Indien-Reise III

Sanierte Hütten für Ureinwohner

Andrea Steinhart

Von Andrea Steinhart

Mi, 22. April 2015

Gundelfingen

Gundelfinger Verein "Wasser ist Leben" hilft den Adivasi in Indien

GUNDELFINGEN/KORLAI (Indien). Zusammen mit den unberührbaren Dalits gehören die Nachfahren der Ureinwohner, die Adivasi, zu den ärmsten Menschen in Indien. Als Nicht-Hindus stehen sie außerhalb des Kastensystems und damit in der indischen Gesellschaft ganz unten. Um die Adivasi-Familien im Fischerdorf Korlai kümmern sich die "Helpers of Mary". Der Gundelfinger Verein "Indienhilfe – Wasser ist Leben" hilft ihnen seit mehreren Jahren dabei.

Kaum ist die Sonne aufgegangen, schleppt Sunita Wasser vom Brunnen und bereitet eine kleine Mahlzeit vor für ihre drei Kinder. Ihre Tochter ist zwölf Jahre alt, die beiden Buben sechs und sieben. Nach einer Tasse Tee macht sich Sunita auf den Weg zur Arbeit. Als Tagelöhnerin arbeitet sie zusammen mit anderen Frauen auf Zwiebelfeldern reicher Großgrundbesitzer. Ihren Mann hat Sunita seit Tagen nicht mehr gesehen. Er schuftet als Gelegenheitsarbeiter in einer Reismühle weitab der Siedlung. Sunita muss arbeiten, der Verdienst ihres Mannes reicht nicht aus zum Überleben. Den meisten anderen Frauen geht es nicht besser. Allesamt arbeiten die Männer weitab ihrer Familien als Tagelöhner. Sie verdingen sich in Palmhainen, Reismühlen und Ziegeleien, roden Brachland, fällen Bäume und stellen Holzkohle her. Einige Frauen von Korlai sind ganz und gar auf sich allein gestellt, denn ihre Männer arbeiten in den Emiraten. Manche kehren von dort nicht zurück.

Diese Familien sind allesamt Nachfahren indischer Ureinwohner. Sie wurden 1983 aus ihrer Heimat im Landesinneren vertrieben und hierher zwangsumgesiedelt. Ihr angestammtes Land wurde vom Staat gebraucht für Autobahntrassen, Industrieanlagen, Militäranlagen, Staudammbauten und Freizeitparks. Als Entschädigung für verlorenen Besitz erhielten sie Hütten. Danach gab es keine weiteren Hilfen. Im Fischerdorf Korlai, rund 150 Kilometer südlich von Mumbai, wo Zitronengras auf den Wiesen wächst und Mangobäume üppig blühen, leben rund 200 Adivasi zusammengepfercht am Dorfrand, in heruntergekommenen, undichten Lehmhütten. In der Siedlung gibt es keine Infrastruktur, die Erwachsenen können weder lesen noch schreiben.

Große Geschwister hüten die Kleinen

Häufig müssen auch die Frauen weite Wege zur Arbeit zurücklegen und können am Abend nicht zurückkehren zu ihren Kindern. Dann müssen die großen Geschwister die Verantwortung übernehmen für die Kleinen. Seit geraumer Zeit kümmern sich hier die "Helpers of Mary" um die Kinder. Jeden Morgen sammeln die Ordensfrauen die Kleinen ein und bringen sie in ihren Kindergarten, wo die Kinder auch eine kleine Mittagsmahlzeit erhalten und bis zum Abend betreut werden. Die Größeren werden in die Schule geschickt. Sie erhalten dort eine warme Mahlzeit und machen am Nachmittag ihre Hausaufgaben unter Aufsicht der Schwestern.

Der Gundelfinger Verein unterstützt den Kindergarten. Er ließ 19 Hütten grundsanieren und finanzierte den Bau von vier neuen Häusern. Es sind keine großen Häuser – lediglich 20 Quadratmeter misst eine Hütte, in der eine mehrköpfige Familie lebt. Das Haus besteht aus einem großen Raum, angeschlossen sind eine winzige Küche und ein Badezimmer. Verglichen mit den verwitterten Hütten zuvor sind die neuen Häuser jedoch komfortabel und vor allem regensicher. "Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht", bestätigt Gangi beim Rundgang. Sie ist die Adivasi-Sprecherin im Dorf. Seit 20 Jahren kennt die 35-Jährige die Schwestern und hat volles Vertrauen zu ihnen. "Alle Verbesserungen, die wir heute haben, kommen von ihnen". Die Nonnen betreiben hier in Korlai eine Krankenstation, einen Kindergarten und haben auch eine Frauengruppe gegründet. Sie bringen den Frauen das Nähen bei und haben dafür gesorgt, dass ein Arzt zweimal die Woche kommt. Außerdem unterweisen sie die Adivasi-Frauen in ihren Rechten und sorgen für Mikro-Kredite zum Aufbau von Kleingeschäften.

Bisher wurde 6500 Frauen geholfen

Seit mehr als 30 Jahren sorgen die "Helpers of Mary" in fast allen Stationen dafür, dass Kleinkredite an Frauen vergeben werden. Nicht gewinnorientiert – sondern als Hilfe zur Verbesserung des Familienunterhalts. Schwester Shakuntala, die im Slum Vakola, in der Nähe des Flughafens von Mumbai arbeitet, ist die Expertin auf diesem Gebiet und legt viel Herzblut in ihre Arbeit.

"Wir haben bisher über Mikrokredite rund 6500 Frauen geholfen – und jede von ihnen hat davon profitiert". Die Kredit nehmenden Frauen sind zugleich Genossenschaftsmitglieder. Immer fünf Frauen bilden eine Gruppe, die einen Kredit beantragen kann. Die Rückzahlungsrate ist den familiären Verhältnissen angepasst "Die Frauen stehen für einander ein, wenn eine Frau ihre Rate nicht zurückbezahlen kann. Außerdem sind die Familien über die genossenschaftliche Bank versichert, wenn sie einen Arzt brauchen". Vergeben werden Kredite nicht für Luxusartikel, sondern nur zur familiären Verbesserung.

In Korlai zum Beispiel haben die Frauen 500 Plastikstühle angeschafft, die sie zu festlichen Anlässen verleihen. In anderen Stationen werden Stoffe eingekauft, zu hübschen Kleidern verarbeitet und verkauft. Oder es wird im Großhandel Gemüse eingekauft und mit Gewinn weiter verkauft.

Aufgenommen werden die Kredite für Kleingeschäfte aber auch bei außerordentlichen Anlässen, wie Hochzeiten oder Todesfälle. "Wir haben in all den Jahren nur selten auf eine Rückzahlung verzichten müssen", erzählt Schwester Shakuntala.