mary. Für rund 300 Kinder ist die Schule täglicher Anlaufpunkt. "In drei Schichten geben wir den Mädchen und Jungen Nachhilfe in Englisch und Mathematik, in Tamil, Urdu, Hindi und Marathi. Wir unterstützen sie bei den Hausaufgaben und bereiten sie auf Prüfungen vor", erzählt Schwester Elsa beim Betreten der Schule. Eine Schar kleiner Kinder steht bereits in dem nüchtern ausgestatteten Klassenzimmer und singt auf Hindi ein Begrüßungslied. Vor ihnen auf den einfachen Plastikstühlen hocken die Besucher aus Gundelfingen und klatschen begeistert mit, auch wenn sie kein Wort verstehen von dem, das die fröhlichen Kinder da singen. Musik ist eben international.

Neben Heften und Stiften erhalten alle Kinder täglich einen Snack und etwas Obst. Zu Weihnachten gibt es einen Apfel. "Die Eltern hier im Slum müssen von früh bis spät arbeiten, um den Lebensunterhalt für ihre Familien zu verdienen. Sie können sich nicht um die schulische Förderung und um eine gesunde Ernährung ihrer Kinder kümmern." Im oberen Stock der Slumschule stehen veraltete Computer. Hier werden Jugendliche und junge Erwachsene ausgebildet. Das ganze Microsoft-Paket – Word, Powerpoint und Excel – bringen die Lehrer ihnen bei. "Nur so haben sie eine Chance auf dem Arbeitsmarkt."

Eltern haben keine Zeit für ihre Kinder

Eine Seitenstraße weiter steht das Haus der Schwestern, direkt angebaut an der Moschee. Der Mehrzweckraum im Schwesternhaus ist so gut wie immer belegt. Dort finden seit mehr als neun Jahren Alphabetisierungskurse, Ausbildungslehrgänge und Kurse in Körperbemalung mit Henna statt. Außerdem beraten hier die engagierten Ordensfrauen die Frauen aus dem Slum über ihre Rechte, informieren über Impfprogramme und staatliche Fördermittel. Sie geben ihnen Beistand in besonderen Notlagen und auch bei Geschäftsgründungen.

Zahlreiche junge Slumfrauen haben in dem kleinen Schulungszentrum ihre Ausbildung als Näherin erhalten. Nähkurse und auch die Nähmaschinen werden mit Gundelfinger Spendengeldern bezahlt und die jungen Frauen finanzieren damit den Lebensunterhalt ihrer Familien mit. 150 Euro kosten die einjährige Ausbildung, inklusiv der Stoffe und Garne. Die Frauen lernen Kleidung nach Schnittmuster zu nähen und erhalten zu ihrem staatlich anerkannten Diplom eine fußgetriebene Nähmaschine als Startkapital mit der sie auf Bestellung zuhause farbenfrohe Gewänder nähen können.

Ganz neu werden Frauen mit Unterstützung der Gundelfinger Indienhilfe als Taxifahrerinnen ausgebildet – in einem Land, in dem autofahrende Frauen eine Seltenheit sind. 60 Frauen sind gerade in der Ausbildung. Ein Taxiunternehmen in Mumbai hat versprochen, die Frauen einzustellen.

Die Schwestern favorisieren damit ganz bewusst die Emanzipation der indischen Frauen. "Drei Monate dauert ein Kurs: Zuerst lernen die jungen Slumfrauen etwas englisch, dann Karate und erst danach das Autofahren", erläutert die Leiterin. Karatekurse sollen vor aufdringlichen Männern schützen. Es gibt die Kurse an fast allen größeren Slumschulen in Indien. Ein Frauenleben zählt immer noch wenig in dem Land. Um so härter kämpfen Frauen für ihre Rechte.

Info: Im dritten und letzten Teil der Indienserie berichtet die BZ, wie die Gundelfinger die Korlai besuchen, die am untersten Rand der indischen Gesellschaft leben.