Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

26. Juli 2012

Frankreich

11-jähriger Schachspieler setzt die Ausländerbehörde schachmatt

Der elfjährige Fahim Alam kam illegal nach Frankreich / Jetzt vertritt er das Land bei der europäischen Schachmeisterschaft.

  1. Lebte kürzlich noch in Furcht vor der Polizei und ist heute ein vielgefragter Star: Schachgenie Fahim Foto: AFP

PARIS. Das elfjährige Schachgenie Fahim Alam aus Bangladesch darf seine neue Heimat Frankreich bei den europäischen Schachmeisterschaften vertreten, nachdem er dort jahrelang illegal mit seinem Vater gelebt hatte. Nach der vorläufigen Aufenthaltserlaubnis für den Vater habe Fahim alle nötigen Papiere von seinem Schachverband in Bangladesch erhalten, teilte der französische Schachverband mit. Jetzt könne er vom 16. bis 26. August bei der europäischen Schachmeisterschaft der Junioren in Prag für Frankreich antreten.

Wenn er zu Erwachsenen aufschaut, legt er die Stirn in Falten. Die großen Glitzeraugen weiten sich noch etwas mehr. Mit hellwachem Blick mustert Fahim Alam sein Gegenüber. Droht Gefahr? Tun sich Chancen auf? Soll ich angreifen, verteidigen, fliehen? Fragen dieser Art scheinen dem Elfjährigen durch den Kopf zu schießen. Der Junge, der 2008 illegal nach Frankreich eingewandert ist und mit seinem Vater jahrelang von einer Notunterkunft zur nächsten zog, hat sie sich immer wieder stellen müssen.

Doch heute geht es für Fahim nicht mehr darum, den Ausländerbehörden zu trotzen, Abschiebung und Ausweisung zu verhindern. Die Frage Angriff oder Verteidigung stellt sich für ihn nur noch am Schachbrett. Als er noch in Bangladesch lebte, hatte der an die Romanfigur Momo erinnernde Lockenschopf Bauern, Türme Springer, Läufer, Dame und König bereits so gekonnt aufmarschieren lassen, dass Kenner des Spiels dem Jungen anerkennend auf die schmächtigen Schultern klopften. In Frankreich hat Fahim die Fachwelt zuletzt ebenfalls beeindruckt, und zwar so sehr, dass die Ausländerbehörden umgedacht haben und nicht mehr darauf dringen, ihn mitsamt dem Vater ins Flugzeug nach Bangladesch zu setzen.

Werbung


Jemanden, der Schachfiguren so vollendet zu führen weiß, den schickt man schließlich nicht fort, den versucht man im Land zu halten. Die Mitglieder des Schachclubs der Pariser Vorstadt Créteil haben sich das gesagt. Dort hatte der Hochbegabte Hilfe gefunden und durfte sein Können zeigen. Schließlich sahen es auch die französischen Behörden ein. Erst kürzlich noch ein verfemtes Flüchtlingskind, ist Fahim so drei Monate später ein gefeiertes Schachgenie. Er ist in Frankreich nun willkommen, ja er ist auserkoren, den Ruhm des Gastlandes zu mehren.

Die Schachmeisterschaft brachte einen prominenten Fürsprecher

Xavier Parmentier, Trainer des Schachclubs von Créteil, der ihn unter seine Fittiche genommen hat, ist voll des Lobes über seinen Schützling. "Der Junge spielt intuitiv, zieht blitzschnell, er kann unser Land wunderbar im Ausland repräsentieren", meint Parmentier. Die Behörden täten gut daran, dem Hoffnungsträger möglichst bald die französische Staatsbürgerschaft anzutragen.

Nach einer Odyssee, die Fahim und Nura Alam durch Indien und Ungarn geführt hatte, waren die beiden im Oktober 2008 nach Frankreich gekommen. Sie beantragten politisches Asyl. Das Gesuch wurde abgelehnt. Rechtsmittel blieben erfolglos. Im September 2010 erhielt der Vater einen Abschiebebescheid. Wenn ihn die Polizei aufgreifen sollte, würden er und der Sohn ausgewiesen, hieß das. Mitglieder des Schachclubs von Créteil hielt das nicht davon ab, Fahim bei sich zu Hause aufzunehmen. Zwei Familien kümmerten sich im Wechsel um den Jungen, der in dem Pariser Vorort die Schule besuchte. Der Vater nächtigte im Stadtzentrum in verschiedenen Quartieren, verdingte sich als Schwarzarbeiter, stieg des Abends in die Metro-Linie acht, um den Sohn zu besuchen, die Angst im Nacken, einer Polizeistreife in die Arme zu laufen.

Ende April setzte sich Fahim bei den französischen Schachmeisterschaften in seiner Altersgruppe durch. Er holte in Nimes nicht nur den Titel. Er gewann auch einen gewichtigen Fürsprecher. Der damalige Ministerpräsident, FrançoisFillon, befand im Radiosender France Inter, der Fall des Jungen sei es wert, mit allergrößter Aufmerksamkeit geprüft zu werden. Wenige Tage später erhielt Nura Alam eine Vorladung der Präfektur. Was ihm in den Jahren zuvor den Angstschweiß auf die Stirn getrieben hätte, weckte diesmal Hoffnungen. Die Unterredung dauerte nicht einmal eine Stunde. Am 11. Mai erging die vorläufige Aufenthaltsgenehmigung. Eine dauerhafte dürfte folgen. Wie der Sohn muss auch der Vater nicht mehr befürchten, nach Bangladesch abgeschoben zu werden. Auch eine Sozialwohnung bekamen die beiden zugewiesen. Nura Alam hat in Créteil ein Auskommen gefunden. Die Stadtverwaltung hat ihn eingestellt. Der Vater des Schachgenies arbeitet in der Rathauskantine als Tellerwäscher. Bleibt die Frage, wie es Fahims Leidensgefährten geht. Pierre Lafrance von der Hilfsorganisation "Erziehung ohne Grenzen" hat sie aufgeworfen und auch gleich beantwortet. Für Tausende von Kindern, die wie Fahim nach Frankreich gekommen seien, habe sich nichts zum Guten gewendet, sagt Lafrance. Sie seien eben keine Schachchampions.

Autor: Axel Veiel