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11. Mai 2012

Goldener Schnitt

Fotoreise durch die Naturparks von Tirol

Schlechtes Wetter und gute Bilder sind kein Widerspruch: Die Tiroler Naturparks bieten in den Sommermonaten verschiedene Foto-Workshops an. Begleitet werden sie von Profifotografen.

  1. Staunende Gesichter: Toni Vorauer zeigt, was ein gutes Bild ausmacht – und wie man es macht. Foto: Andrea Schiffner

  2. Blick vom Baichlstein: der naturbelassene Lech Foto: Andrea Schiffner

  3. Foto: Andrea Schiffner

  4. Foto: Andrea Schiffner

  5. Foto: Andrea Schiffner

  6. Foto: Andrea Schiffner

  7. Foto: Andrea Schiffner

  8. Foto: Andrea Schiffner

  9. Morgentau & Co. – das Schöne im Detail finden – Makrofotografie Foto: Andrea Schiffner

  10. Morgentau & Co. – das Schöne im Detail finden: Makrofotografie Foto: Andrea Schiffner

  11. Traum(foto) und Wirklichkeit in Kaunerberg Foto: Andrea Schiffner

  12. Spielend fließend: der Stuibenfall im Ötztal Foto: Andrea Schiffner

Es schüttet wie aus Kübeln. Toni Vorauer macht eine ausladende Handbewegung über das Gewässer. "Normalerweise sind sie da." Normalerweise. Bileks Azurjungfer, eine sehr seltene Libellenart, ist jedoch wasserscheu – sie lässt sich nicht blicken. Die Reisegruppe versucht, sich unter den wenigen Schirmen vor dem Regenguss zu schützen. "Also ich packe meine Kamera nicht aus", nörgelt einer.

Wir sind ein bunter Haufen Fotografie-Begeisterter und – ausgestattet von der Kleinbildkamera bis zur großen Spiegelreflex – auf Fotosafari durch vier der sechs Tiroler Naturparks. Wir stehen am Riedener See im Lechtal. Über, unter und neben uns: Wasser – na, das kann ja heiter werden. Und das wird es auch. Kaum haben wir dem See den Rücken gekehrt, und die Azurjungfer Azurjungfer sein lassen, reißt das Grau auf und die Sonne drängt durch die dicken Wolken. Die Tannen an den Hängen beginnen zu dampfen – selbst der Nörgler zückt nun seine Kamera.

Die Tiroler Naturparks bieten sich in den Sommermonaten für verschiedene Foto-Workshops an (Fotos) . Begleitet werden sie von Profifotografen wie Toni Vorauer, der auch Biologe bei der Umweltorganisation World Wildlife Fund (WWF) und Fledermausschutzbeauftragter für Tirol ist. Er und seine Kollegen kennen sich bestens in der Region aus, zeigen die schönsten Plätze, können wertvolle Hintergrundinfos zu Landschaft, Tieren, Pflanzen – und Tricks beim Fotografieren geben.

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Die dicken Wolken im Lechtal haben sich verzogen. Der kurze, aber steile Anstieg auf den Baichlstein nimmt uns den Atem. Es liegt bestimmt nur am Tempo, das Toni vorlegt. Wir Flachland-Tiroler müssen uns erst an das Steile gewöhnen. Schnaufend erreichen wir die Bergkuppe und werden mit einem schönen Ausblick über das Lechtal belohnt. Der Lech, zur einen Seite in von Menschenhand gelenkter Form, zur anderen Seite naturbelassen, leuchtet azur in der Sonne. "Ihr müsst’s Euch immer einen Bildmittelpunkt suchen, einen Vorder-, Mittel- und Hintergrund. Wenn das Ganze im goldenen Schnitt ist, wirkt es harmonisch", erklärt Toni den Aufbau eines guten Bildes. Klingt einfach, ist aber ganz schön kompliziert. "Sowas kann man nur mit einem großen Apparat machen, aber nicht mit meiner hier", sagt eine Teilnehmerin und streckt frustriert ihre Kleinbildkamera in die Höhe. "Natürlich klappt das auch mit dieser – darf ich?" Kurzerhand schnappt sich Toni die Kamera, erklärt, drückt ab, zeigt – und wir sind beeindruckt. Eine Zeitlang ist nur das eifrige Klicken der Kameras zu hören.

Zurück im Tal wollen wir den Lech näher kennen lernen – bei einer Rafting-tour. Vielleicht liegt es an dem Begriff Rafting, vielleicht auch an den Neoprenanzügen, in denen wir stecken, dass keiner seine Kamera mit ins Boot nehmen will – außer Toni. "Da passiert nix, im Moment ist zu wenig Wasser drin, als dass wir Stromschnellen hätten", meint er. Wir wollen es nicht darauf ankommen lassen, außerdem haben wir alle Hände voll mit unserem Paddel zu tun. Wir setzen am naturbelassenen Teil des Flusses ein, dort sucht er sich seinen eigenen Weg, ändert ständig seine Fließrichtung, gräbt so neue Furten und lässt andernorts Kiesbänke entstehen. Gemächlich geht es flussabwärts, lediglich ab und zu ruft Bootsführer Helmut Friedle Anweisungen. Ein, zwei Paddelschläge, und schon sind wir wieder auf Kurs. Es ist mehr ein ruhiges Dahingleiten als ein wildes Paddeln. Uns ist das recht, so können wir in vollen Zügen die Landschaft genießen – ganz ohne Klick und goldenen Schnitt.

Der erste Blick aus dem Fenster am nächsten Morgen verheißt nichts Gutes. Da, wo sich normalerweise die schneebedeckten Gipfel zum morgendlichen Alpenglühen verabreden, ist nur graue Suppe. Die Wolken scheinen die Berge verschluckt zu haben. Nichtsdestotrotz statten wir dem kleinen Dorf Kaunerberg einen Besuch ab. Weil nun so gar nichts zu sehen und schon gar nichts zu fotografieren ist, hält Toni eine grandiose Aufnahme vor das Grau – so könnte es ausschauen hier oben. "In der Weite seh’n wir heut’ nix mehr, da geh’n wir jetzt mal ins Detail", meint Toni.

Nicht weit entfernt im Bärenbadmoor werden wir fündig: Hier wächst der fleischfressende Morgentau. Nur wenige Zentimeter groß, bildet sich auf seinen Blättern eine klebrige Flüssigkeit, die wie Tau aussieht. Damit lockt er kleine Insekten an. Haben die sich einmal auf dem Tropfen niedergelassen, gibt es kein Entkommen mehr. Sie bleiben kleben und werden von der Pflanze ausgesaugt. "Die schönsten Aufnahmen gibt es, wenn die Kamera möglichst ruhig und bodennah positioniert wird." Uns dämmert, warum Toni sein Stativ mitgeschleppt hat. Er baut es auf – ganz nah über dem Moorboden. Wir haben keins dabei. Und während einige sich auf alle Viere begeben, um einen möglichst guten Winkel zum Morgentau zu bekommen, steht Toni lässig da und drückt ein-, zweimal auf den Fernauslöser. "Das ist das A und O bei der Makrofotografie: eine passende Ausrüstung. Ihr könnt gerne meine ausprobieren." Wir lehnen dankend ab, haben eh schon nasse Hosen und Atemnot vom Luft anhalten und sich bloß nicht bewegen, aber der Morgentau ist im Kasten.

Unweit vom Bärenbadmoor stoppen wir als nächstes bei den Harber Wiesen, die über und über mit bunten Blüten bedeckt sind. Hier ist Toni als Biologe gefordert – jede erdenkliche Blumenart soll er bestimmen. Einige haben sich schon wieder flachgelegt, das gibt – wie wir gelernt haben – die besten Bilder.

Vom Dörfchen Niederthai im Ötztal brechen wir auf zum Stuibenfall. Wieder ist das Wetter schlecht. Düster und feucht ist es, aber frei nach dem Motto "Es gibt kein schlechtes Wetter für gute Fotografen" lassen wir uns vom Regen nicht abhalten. Wir wandern vorbei an nassen Bergziegen, hören es plätschern und grummeln – der Fall kann nicht mehr weit sein. Das Wasser fließt gemütlich dahin, um sich kurz darauf 159 Meter spektakulär in die Tiefe zu stürzen. Das gilt es mit der Kamera einzufangen. "Eigentlich ist dieses Wetter ideal", sagt Toni enthusiastisch und blickt in fragende Gesichter. "Es ist nicht so hell, da kann man die Belichtungszeit verlängern, ohne dass das Bild überbelichtet wird." Wenn das Wasser nur nicht von allen Seiten käme und eine lange Belichtungszeit ist ohne Stativ auch so eine Sache. Aber zum Glück gibt es Toni, der mit seinem aushilft. Lediglich eine Aussichtsplattform, unter deren Lochgitter sich 100 Meter nichts als Luft befindet, hält einige Höhenängstliche davon ab, die Kamera in Anschlag zu bringen.

Widererwartend begrüßt uns in Innsbruck kein Regen. Es ist nur leicht bewölkt und die Sonne scheint. Beste Voraussetzungen um dem Hausberg, dem Hafelekar, mit der Kamera zu Leibe zu rücken. Die Nordkettenbahn bringt uns auf über 2000 Meter. Auf der Fahrt nach oben wird klar: Dieses Mal wird nicht Regen das Problem. Schon sind wir mit den ersten, weißgezuckerten Felsabschnitten auf einer Höhe. War unten im Tal noch T-Shirt-Wetter, ist nun eine Winterjacke unentbehrlich. Sonne, Nebel und Graupel wechseln im Minutentakt. "Jetzt kannst eigentlich nur noch reagieren", ruft Toni gegen den Wind. Wolkenfetzen werden an den Bergkamm gedrückt. Eine kleine Gruppe macht sich auf zum Gipfel. Einer Nordpol-Expedition gleich stapfen wir mühsam die letzten Höhenmeter nach oben. Am Gipfelkreuz angekommen, bemerkt Toni stolz: "Wo kannst sowas in so kurzer Zeit erleben – sämtliche Wetterlagen, soviel Natur und diesen grandiosen Ausblick?" Jetzt muss nur noch der steifgefrorene Zeigefinger den Auslöser drücken.

Fotoworkshops Tiroler Naturparks

Die Tiroler Naturparks bieten im Sommer regelmäßig Fotoworkshops in kleinen Gruppen an. Die Kosten liegen bei 599 Euro inklusive Unterkunft, Verpflegung und Kursleitung. Die Anreise erfolgt auf eigene Kosten.
Tiroler Lech, Thema: Makro- und Landschaftsfotografie, 7. Juni bis 10. Juni, Anmeldeschluss: 15. Mai, Internet

http://www.naturpark-tiroler-lech.at
Naturpark Kaunergrat, Thema:

Makro- und Landschaftsfotografie,

13. bis 17. Juni, Anmeldeschluss: 31.

Mai, http://www.kaunergrat.at
Naturpark Ötztal, Thema: Grundlagen Naturfotografie, 8. bis 12. August,

Anmeldeschluss: 13. Juli, Internet http://www.naturpark-oetztal.at

Hochgebirgsnaturpark Zillertaler Alpen, Thema: Natur- und Bergfotografie, 16. bis 20. Juni, Anmeldeschluss: 20. Mai, http://www.naturpark-zillertal.at
Nationalpark Hohe Tauern, Thema: Außergewöhnliche Landschaftsperspektiven, 25. bis 29. Juli, Anmeldeschluss 15. Juni, http://www.hohetauern.at  

Autor: bz

Autor: Andrea Schiffner